Brinkmanns frühe Verlagssuche

Als Rolf Dieter Brinkmann 1965 dank Dieter Wellershoff seine erste verlegerische Heimat bei Kiepenheuer & Witsch findet, hat er bereits seit Ende der fünfziger Jahre seine Fühler zu anderen Verlagen ausgestreckt, so u.a. Suhrkamp und Rowohlt – jedoch damals ohne Erfolg. Michael Töteberg, viele Jahrzehnte später u.a. für die Neuedition von “Westwärts 1&2” bei Rowohlt zuständig, ist ins Deutsche Literaturarchiv Marbach gereist, um in den dortigen Beständen von Suhrkamp und Rowohlt zu recherchieren. In seinem Gastbeitrag für “Brinkmann, wild gefleckt” gibt er einen exklusiven ersten Eindruck seiner spannenden Spurensuche, welche durch die Corona-Krise abrupt unterbrochen wurde. ■ Ein Gastbeitrag von Michael Töteberg

 

 

„Wer aber hört denn schon unsre Stimme?“

Ablehnung über Ablehnung: Ein Blick in die Verlagsarchive von Suhrkamp und Rowohlt
Ein Bericht von Michael Töteberg

Manuskripte, Korrespondenzen, Nachlässe (und zunehmend auch Vorlässe) von Autoren erwartet man im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Doch im „Endlager der deutschen Literatur“, wie ein Spötter die Marbacher Institution bezeichnet hat, befinden sich auch die Archive von Verlagen, die eine etwas andere Sicht auf das Geschäft mit der Literatur bieten. Das Suhrkamp Archiv, für acht Million Euro angekauft, ist durch ein Forschungskolleg gut erschlossen; das Rowohlt Archiv, eine Schenkung, ist noch nicht so weit und auch nur beschränkt zugänglich. – Die hier präsentierten Funde sind Teil eines größeren Projekts, das noch weiterer Recherchen bedarf. Derzeit stoppt es, da in Corona-Zeiten auch das DLA Marbach geschlossen ist.

Am 6. Januar 1958 schickt Brinkmann, Vechta/Oldenburg, Kuhmarkt 1, an Peter Suhrkamp eine Gedichtauswahl. Im Begleitbrief bezieht er sich auf ein Schreiben von Manfred Hausmann vom 9. Mai 1957, aus dem er ausführlich zitiert:

„Wenn das Schaffensein ein Kriterium ist, dann allerdings sind die Verse, sind diese weggeschlenkerten Blutstropfen, sind diese verlorenen Rhythmen, sind diese Spiegelblitze, sind diese Rätselworte, sind Summen aus zusammengepreßten Lippen, sind diese Fetzen aus Gestöhn, diese Fetzen aus Gesichter, sind diese lautlosen Rufe nach ein bisschen Liebe, sind diese tiefgläubigen Gebete (die wahre Gläubigkeit, d.h. das erschütterte Zurücktaumeln vor der Wirklichkeit Gottes, äußert sich heute vermutlich in ‚Ungläubigkeit‘ und ‚Protest‘) gute, hervorragende, ans Genialische grenzende Gedichte“.

 

“Ich, Diether Brinkmann, bin Kriegsware, billiger Plunder.”

 

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R. D. Brinkmann als “Beckmann” in Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama Draußen vor der Tür (entstanden 1946/47). Schulaufführung in Vechta, 21.10.1957. ■ Foto: Josef Brinkmann (Vater des Autors)

Brinkmann möchte selbst nichts dazu sagen, fühlt sich aber bemüßigt zu Seiten langen Ausführungen: „Natürlich können wir schon wieder gute Butter kaufen für harte D-Mark, natürlich gibt es Fernsehen, Rundfunk, Nylonstrümpfe, Bars, Sekt … ETC. ETC. – aber können wir auch Werte kaufen -: drei D-Mark das Pfund??? — Ich, Diether Brinkmann (geb. 1938) [sic!], habe all das nicht mehr genau in Erinnerung, ich bin Kriegsware, billiger Plunder, aufgewachsen in einer Zeit, die keine Zeit ist! (oder sollte ich sagen -: WAR?) Meine Generation kann nur das notieren, was die gegenwärtige Zeit zu sagen hat, was sie uns anzubieten hat -: NICHTS! Als nur das einzige Erlebnis -: Heimatlosigkeit, – und ich meine damit nicht die äußeren Gegebenheiten. – Ach, und was DAS für einen Jugendlichen heißt, wer vermag das zu verstehen? – Man schreit immer nach uns, wer (WER?) aber hört denn schon unsre Stimme?“

Walter Boehlich, Cheflektor im Suhrkamp Verlag, schickt die Gedichte am 20. Februar 1958 zurück. Er lehnt ab, weil er „einerseits wirklich poetische Aussagekraft vermißt, anderseits aber zu deutlich Vorbilder hindurchschimmern“ (vor allem, aber nicht ausschließlich Gottfried Benn). Brinkmann möge doch zunächst versuchen, Gedichte in Zeitschriften zu veröffentlichen „und sich erst dann wieder an einen Verlag zu enden, wenn Sie diesem eine Auswahl anbieten könnten“.

Dies macht Brinkmann drei Jahre später, wieder kassiert er eine Ablehnung von Suhrkamp. Diesmal schreibt  Dr. Hans Magnus Enzensberger am 19. Mai 1961. „Ein Buch ist aus Ihrem Gedichtmanuskript auf keinen Fall zu machen“, befindet er. „Dazu ist das, was Sie uns geschickt haben, zu dünn, nicht nur im Sinne des Quantitativen. Sie tasten überall herum, keineswegs ahnungslos, im Gegenteil. Ein Zeitschriftenherausgeber könnte sicher zwei oder drei brauchbare Stücke in dem Manuskript finden.“ Abschließend gibt er dem Autor noch einen Rat: „Geduld und eine Menge Arbeit, Bücher sind eine lange und harte Sache, Flair allein tut es nicht.“

 

“Abgegriffene Bilder kontrastieren mit neuen, überraschenden Zeilen.” (Wolfgang Weyrauch)

 

Zuvor hatte Brinkmann seine Gedichte bereits vergeblich dem Rowohlt Verlag angeboten. Wolfgang Weyrauch, der im Nachwort der Lyrikanthologie Tausend Gramm den Begriff „Kahlschlagliteratur“ prägte, erkannte die Begabung des jungen Autors und ließ sich auf die Texte ein. „Ich habe mir zwei Gedichte herausgefischt, ‚Erwartend Lösungen in der Nacht‘ und ‚In Nacht getaucht‘“, schreibt Weyrauch am 20. März 1957. „Bei dem ersten Gedicht fallen Sie zwar einer modischen Manier zum Opfer, nämlich der Manier der Repetition. Doch absolvieren Sie im ganzen diese Manier auf eine konsequente Weise, so dass die Manier dadurch Stichhaltigkeit bekommt. In dem anderen Gedicht stehen sehr charakteristische Dinge: abgegriffene Bilder (die beiden ersten Zeilen) kontrastieren mit neuen, überraschenden Zeilen (dritte und vierte Zeile). Dann wieder fallen Sie der Zeitungsphrase anheim (Eigenleben, Inneneben), und ein anderes Mal unterwerfen Sie sich der interpunktionellen Ausflucht, statt die Bindestriche und das Ausrufezeichen, so wie es sich gehörte, durchs Wort zu fixieren. Andererseits sind die Schlüsse der Strophen zwei und drei original und genau.“

Negatives Votum von Peter Rühmkorff (13. März 1959) zum Lyrikmanuskript “Der tote Frühling”. Quelle: Rowohlt-Bestand im DLA. Zum Vergrößern der Ansicht anklicken.

Ob der Autor, noch keine 17 Jahre, mit solchen Bemerkungen etwas anzufangen wusste? Auch Weyrauch beendet sein Schreiben mit weisen Ratschlägen, von oben herab gegeben aus der Position des arrivierten Kollegen. „Nun, Sie sind sehr jung, und Ihre Gedichte sind, wie Sie im Untertitel schreiben, Ihre ersten Gedichte. Wir wollen abwarten.“ Aber er würde gern wieder etwas von ihm lesen, fügt handschriftlich noch ein Postskriptum hinzu: „Zeigen Sie doch mal Ihre Geschichten.“

Brinkmann kommt dem Wunsch nach und schickt „… die Sonntage sind hier langweilig“. Das Manuskript, ca. 30 Seiten, landet auf dem Tisch des Lektors Willi Wolfradt. Das hausinterne Gutachten – sechs Zeilen lang, datiert 9. Juli 1957 – ist überschrieben: „Keine Verheißung“. Wolfradt „vernimmt nur rohes Lallen der Pubertät, in das sich kaum minder unerquickliches Gestöhn knabenhafter Liebesverzückung mischt, zu einem fleckigen Gewirr aus lümmelnder Frühsexualität und hilfloser Gefühlsglut“.

 

“Alles ist durchtränkt von der lakonischen Müdigkeit des späten Benn.”
(Peter Rühmkorff)

 

Rolf Dieter Brinkmann in einem Laienspiel, Essen (um 1960)

R. D. Brinkmann in einer Laienaufführung des Theaterstücks: “Liebe übers Kreuz” (September 1959, im Ludwig Wolker-Wohnheim/Essen). Foto: Herbert Resch.

Neuer Anlauf: Brinkmann reicht (unter dem Pseudonym Diether ten Brink) die Sammlung „Der tote Frühling“ ein. Erhalten ist das negative Votum von Peter Rühmkorf, 13. März 1959. „Dieserart Lyrik ist heut en vogue und beliebt. Gezähmter Mallarmé, verschnittener Trakl, ondulierter Goll. Die üblichen, harmlos-gefälligen Vorstellungsketten, die man in der ästhetischen Provinz als modern empfindet: Asche – Nacht – Meer – ferne Gestirne – fremde Wege – Unendlichkeit – Tod. Und dabei ist alles so geborgt wie lahmflüglig.“ Abgelehnt.

Dritter Anlauf, ebenfalls vergeblich. Rühmkorf schreibt an Brinkmann (Essen, Schinkelstraße 57) am 28. Juni 1961 einen diplomatischen Absagebrief. Einerseits würden die Gedichte „artistisches Vermögen verraten“, andererseits scheint es „ein wenig an Kraft und unverwechselbarem Profil zu mangeln“. Deutlicher wird Rühmkorf in dem Kurzvotum, das der Akte beiliegt: „Nicht ganz unbegabte Verse von Keckheit und lyrischer Luftigkeit, die aber letztlich der Extensität den Vorzug vor der Intensität geben. Alles ist durchtränkt von der lakonischen Müdigkeit des späten Benn.“

Es sollte noch zwei, drei Jahre dauern, bis Brinkmann nicht nur in Zeitschriften und Undergroundblättern veröffentlichen konnte, sondern in etablierten Buchverlagen. Heute ist Rowohlt der Brinkmann-Verlag, hier erschien sein letzter Band Westwärts 1 & 2 sowie alle postum editierten Publikationen. Davor war er jahrelang Autor von Kiepenheuer & Witsch und dem dortigen Lektor Dieter Wellershoff verbunden. Das Verlagsarchiv von Kiepenheuer & Witsch ist jedoch nicht mehr einsehbar: zusammen mit dem Kölner Stadtarchiv verschwunden im Orkus.


Zur Person

Michael Töteberg (*1951) ◊ Filmwissenschaftler, Herausgeber, Leiter der Rowohlt Agentur für Medienrechte (1994-2017). ■ In seiner Zeit bei Rowohlt war er (in Zusammenarbeit mit Maleen Brinkmann) mitverantwortlich für die erweiterte Neuausgabe von Westwärts 1&2 (2005) und die Edition der frühen Lyrik in vorstellung meiner hände (2010). ■ Zuletzt erschienen ist: Rainer Werner Fassbinder transmedial. Hrsg. von Werner C. Barg und Michael Töteberg. Schüren Verlag 2020. Siehe auch seine Aktualisierung des Artikels “Rolf Dieter Brinkmann” in Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KLG) (Stand: 15. Februar 2020).


Mehr Informationen zum Kontext
Rolf Dieter Brinkmann: vorstellung meiner hände. Frühe Gedichte. Hrsg. von Maleen Brinkmann. Mit Beiträgen von Maleen Brinkmann und Michael Töteberg. Rowohlt 2010.

Markus Fauser (Universität Vechta) über Rolf Dieter Brinkmann, Vechta und die fünfziger Jahre → zum Beitrag auf diesem Blog

Markus Fauser (Universität Vechta): “Kassiber für Brinkmann”. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (9. April 2016) [Zu bisher unbekannten Liebesgedichten des Autors]

Gerrit Terstiege: “Die Pop-Literatur beginnt hier. Ein Blick auf das noch immer relativ unerschlossene Frühwerk des 1975 verstorbenen Autors”. In: Rolling Stone – Das Musikmagazin. April 2020, S. 78-83

Norbert Wehr auf Spurensuche in Essen, wo Brinkmann von 1959 bis 1962 lebte und eine Buchhändlerlehre absolvierte → zum Beitrag auf diesem Blog

 

Über RoDiBe

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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