Brinkmanns Orte: Vechta (1)

“In bescheidenen, aber geordneten Verhältnissen”.
Mit Rolf Dieter Brinkmann nach Vechta. –

Der Hamburger Schriftsteller und Journalist Daniel Dubbe hatte sich 1990 für den NDR Hörfunk auf Spurensuche zu Brinkmanns Kindheit und Jugend in seine Geburtsstadt Vechta begeben und zugleich eine Zeitreise in die 1950er und 1960er Jahre unternommen. Hier kann man das spannende Feature nachhören.

Rolf Dieter Brinkmanns Geburtsort Vechta bleibt in seinem Werk ein durchgehend präsenter Erinnerungsort. Doch ist sein Verhältnis zur Stadt zwiegespalten (siehe auch Brinkmanns Orte: Vechta, Teil 2). Bei aller, teils vehementen Kritik Brinkmanns an der Stadt, ihrer von ihm als bedrückend und kleingeistig empfundenen Atmosphäre, sowie der damit verbundenen traumatischen Erinnerungen an Schule und Elternhaus, blitzen gerade in den Aufzeichnungen der 1970er Jahre immer wieder Passagen auf, die von einer tiefen Bindung Brinkmanns an diese Stadt sprechen, wo sich heute auch sein Grab befindet.

Der Hamburger Schriftsteller und Journalist Daniel Dubbe, von seinem Jahrgang her ein Generationsgenosse Brinkmanns, hatte sich 1990 für den NDR Hörfunk auf Spurensuche in die niedersächsischen Provinz begeben. Damals steckte die Erforschung von Brinkmanns Werk und Beschäftigung mit dessen Biografie noch in den Anfängen. Mit seinem halbstündigen Radiofeature leistete Daniel Dubbe damals somit echte Pionierarbeit. Grund genug, dieses auch heute noch hörenswerte Dokument der Annäherung wieder zugänglich zu machen.

Roberto Di Bella

Das Feature nachhören
Auszüge aus dem Sendemanuskript

Rolf Dieter Brinkmann. Geboren am 16.04.1940 in Vechta, Südoldenburg. Kleinstadt, 25.000 Einwohner, fast achtzig Prozent katholisch. Verbrachte die ersten zwanzig Jahre seines Lebens in Vechta. Ging Ende der 50er Jahre nach Essen, um dort eine Buchhändlerlehre anzufangen. Und dann nach Köln, um zu schreiben.

Für mich war Brinkmann der interessanteste Schreiber überhaupt. Er stand für eine neue Richtung, einen neuen Stil. Etwas Befreiendes, Öffnendes ging von ihm aus, eine Hoffnung auf Veränderung über die Literatur hinaus. In der Euphorie der Endsechziger und der frühen Siebziger Jahre spielte es allerdings keine Rolle, woher einer kam, eher, wohin er ging.

Brinkmanns Erinnerungen an Vechta reichen zurück bis in die vierziger Jahre. »Stukas auf dem Flugplatz Vechta etwa 1944 und die Kanzeln aus Plexiglas, die mich faszinierten« – »lange kratzende Wollstrümpfe«, »meine militärischen Grüße Heil Hitler mitm Stahlhelm vom zivilen Luftschutz auf dem Kopf des 4jährigen Jungen, der ich einmal war«. In dem »Lied vom kalten Bauern auf dem Land, Westdeutschland, Krieg und Nachkriegszeit« aus dem Gedichtband Westwärts 1&2 heißt es über diese Zeit: »… ich wurde geboren, fremd meiner eigenen Mutter und fremd meinem Vater, der auf dem Fahrrad nach Hause kam. Sie saßen auf den Kohlenkisten im Dunkeln, umarmt. Sie saßen im Keller, umarmt. Die Fenster und Türen sprangen aus dem Rahmen, die Bilder fielen von der Wand, die Einmachgläser zerklirrten, es war im Frühling, es war im Frühling voller Glasscherben, und der Frühling war schief«. […]

Die Reise mit Rolf Dieter Brinkmann nach Vechta ist vor allem eine Reise zurück in die fünfziger Jahre. Brinkmann fühlte sich in eine gigantische Kulturzerstörung und in ein ungeheures Sinnvakuum hineingeboren. Niemals ist ein Generationskonflikt so groß gewesen wie zwischen diesen Vätern der Kriegsgeneration und diesen Söhnen, die in den Fünfzigern heranwuchsen, viel größer als bei einem normalen Generationswechsel – etwa zwischen der Woodstock-Generation und deren Kindern, wo die Werte letztlich bis auf geringfügige modische Umorientierungen relativ fraglos übernommen werden. Zwischen der Kriegsgeneration und deren Kindern aber: ein buchstäblicher Bruch. Brinkmann formuliert es mit der ihm eigenen Heftigkeit: »Erinnerung: Daß ich oft den Alten angeschrieen habe, daß er besser daran getan hätte, sein Sperma gegen die Wand zu spritzen als mich in diese total beknackte Welt zu setzen…«

In den fünfziger Jahren galt noch, was sich vorher in schwierigen Zeiten als geeignetste Überlebenstechnik bewährt hatte: nicht auffallen, sich unterordnen, sich anpassen, sparsam sein und die eigenen Wünsche und Triebe unterdrücken, kurz: Konformismus und sexuelle Repression. Die Jungen wollten natürlich was Anderes. Sie lasen Tom Mix, Tom Prox, Billy Jenkins, Pete Buffalo Bill, später Karl May und Gerstäcker. Ihr Unbehagen, ihr Frust macht sich erstmal in Streichen Luft. Wildes, abendliches Klingeln an fremden Haustüren. Warten, bis die Tante zum Friedhof geht, sie geht immer sonntags zum Friedhof, und ihr dann Zigaretten und Schnaps klauen und sich besaufen. Kinder ziehen gröhlend durch dieses ländliche Bühnenbild. Eine dumpfe Aufsässigkeit steckt dahinter, eine Revolte, der noch die Anhaltspunkte für eine mögliche Richtung fehlen: »Eine lange Kette verlorerer, sinnlos verbrachter Tage und Wochen«, wie Brinkmann später in seinen Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand notiert, »durchsetzt mit Wut und Haß und verwirrten Aufstandsgesten« […].

Aber dann gab es doch die ersten Andeutungen, daß es etwas Anderes geben könnte: Benn, Sartre und die Musik im AFN. Neue Töne, eine eigene wenn auch schwermütige Stimme und eine verlockende neue Philosophie: der Mensch ist zur Freiheit verurteilt; erste Radtouren nach Oldenburg, Osnabrück und sogar bis nach Hamburg rauf. Der typische Held dieser Zeit ist der junge, von seinen Eltern unverstandene Einzelgänger […]. In Brinkmanns Tagebüchern spielen die Erinnerungen an Vechta eine sehr große Rolle. Er wollte wissen, woher er kam und was ihn geprägt hatte: »(ich muss Fakten kriegen, in welcher Kulisse ich groß geworden bin, 4 Jahre, 10 Jahre, 17 Jahre, 20 Jahre)/:(ansehen: bis ich die Engramme weghabe und das Muster sehe, das mich erledigen wollte.« […]

Brinkmann hat mit heftigen Worten immer wieder das Tote, Unlebendige, Erloschene, Leblose, Erschlaffte, Zerfallene in dem,  was er überall spürte, beklagt, und im Gegensatz dazu: »jetzt, würde ich sagen, wenn ich meine Lebensbewegung bis jetzt definieren müßte, war jedes, was ich gemacht und unternommen habe, eine Suche nach Intensität

Innerlich kehrte er oft an seinen Heimatort Vechta zurück, um dort so etwas wie der »eigenen Identität« nachzuspüren »einer tragenden Vorstellung, von der ich ausgehen könnte«. Aber in den Erinnerungen bieten sich ihm fast nur Schreckbilder und »erstarrtes Leben«. […]

Aus: “In bescheidenen, aber geordneten Verhältnissen”. Mit Rolf Dieter Brinkmann nach Vechta.
Eine Sendung von Daniel Dubbe. Produktion: Monika Eckhoff. Redaktion: Dietrich Schilling.
Lesereisen, Freitag, 26.01.1990, NDR 3, ca. 28 Minuten.


Imagefilm der Stadt Vechta

Zum Autor
Daniel Dubbe (*1942 in Hamburg) ist freier Journalist und Schriftsteller. Weitere Informationen zu seiner Person und seinen Veröffentlichungen  gibt es auf diesem Blog hier.

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