Norbert Hummelt: Einer jener Klassiker

Rolf Dieter Brinkmann im Porträt durch den Lyriker und Literaturübersetzer Norbert Hummelt (*1962).

„An Brinkmann kam man nicht vorbei. Nur kam ich öfters an seinem Haus vorüber, als er noch nicht viel länger als zehn Jahre tot war. Ich wohnte damals in Köln am Zülpicher Platz, einer der lautesten und urbansten Ecken Kölns. Wo sich Zülpicher und Roonstraße kreuzen, läuft eine stillere Straße diagonal auf den Platz zu: die Engelbertstraße. Eine jener grauen Straßen, ‚die niemand liebt und atemlos / macht, beim Hindurchgehen‘“.

Welche Nummer er gewohnt hatte, es war die 65, konnte ich mir schlecht merken, so war immer die ganze, als Abkürzung auf den Rudolfplatz führende Straße Brinkmann-Land. Kam man zur Richard-Wagner-Straße, war klar: links geht es zum Brinkmann-Postamt. Dann durch die Unterführung zum Aachener Weiher, der schon auf den ersten Seiten seines Romans Keiner weiß mehr genannt und so für den Leser zum Brinkmann-Weiher wird. Jeder Baum, jede Litfaßsäule, jeder Balkon stand hier im Verdacht, von Brinkmann gesehen, beschrieben, beschimpft worden zu sein, was aufs selbe hinauslief.

Die Intensität, mit der einer die Dinge wahrnimmt, glühend oder erschöpft, atemlos vor Liebe oder vor Zorn, verändert die Dinge, das spürt man beim Hindurchgehen. Wer in Köln lebte und Gedichte schrieb, mußte mit dieser Präsenz umgehen, nicht bloß, weil das nach Brinkmann benannte Stipendium die Weihe war, die man unbedingt haben wollte. Unbedingt brauchte ich damals auch Westwärts 1&2, das Kultbuch und Vermächtnis des Autors, das mit seinem Unfalltod 1975 erschienen, später aber vergriffen war (die Neuauflage erschien erst 2005). Ich bekam es in einem Antiquariat unter dem Ladentisch für 30 Mark, das war viel Geld, es war der 4. November 1988, wie ich mir sofort aufs gelbe Deckblatt notierte. An einem jener klassisch verregneten Novemberabende traf ich mich mit Marcel Beyer in meiner Einzimmerwohnung in der Zülpicher Straße 4, und wir verfaßten Cover-Versionen auf „Einen jener klassischen“, Brinkmanns lyrische Hit-Single, die mich immer ein bißchen an Udo Jürgens’ „Griechischer Wein“ erinnert hat, aber das tut der Sache keinen Abbruch.

Einen jener klassischen

schwarzen Tangos in Köln, Ende des
Monats August, da der Sommer schon

ganz verstaubt ist, kurz nach Laden
Schluß aus der offenen Tür einer

dunklen Wirtschaft, die einem
Griechen gehört, hören, ist beinahe

ein Wunder: für einen Moment eine
Überraschung, für einen Moment

Aufatmen, für einen Moment
eine Pause in dieser Straße,

die niemand liebt und atemlos
macht, beim Hindurchgehen. Ich

schrieb das schnell auf, bevor
der Moment in der verfluchten

dunstigen Abgestorbenheit Kölns
wieder erlosch.

Das ist keine der schärfsten Nummern des Autors, zeigt wenig von seinem legendären Zorn, es ist radiotauglich – aber wie bei manchen soften Hits harter Bands hat man doch eine Schwäche dafür. Beyers Version fing an: „Einer jener ranzigen“, meine: „Keiner jener schlampigen“. Parodie als Abwehrzauber, den man brauchte, um mit der Ikone Brinkmann umgehen zu können, dem, wie Heiner Müller meinte, vielleicht einzigen Genie der westdeutschen Nachkriegsliteratur.

 

Man liest Gedichte Brinkmanns und sieht,
dass Gedichte dazu da sind, Theorien scheitern zu lassen

 

Wie man selbst, so war auch Brinkmann von anderswo nach Köln gekommen, denn damals ging man nach Köln wie heute nach Berlin. Am 16. April 1940 in Vechta geboren, im flachen Oldenburger Land, ging er 1959 nach Essen, um eine Buchhändlerlehre zu machen. 1962 kam er nach Köln und begann ein Pädagogikstudium, das er abbrach, um freier Autor zu werden. Seine frühe Prosa war noch beeinflußt vom französischen Nouveau Roman. Seine Gedichte speisten sich bald aus anderen Quellen, zu denen eher die Rockmusik als die Tradition zählte. Lyrik der amerikanischen Pop-Literaten brachte er als Herausgeber der Anthologie ACID nach Deutschland, stilbildend für ihn und durch sein Beispiel für mehrere folgende Lyriker-Generationen. Mit einer verknappten, auf Sinnesreize und ihre spröde Notation reduzierten Technik verfertigte er Snapshot-Gedichte, einfach wie Polaroids. Daß es jedoch ein Kunstgriff war, der nicht jedem gelingt, der eine Straßenszene mal eben auf Papier bannen möchte, zeigt der Abstand, der zwischen seinen Standphotos und späteren Versuchen bis heute zahlloser Brinkmann-Epigonen besteht.

Norbert Hummelt: "Keiner jener schlampigen" (1993)

Norbert Hummelt: „Keiner jener schlampigen“ (1993)

Ein seltsames Phänomen: Man glaubt sicher zu wissen, daß zwischen Sprache und Welt ein Abgrund klafft, an dem jeder Versuch scheitern muß, die Dinge ungefiltert und direkt in Worte zu setzen. Aber dann liest man Gedichte Brinkmanns und sieht, daß Gedichte dazu da sind, Theorien scheitern zu lassen. Vielleicht also nur bei ihm diese rasend schnelle, glückende Übersetzung vom Bild ins Wort, geleitet von ungeheuer empfindlichen Nerven. Denn Brinkmanns Nerven lagen immer blank, beruhigen konnte ihn nur das Geklapper der Schreibmaschine, das die eigene Unruhe laut werden ließ und fixierte. Sein Arbeitszimmer in der Engelbertstraße lag nach vorn, das seiner Frau Maleen nach hinten, im Raum dazwischen schlief das Kind, Robert, dessen bloße Existenz an seinen Nerven zerrte, weil ihn, der alle die großen Geräusche der Welt, den Lärm der Autos und der Flugzeuge, die Sounds des Radios und das allgemeine Geplapper, die Schriftzüge der Plakate und Bildschirme, aufsaugte, der – wie die von ihm bedichtete Orangensaftmaschine – alles auspreßte, so daß es als Sprache unten wieder rauskam, deutsche Sprache, Dichtungssprache, ihn enervierte jedes intime Geräusch, weil es ihn vom Schreiben abhielt, der einzigen Form, ihm das Leben erträglich zu machen.

Das denkt man, darauf kommt man, wenn man wieder seine Bücher vorholt, die an Zorn und Vitalität nichts verloren haben, was nicht heißt, daß man sie lieben muß. Vieles in den großen Materialienbänden, Rom, Blicke, Erkundungen und Schnitte, in denen er nicht zuletzt seine Erfahrungen als Stipendiat in der römischen Villa Massimo in genialisch wüsten Collagen aus Fotos, Postkarten, Pornographie, abgetippten Liebesbriefen, endlosen Tiraden und Augenblicksnotaten festhielt, ist geradezu abstoßend gut und genau geschrieben. Sein für mich bestes Buch bleibt der makellose Gedichtband Westwärts 1&2, mit dem er sich nach fünfjähriger Abstinenz vom Literaturbetrieb zurückmeldete, nur um im gleichen Monat in London vor ein Taxi zu laufen – und die Nachwelt mit dieser unerschöpflichen Sammlung langer und kurzer, mal wie gewohnt drauflos schimpfender, dann überraschend innehaltender Poesie allein zu lassen. Darunter weit ausgreifende, flächig angelegte lyrische Tableaus, die die Leserichtung nicht festlegen, das Auge schweifen lassen und so die ständige Unruhe der Wahrnehmung simulieren, die ihnen vorausgegangen ist. Neben dem Sound der Straße sind es die Gärten und das Licht, die eine melancholische Schönheit über den Nachkriegstrümmern ausgießen, die hier wie in einem Kyffhäuser aus Sprache aufgetürmt liegen, manches erinnert an die Parlando-Gedichte des späten Benn. Das muß man lesen und das wird man lesen, ich tue es jetzt, Ende des Monats August 2008, da der Sommer in Berlin schon ganz verstaubt ist.

Der Text von Norbert Hummelt entstand 2008 als Beitrag für das Programmheft zu dem Theaterexperiment von Schorsch Kamerun: Westwärts – Ein begehbarer Ausnahmezustand, basierend auf Texten von Rolf Dieter Brinkmann (20., 21., 24., 26. und 27. September 2008 in der Maschinenhalle Zweckel, Gladbeck. – Im Rahmen der Ruhrtriennale 2008, 22.08 – 5.10.).


Weitere Beiträge des Autors zum Thema Brinkmann

Norbert Hummelt: „‚Ich schrieb das schnell auf‘. Werkstattgespräch geführt mit Roberto Di Bella“ → zum Interview.

Norbert Hummelt: „‚Ich schrieb das schnell auf‘. Rolf Dieter Brinkmann und die Suche nach dem Unmittelbaren“. SWR 2 – Feature am Sonntag (12. April 2015). → zum Audio-Beitrag

 

Zur Person

Norbert Hummelt // Foto: Kerstin Nieke

Norbert Hummelt // Foto: Kerstin Nieke

Norbert Hummelt wurde 1962 in Neuss am Rhein geboren, wuchs dort auf. Er studierte von 1983 bis 1990 Germanistik und Anglistik in Köln und arbeitet seit 1991 als freier Schriftsteller. Nach langen Jahren in Köln und Umgebung zog er 2006 nach Berlin. Für seine Gedichte wurde er u. a. mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium, dem Mondseer Lyrikpreis, dem Hermann-Lenz-Stipendium und dem Niederrheinischen Literaturpreis ausgezeichnet. Norbert Hummelts Gedichte erscheinen seit 2001 im Luchterhand Verlag: Zeichen im Schnee (2001), Stille Quellen (2004), Totentanz (2007), Pans Stunde (2011), außerdem der Essay Wie Gedichte entstehen (mit K. Siblewski, 2009). Ein neuer Gedichtband erscheint im Herbst 2016. Er hat u.a. ausgewählte Gedichte von Thomas Kling (schädelmagie, Reclam 2008) und Durs Grünbein (Limbische Akte, Reclam 2011) sowie die Neuübertragung der Gedichte von W.B. Yeats (Luchterhand 2005) herausgegeben. Im Suhrkamp Verlag erschienen seine Neuübertragungen der Gedichte von T.S. Eliot, The Waste Land/Das öde Land (2008) und Four Quartets/Vier Quartette (2015). Außerdem zahlreiche Essays und Radio-Features v.a. zur Literatur der Romantik und Moderne und zur Poetik des Gedichts. Seit 2002 unterrichtete er wiederholt als Gastdozent am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Für weitere Texte und Töne siehe auf poetenladen.de, literaturport.de und lyrikline.org.

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