Interview mit Eckhard Rhode

Nicht nur stumme Lippenbewegungen.
Interview mit Eckhard Rhode

 

//  Eckhard Rhode (*1959), Lyriker und Schauspieler, sprach mit Gunter Geduldig, Stella Schüssler und Ursula Schüssler über seine Hauptrolle in Harald Bergmanns Filmprojekt Brinkmanns Zorn (2006) und seine Beziehung zu Person, Werk und Poetik des Dichters.

Im Herbst des Jahres 1973, rund 18 Monate vor seinem Tod, besorgte sich Rolf Dieter Brinkmann ein professionelles Reporter-Tonbandgerät der Marke Uher und sprach über einen Zeitraum von drei Monaten seine Gedanken und Ansichten in ein Mikrofon. Anlass war das für den WDR in Köln produzierte Feature Die Wörter sind böse. Kölner Autorenalltag 1973.1)Rolf Dieter Brinkmann: Die Wörter sind böse. Kölner Autorenalltag 1973. Eine subjektive Dokumentation von Rolf Dieter Brinkmann. O-Ton-Collage ...weiter lesen Brinkmann nahm das portable Gerät mit sich in die Stadt und nahm auf den Kölner Straßen und Plätzen (wie auch in der eigenen Wohnung in der Engelbertstraße 65) Geräusche, Freunde und seine Umwelt auf. Es sind insgesamt über 12 Stunden Material.2)Die Hälfte hiervon wurde als CD-Edition 2005 veröffentlicht. Vgl. Rolf Dieter Brinkmann: Wörter Sex Schnitt. Originalaufnahmen 1973. Hrsg. von ...weiter lesen Sie bildeteten die Grundlage für den Kinofilm  Brinkmanns Zorn (2005/6) des Berliner Filmemachers Harald Bergmann.

In dem u.a. mit dem Adolph-Grimme-Preis 2009 ausgezeichneten Film verlieh der Schauspieler und Lyriker Eckhard Rhode dem Dichter physische Präsenz, indem er lippensynchron zu den alten Tonbändern agierte. Das folgende Interview führten Gunter Geduldig, Stella Schüssler und Ursula Schüssler im März 2007. Anlass war die Deutschlandpremiere des Films in Brinkmanns Geburtsstadt Vechta. Der wenig bekannte Text wird hier (in zwei Teilen) anlässlich des 75. Geburtstags des Autors nochmals veröffentlicht.3)Für die Erstveröffentlichung der Druckfassung siehe den Band Wörter & Moor: literarisches Leben hier zu Lande. Hrsg. von Gunter Geduldig. ...weiter lesen

Roberto Di Bella


Herr Rhode, wir in Vechta haben uns natürlich sehr darüber gefreut, dass die Filmpremiere von Brinkmanns Zorn hier und nicht in Köln oder Berlin stattfand. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung zugunsten von Vechta?  4)Die Premiere in Köln fand am 6. Januar 2007 im Filmforum NRW statt, die in Vechta am Tag zuvor in einem örtlichen Kino. 2007 erschien der ...weiter lesen

Unabhängig davon, wer diese Entscheidung getroffen hatte, empfand ich es persönlich als passend und angemessen, dass der Film vorab in Vechta gezeigt wurde. Bei mir spielen dabei durchaus auch subjektive Motive mit. Ich komme aus Oldenburg und habe dort zwanzig Jahre gelebt. Auch den südoldenburger Raum kenne ich ganz gut, Cloppenburg vor allem. Insofern kann ich, glaube ich, ganz gut beurteilen, wie viel Brinkmann dieser Landschaft verdankt. Die von der ländlichen Umwelt empfangenen Eindrücke und Empfindungen sind in seinem Werk an zahlreichen Stellen präsent. Diese Landschaft ließ ihn lebenslang nicht los. Dass Brinkmann das flache Land schätzte und den weiten, nicht verstellten Blick, war sicher seiner norddeutschen Heimat geschuldet. Und deswegen war es gut, bei der Filmpremiere in das hiesige Lokalkolorit, in die Stimmung hier einzutauchen und erst anschließend, tags drauf, mit der zweiten Premiere nach Köln zu gehen.

Dann können Sie ja die beiden Ereignisse und das jeweilige Publikum gut miteinander vergleichen. Gab es da große Unterschiede?

Plakat zum Film Brinkmanns Zorn (2006)

Plakat zu Harald Bergmanns Film Brinkmanns Zorn (Kinofassung 2005/6)

In Köln war ich derart nervös, dass ich vom Publikum so gut wie nichts mitbekommen habe. [lacht] Es war unglaublich voll, es waren an die 500 Leute gekommen, einfach überwältigend; von anderen Eindrücken kann ich gar nichts berichten. Dafür sind mir meine Empfindungen in Vechta umso präsenter. Es begann bereits während des letzten Abschnitts der Zugfahrt ab Bremen. Den ländlichen Charakter der Gegend habe ich sehr genossen. Ich kam in Vechta sehr früh an und hatte demzufolge Gelegenheit, immer wieder, bestimmt vier, fünf, sechs Mal die Hauptstraße rauf- und runterzugehen, einfach um diese dörfliche Struktur auf mich wirken zu lassen. Ich sah mich dabei als das Kind, das ich einmal gewesen war. Und auch abends bei der Premiere habe ich alles genau registriert. Ich nahm wahr, wer wie kam. Das hat mir alles gut gefallen.

Wir, die wir hier ‚zu Lande‘ leben, sehen freilich auch das Absonderliche der Provinz. So erleben wir immer wieder, dass Kunstprodukte für bare Münze genommen werden. Zum Fiktionalen unterhält man hier gerne ein unverstelltes, um nicht zu sagen naives Verhältnis. Artifizielles hat in diesem geradlinigen Denken keinen Platz. In dieser Hinsicht setzt sich die bäuerliche Tradition durch. Eine kleine Anekdote mag diese Annahme vielleicht veranschaulichen: Während man nach der Filmpremiere zum gemeinsamen Essen und Trinken zusammensaß, wurde ich von einer Bekannten gefragt, wer denn dieser Herr dort am Tisch sei. Damit waren Sie gemeint. Die Dame hatte Sie kurz zuvor anderthalb Stunden lang auf der Leinwand agieren sehen, aber sie hatte Sie nicht als Schauspieler wahrgenommen, sondern als Rolf Dieter Brinkmann. Dass da eine fiktionale Brechung vorlag, hatte sie offenbar nicht verinnerlicht. Mal ganz abgesehen davon, dass eine solche konsequente Verwechslung von Akteur und Rolle natürlich auch für Ihre schauspielerische Leistung spricht …

… ein Lob, das ich gerne und dankend annehme. Inwieweit aber hier zu Lande das Verhältnis zur Kunst, wie Sie es ausdrückten, naiv und unverstellt ist, möchte ich nicht mit Bestimmtheit behaupten wollen. Man sollte auch nicht vergessen, dass Brinkmanns ästhetisches Ideal gerade aus einem unverstellten, unvermittelten und sinnlichen Zugang zur Wirklichkeit bestand, sowohl was den Blick auf die Außenwelt angeht als auch die sprachliche Fixierung.

„Rolf Dieter Brinkmann wird in unserem Film mit all
seinen Widersprüchen gezeigt, auch was seine Vaterrolle angeht.“


Trotzdem: Dieser Neigung, Gelesenes und Gehörtes im Verhältnis eins zu eins in die eigene Wahrnehmung umzusetzen, begegnen wir immer wieder. Ein weiteres Beispiel: Nach der Filmpremiere äußerte ein älterer Herr, der in seiner Jugend Rolf Dieter Brinkmann womöglich persönlich gekannt hatte, er sei ganz erstaunt, wie liebevoll Brinkmann mit seinem Sohn Robert umgegangen sei. In der Wahrnehmung dieses Zeitzeugen hatte sich offenbar der ruppige Ton des sich selbst als Einzelgänger und Außenseiter stilisierenden Schriftstellers mit dem Charakter des Menschen Rolf Dieter Brinkmann untrennbar vermischt.

Vielleicht rührt die Überraschung, von der Sie berichten, einfach daher, dass noch in keinem anderen Kontext Brinkmann als Vater vorkam. Aus der Lektüre seiner Bücher lässt sich kaum ableiten, ob Brinkmann ein guter, liebevoller Vater gewesen ist. Der Film vermittelt ein neues, unbekanntes Bild von Brinkmann – nicht weil er ihn als guten Vater, sondern überhaupt als Vater schildert. Rolf Dieter Brinkmann wird in unserem Film mit all seinen Widersprüchen gezeigt, auch was seine Vaterrolle angeht. Man muss sich einmal diesen eklatanten Widerspruch vor Augen führen: Als Schriftsteller ist Brinkmann davon überzeugt, dass die Sprache unfähig sei, einen Zugang zur Wirklichkeit zu ebnen, und versucht durch Verwendung medialer Ausdrucksmittel die Fesseln der Sprache zu sprengen. Und auf der anderen Seite bemüht er sich als Vater mit rührender Sorge, seinem Sohn wenigsten ein paar Laute derselben Sprache beizubringen, die ihm als Autor suspekt erscheint. Wahrscheinlich war er auch in solchen Augenblicken von einer Sehnsucht nach einer Kommunikation jenseits der Sprache erfüllt.

Brinkmann war zwar sprachkritisch und sprachskeptisch, auf der anderen Seite aber auch äußerst sprachmächtig. Der Beweis dafür liegt in Form seiner Bücher auf dem Tisch. Da bedeutete es für ihn bestimmt eine besondere Tragik, dass sein Kind nicht oder kaum sprach und dass seine eigene Sprachgewalt auf diese Sprachlosigkeit prallte.

Ja, das sehe ich auch so.

Sprechen mit fremder Stimme


Zurück zu Ihnen als Schauspieler. Sie, der Sie sich außerordentlich gründlich mit Brinkmann beschäftigt haben, schlüpfen für den Film in seine Rolle, sprechen zudem nicht selber, sondern bewegen Ihre Lippen synchron zu dieser fremden Stimme. Ich stelle mir vor, dass dieser Vorgang eine noch intensivere Nähe zu einer anderen Person herstellt als dies bei dem üblichen Synchronisieren der Fall ist. Wird man dabei nicht unweigerlich verrückt, wird man dabei nicht ein Anderer?

Ich denke, zum Schauspielersein gehört generell dazu, sich selbst als eine andere Person begreifen zu können bzw. sich selbst als anders, unterschieden von sich erfahren zu haben. Das ist doch eine Bedingung für die Darstellung eines von einem selbst unterschiedenen Charakters. Träger dieser Differenzierung, vielleicht sogar: Spaltung ist ja die Sprache (der Andere), und der Vorgang, sich mittels der Übertragung einen Zugang zu einem anderen Menschen, zu einer anderen Person zu verschaffen, ist ein magischer und auch sexuell aufgeladener Vorgang. Schauspielen ist solch ein magischer Vorgang einer solchen Verwandlung, faszinierend, gefährlich, neurotisch und abweichend. Davon zeugen zahlreiche Biographien großer Schauspieler.

Dadurch, dass Sie mit fremder Stimme sprechen, wird dieser Effekt noch zusätzlich verstärkt.

Obwohl man das im Detail betrachten muss. Bei den Dreharbeiten habe ich nicht nur stumm die Lippen bewegt, sondern die Texte laut gesprochen. Sonst hätte ich gar nicht den Drive bekommen, den Körper passend zu bewegen. Ohne das laute Sprechen hätte mir der Atem gefehlt, mit dem Körper zu agieren. Stumme Lippenbewegungen hätten unweigerlich jede Geste zunichte gemacht.

Glauben Sie, dass es für Sie möglich gewesen wäre, den Brinkmann zu spielen, ohne sich so gründlich mit seinem Werk auseinandergesetzt zu haben?

Nein, das glaube ich nicht. Immerhin beschäftige ich mich seit 1980 mit Brinkmann und habe ihn zehn Jahre lang intensiv gelesen. Ich habe sogar alles das gelesen, was er gelesen hat.

Wie kamen Sie überhaupt zu Brinkmann?

Eckhard Rhode // Foto: Christine Ratka

Eckhard Rhode // Foto: Christine Ratka

Nun, das hat eine gewisse Vorgeschichte. Ich bin in Oldenburg aufgewachsen und habe dort zwanzig Jahre gelebt. Aber dann hielt ich es dort nicht mehr aus. Ich ging vor allem deswegen weg, weil ich den Eindruck hatte, nicht das finden zu können, was ich zum Schreiben brauchte. 1980 zog ich nach Hamburg, um dort in der „Buch Handlung Welt“ von Hilka Nordhausen in der Marktstraße 12 im Karolinenviertel zu arbeiten. Das war eine phantastische Buchhandlung, die alle Bücher führte, die in anderen Buchhandlungen nicht zu finden waren. Ja, und dort lag da dieses eine Buch auf dem Tisch, ein Buch, das ich aufschlug und mich von der ersten Zeile an faszinierte …

… und dieses Buch war Rom, Blicke …

… mit dem ich mich in den ersten zehn Jahren meiner Brinkmann-Lektüren ausführlich beschäftigt habe.5)Von Oktober 1972 bis ca. Ende August des Folgejahres war Brinkmann Stipendiat der Deutschen Akademie/Villa Massimo in Rom. Unter dem Titel Rom, ...weiter lesen Was mich an dem Buch fesselte, war dieser literarische Grenzgang, bei dem visuelle Elemente – eben „Blicke“ – in Sprache umgesetzt werden. Das kannte ich sonst von keinem anderen Autor. Mich faszinierte die Anwesenheit des Blicks, des Sehens und dessen Umsetzung in Sprache, mich faszinierte das Imaginäre, das Bild, die Wahrnehmung, im Verhältnis zum Symbolischen. Zwischen beidem gibt es eine gemeinsame Schnittmenge. In diesem Überlappungsbereich hat Brinkmann gearbeitet, und das hat mich interessiert. Das Besondere an Brinkmann ist dieser allgegenwärtige Blick. Es gibt Menschen, die sich beobachtet fühlen; Brinkmann macht es genau umgekehrt: Er beobachtet. Indem er seinen Blick aussendet, versucht er eine für diesen Blick möglichst adäquate, durchlässige sprachliche Form zu finden. Damit habe ich mich in den ersten zehn Jahren meiner Brinkmann-Lektüre ausführlich beschäftigt.

 

Lesen Sie hier Teil 2 des Interviews.


Anmerkungen   [ + ]

1. Rolf Dieter Brinkmann: Die Wörter sind böse. Kölner Autorenalltag 1973. Eine subjektive Dokumentation von Rolf Dieter Brinkmann. O-Ton-Collage über die Alltagserfahrungen des Kölner Schriftstellers. Regie: Hein Bruehl, Redaktion: Hanns Grössel. Westdeutscher Rundfunk (WDR), 26. Januar 1974, 49:44 Min. Diese Sendung wurde bislang nicht veröffentlicht.
2. Die Hälfte hiervon wurde als CD-Edition 2005 veröffentlicht. Vgl. Rolf Dieter Brinkmann: Wörter Sex Schnitt. Originalaufnahmen 1973. Hrsg. von Herbert Kapfer und Katarina Agathos. Unter Mitarbeit von Maleen Brinkmann. 5 CDs (360 Min.). München: Intermedium Records 2005.
3. Für die Erstveröffentlichung der Druckfassung siehe den Band Wörter & Moor: literarisches Leben hier zu Lande. Hrsg. von Gunter Geduldig. Oldenburg: Isensee-Verlag 2007, S. 125-136. Für die Erlaubnis zur Wiederveröffentlichung auf meinem Blog danke ich herzlich allen Beteiligten. Die Anmerkungen wurden von mir ergänzt.
4. Die Premiere in Köln fand am 6. Januar 2007 im Filmforum NRW statt, die in Vechta am Tag zuvor in einem örtlichen Kino. 2007 erschien der Director’s Cut als vierteilige DVD-Edition. Alle Infos hierzu auf www.brinkmannszorn.de
5. Von Oktober 1972 bis ca. Ende August des Folgejahres war Brinkmann Stipendiat der Deutschen Akademie/Villa Massimo in Rom. Unter dem Titel Rom, Blicke stellt Brinkmann umfangreiches Material zusammen: Briefe und Postkarten an seine Frau Maleen, einige Freunde und Schriftstellerkollegen, dazu eigene Fotos und Kartenmaterial. Posthum wenige Jahre nach dem Tod des Autors veröffentlicht, zählt Rom, Blicke im Rückblick trotz oder gerade wegen seines hybriden Charakters zwischen Tagebuch, Briefroman und Materialheft zu den wichtigsten literarischen Veröffentlichungen der 1970er Jahre.
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