Sebastian Polmans

Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann

Sebastian Polmans // Foto: Maleen Polmans

Sebastian Polmans // Quelle: privat

1. Wie bist Du auf Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam geworden?
Als ich im Winter 2011 in Rom gearbeitet und gelebt hab‘, entdeckte ich sein Buch Rom, Blicke. Es lugte ein klein wenig aus einem der Bücherregale in der Bibliothek des Casa di Goethe-Museums hervor, sodass ich schon von weiter weg das Pink vorne auf dem Einband leuchten sah. Ich war sehr froh, als ich das Buch sah und dass es solche Bücher überhaupt gibt. Ich hab’ mir das Buch für einige Wochen ausgeliehen und dachte beim Stöbern darin: „Was für ein schöner und liebender Mensch!“ Seine wütenden Sätze hatten etwas sehr Freierfindendes und Vorfühlendes. Für mein Empfinden sind seine Blicke vollgepackt mit Liebe, weil er dem Schattigsten seine Aufmerksamkeit schenkt, zum Beispiel dem Hass. So klar und mutig tun das die Wenigsten. Hass ist auch bloß Liebe, die den Weg der Freiheit nicht findet. Rolf Dieter Brinkmann hat – so zumindest hab’ ich das gelesen, was ich von ihm kenne – nach diesem Weg gesucht. In einer großen Stadt, wo’s meistens laut ist und viele Menschen traurige und liebesmüde Augen haben, kann das zuweilen etwas schwerer sein. Es gibt Dinge, wie die Stille, da sind die Bäume und Sträucher im Wald noch die besseren Gesprächspartner. Die zärtlichen Briefe an seine Frau etwa und die Sanftmut in vielen seiner Gedichte spiegeln jene Sehnsucht nach Stille und Klarheit, die bei ihm sehr lebendig ist. In Rom, Blicke hab‘ ich deshalb eine Art Sorge um die Welt mitgelesen, in der diese Klarheit als Bedrohung empfunden wird. Ich glaub, es hat ihm sehr weh getan, dieses Wesentliche zu ignorieren oder ignorieren zu müssen, um an bestimmten Orten zu überleben. Aber er hat diesen Schmerz in sich und in den anderen Menschen erkannt, und dieses Erkennen hat vielleicht auch etwas von einer Umarmung, die gut tut, um weiter zu gehen. Als ich das Buch zurückgab, fiel mir übrigens noch ein, dass „Rom“ ja ursprünglich „Mensch“ bedeutet und viele Wege dorthin führen.

Die erste Seite aus Rolf Dieter Brinkmanns Rom, Blicke (verfasst 1972/73, EA 1979) mit der Bleistiftzeichnung "Tür" (1972) von Günther Knipp (*1935).

Die erste Seite aus Rolf Dieter Brinkmanns Rom, Blicke (verfasst 1972/73, EA 1979) mit der Bleistiftzeichnung „Tür“ (1972) von Günther Knipp (*1935).

2. Welcher seiner Texte hat Dir am besten gefallen?
Ich mag seine Klarheit und Kraft, die dem, was ich von ihm gelesen und gesehen hab’, zu Grunde liegt. Woran ich mich gerade erinnere, ist die erste Seite aus Rom, Blicke: Das Zugticket von Köln nach Rom ist darin abgebildet, außerdem eine halboffene Tür sowie eine Postkarte des römischen Hauptbahnhofs „Roma Termini“, was auf Deutsch soviel wie „Endstation“ heißt. Und eine ausgeschnittene Zeitungsschlagzeile ermuntert den Leser mit einer Frage: „What are you waiting for?“

3. Was hättest Du Brinkmann gerne noch persönlich gesagt?
Dasselbe, was Michael Krüger auf diese Frage geantwortet hat, und dann noch: Caro Amico, eine neue Welt wird im selben Moment geboren worden sein, selbst wenn sie anfänglich noch unerkannt bleibt, so wie ein Löwenzahn in irgendeinem Kölner Rinnstein. Du selbst hast diese neue Welt gesehen, wie eine Farbe, als Du mal in einem Gedicht geschrieben hast, dass Du in ein anderes Blau gehen wirst. „Du“ heißt auf englisch „You“ und das heißt auch „Ihr“.

4. Ergänze bitte folgenden Satz: Rolf Dieter Brinkmann…
…wo immer Du jetzt bist: Danke Dir, schön, dass Du da warst, so wie Du warst.

 

Zur Person
Sebastian Polmans, 1982 in Mönchengladbach geboren, lebt in Niederkrüchten am Niederrhein. Er studierte Geistes- und Musikwissenschaften in Siegen, Hildesheim und Rom. Neben Musikveröffentlichungen als Rap- und Jazzmusiker veröffentlichte er 2011 den Roman Junge (Suhrkamp) und 2015 den Gedichtband Unser Tattoo (Radius-Verlag). Sein Werk wurde u.a. ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung (2011) und dem Kranichsteiner Literaturförderpreis (2013). Sebastian Polmans erhielt 2015 das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln, im Jahr des 75. Geburtstags des Namensgebers.


Sebastian Polmans liest aus seinem Roman Junge. Die Lesung in voller Länge (21:34) gibt es hier.

Mehr Informationen
Leseprobe aus Junge. Suhrkamp 2011. → PDFDownload [348 KB]
Mareike Ilsemann: „Heilen und Schreiben: Der Preisträger Sebastian Polmans“ (WDR 5, 22. September 2015, 5:15 min. → Radio-Beitrag)
Informationen zur Preisverleihung im Literaturhaus Köln (23. September 2015)

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