Wie befreit man (sich von) Batman?

„Batman ist frei!“ sagt Ralf-Rainer Rygullas Gesicht auf der Rückseite von Rolf Dieter Brinkmanns Gedichtband “Die Piloten” (1968) und so ist der Superheld auch in gleich drei Gedichten dieser Sammlung präsent. Der Bochumer Comicforscher und Literaturwissenschaftler LARS BANHOLD stellt sie Christopher Nolans dreiteiliger Verfilmung “The Dark Knight” (2005-2012) gegenüber. Liest man so beide Trilogien zusammen, erhellen sich die Komplexe gegenseitig, und es erschließt sich zugleich ein neuer Blick auf Batmans Libido bzw. den Umgang mit dem sexuellem Verlangen des Superhelden.


Wie befreit man (sich von) Batman?
Zur möglichen Wechselwirkung zwischen Rolf Dieter Brinkmanns Batman-Gedichten und Christopher Nolans Dark Knight-Trilogie

Ein Gastbeitrag von Lars Banhold 
Coverdetail zu Rolf Dieter Brinkmanns Gedichtband “Die Piloten” (1968). Gestaltung vom Autor i.Z. mit Ralf- Rainer Rygulla. Anklicken um den gesamten Umschlag zu sehen.

Coverdetail zu Rolf Dieter Brinkmanns Gedichtband Die Piloten (1968). Gestaltung vom Autor, in Zusammenarbeit mit Ralf-Rainer Rygulla. Für eine Gesamtansicht des Umschlags hier klicken.

„Batman ist frei!“ sagt Ralf-Rainer Rygullas Gesicht auf der Rückseite von Rolf Dieter Brinkmanns Gedichtband Die Piloten aus dem Jahr 1968. Und zumindest ist Batman frei genug, um in nicht weniger als drei Gedichten dieser Sammlung – „Comic No. 1“, „Comic No. 2“ und „Ohne Rente“ – sein Unwesen treiben zu können.

Das passt zum Brinkmann dieser Zeit, dessen Texte konkrete Alltagserfahrungen miteinbeziehen, insbesondere auch aus den vermeintlichen Niederungen der Kultur. Es könnte also Ausdruck der „Neuen Sensibilität“ sein, dass auch Batman als Produkt der (aus damaliger Sicht) untersten Trivialliteratur seinen Weg in die Lyrik findet.1Vgl. zu Rolf Dieter Brinkmanns Die Piloten auch den Überblicksartikel von Anna Estermann in: Brinkmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hgg. … Continue reading

Doch gibt es da einen Haken: 1968 ist Batman nicht in dem Ausmaß Teil des bundesrepublikanischen Alltags, wie wir heute vielleicht vermuten. Während 1968 in großen Teilen der westlichen Welt und Asiens die „Batmania“ tobt, bleibt Deutschland davon weitgehend unberührt. Erst einige Monate vor dem Erscheinen von Die Piloten bringt Batman es überhaupt zur Nebenserie im hinteren Teil der deutschen Superman-Comics.2Ein erster Versuch, Batman in Deutschland zu etablieren, scheiterte Mitte der 1950er kläglich. Vgl hierzu Banhold 2020, S. 135.Der Film Batman hält die Welt in Atem war kurz zuvor als ein B-Movie unter vielen schnell aus den Kinos der BRD verschwunden. Die TV-Serie strahlt das deutsche Fernsehen erst 1989 aus, und auch der Versuch, mit Batman den Spielzeugmarkt zu erobern, bleibt damals erfolglos.3Von den großen Plänen zeugt neben einem Zeit-Artikel von Gisela Stelly, der weiter unten nochmals erwähnt wird, insbesondere ein Bericht des … Continue reading

Warum taucht nun aber gerade Batman in gleich drei Brinkmann-Gedichten auf? Einerseits wird es sich um eine Reminiszenz auf den US-Underground handeln. Hier ist Batman als Camp-Ikone bereits seit Anfang der 1960er ein Star, dessen Allgegenwart Brinkmann nicht verborgen bleiben konnte.4Banhold 2020, S. 125ff.

Einen anderen Grund gibt der Literaturwissenschaftler Dirck Linck. Er weist nach, dass „Comic No.1“ eben nicht direkt auf einen Batman-Comic verweist, sondern auf den Artikel „Groß erhebt sich Batman’s [sic] Schatten über Gotham City“ in der Wochenzeitung Die Zeit5Stelly, Gisela: „Groß erhebt sich Batman’s Schatten über Gotham City“. In: Die Zeit. Nr. 42/1967 (20. Oktober 1967).. „Comic No. 1″ sei deshalb ein Gedicht, so Linck, „dessen Stoff ein Essay über Batman ist“6Linck, S. 85. – eine eher bürgerliche Mainstream-Erfahrung also im Vergleich zur direkten Comic-Lektüre.

Die vermeintlich naheliegenden Interpretationen durch Expert:innen der Popkultur, die Brinkmanns Batman-Gedichte „kenntnisreich kommentieren und mit der Bürde der Bedeutung befrachten“7Linck, S. 83., lehnt Linck entsprechend ab. „Comic No. 1“ ist nach Linck ein Gedicht über einen Zeit-Artikel, „Ohne Rente“ und „Comic No. 2“ vor allem obszöne Sprachhandlungen. Und unter der Voraussetzung einer historisch korrekten Lektüre ist das absolut plausibel.

Batman ist nicht nur eine Comicfigur,
sondern ein wirkmächtiges Mem.

 

Nun unterscheidet sich unsere heutige Wahrnehmung der Batman-Gedichte allerdings beträchtlich von der 1968. Mit Tim Burtons Film Batman von 1989 und dem damit verbundenen Marketingaufwand erreicht die zweite Batmania schließlich auch Deutschland. Spätestens seit den 1990ern ist Batman auch hier nicht nur eine marginale Comicfigur, sondern ein wirkmächtiges Mem8Der Begriff geht auf Richard Dawkins zurück, der damit eine kulturelle Entsprechung des Gens meint, eine Bedeutungseinheit, die sich möglichst … Continue reading

„[Batman] ist ein vieldeutiger Bewusstseinsinhalt, der sich in unterschiedlichen Medien, Zeichenformen und Kontexten in der Soziosphäre ausbreitet: das Batsymbol, die Figur in ihren unterschiedlichen Darstellungen, ins kulturelle Gedächtnis eingeprägte Musikstücke wie Neal Heftis Titelmusik zur TV-Serie Batman (1966), Catchphrases (»I’m Batman«), etc.“.9Banhold 2020, S. 18.

Lars Banhold: „der BATMAN“. Bleistift, Tusche, Kohle und Schreibmaschine auf Papier (2022). Foto: (c) L.B.

Wenn in Brinkmanns Gedichten also der Name „Batman“ auftaucht, hat dies auf heutige Leser:innen eine ganz andere Wirkung als 1968, weil alles, was sich im Gedicht auf Batman bezieht, mit unserem popkulturellen Gedächtnis und Alltag kommuniziert – wobei sich das Batman-Mem noch weiter mit Bedeutung anreichert.

Machen wir einen Versuch und lesen wir die Gedichte intentional ahistorisch, oder einfacher: absichtlich so, als wüssten wir nicht, dass sie Ende der 1960er erschienen sind. Lesen wir sie mit einer neuen „Neuen Sensibilität“ für unseren heutigen Alltag in den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts. Denn wenn Texte wirken, so doch im Lesen und in der Lebenswelt der Leser:innen.

„Batman is very gay“ (Grant Morrison)

 

Und warum nicht gleich an der offensichtlichsten Stelle beginnen: Batmans Sexualität. Diese ist bekanntermaßen schon lange ein kontroverses Thema, genauer seit 1954 der Psychologe Fredric Wertham in Seduction of the Innocent mit viel Aufsehen Batman und Robin als „wish dream of two homosexuals living together“10Wertham, S. 190f. beschrieben hat.

Der Diskurs über Batmans (und Robins) Homosexualität oder Queerness breitet sich seitdem aus.11Vgl. Banhold 2012 Das Spektrum reicht von der mit Codes gespickten TV-Serie (1966-69) und der Übernahme von Begriffen des Batman-Mythos in den Slang der (zunächst amerikanischen) Gay Community über unzählige anzügliche und homophobe Witze, die vermeintlich schwule Interpretation Batmans in den Filmen Joel Schumachers (1995 und 1997) bis zu den umstrittenen Aussagen von Batman-Autorx Grant Morrison 12Grant Morrison outete sich 2020 als „non-binary genderqueer“, daher benutze ich hier die Endung x, um dem sprachlich zu entsprechen. Eine … Continue reading(„Batman is very gay“) und dem Outing des dritten Robins, Tim Drake (als bisexuell) im Jahr 2021.13Siehe Batman: Urban Legends #6 (Aug. 2021). URL: https://dc.fandom.com/wiki/Batman:_Urban_Legends_Vol_1. Vgl. zu den verschiedenen queeren Lesarten … Continue reading

Aber kaum eine andere Interpretation macht die homoerotische Komponente des Batman-Mythos so explizit wie Brinkmanns Gedichte. Interessanterweise weisen seine drei Batman-Gedichte in ihrer Anordnung innerhalb von Die Piloten (erst „Comic No. 1“, dann „Ohne Rente“ und schließlich „Comic No. 2“) Ähnlichkeiten zur Dark Knight-Filmtrilogie des Regisseurs Christopher Nolan auf. Liest man diese beiden Trilogien zusammen, werden im Vergleich von Film und Lyrik jeweils neue Bedeutungen sichtbar, und es erschließt sich ein neuer Blick auf Batmans Libido bzw. den Umgang mit dessen sexuellen Verlangen.

Wie der erste Film der Reihe, Batman Begins (2005), so formuliert auch „Comic No.1“ das grundlegende Problem in der gespaltenen Identität ‚Batman alias Bruce/Wayne alias Batman‘. Deren problematischer Kern ist nicht, wie viele Comics und der Anfang von Batman Begins vielleicht suggerieren, den bürgerlichen Namen vor Schurk:innen zu verbergen, um die Lieben daheim zu schützen. Das eigentliche Problem ist die Unvereinbarkeit vom Anspruch Batmans und den menschlichen Bedürfnissen Bruce Waynes.

Auf der einen Seite steht der Held Batman: rational, steril, effektiv, zielgerichtet, ordnend – wie „Küchen, die/ vollautomatisch// reagieren“, und damit die sinnlichen Vorgänge des Kochens, der Verschmutzung und des Reinigens versagen. Auf der anderen Seite die Person Bruce Wayne mit Bedürfnissen, Begierden und Wünschen, die vom erotischen Akt in der Küche ausgeschlossen ist. Das führt dazu, dass „Batman alias Bruce Wayne alias Batman“ sich fragt, „ob er nicht auch/ so ein Forscher/ ist, der nichts als// forscht: wenn auch in/ die falsche Richtung“.

Dirck Linck sieht in dieser letzten Zeile nachvollziehbar eine Parodie von Innerlichkeit und Selbstbefragung in der Lyrik14Linck, S. 87., aber warum dieses Infragestellen nicht probehalber einmal so ernst nehmen, wie die Batman-Filme es selbst tun?

Batman Begins endet ganz untypisch für Hollywood damit, dass das weibliche ‘Love Interest’, Rachel Dawes (Katie Holmes), dem Protagonisten Bruce Wayne (Christian Bale) die Liebesbeziehung verweigert, weil er eben auch Batman (ebenfalls Christian Bale) ist und weil sie sieht, dass diese brutale Heldenidentität keinen Raum für eine gelingende Beziehung zulässt.15Die vorherigen Batman-Filme geben ihr dabei recht. Vor Rachel Dawes sind alle ‘Love Interests’ spätestens in der Fortsetzung … Continue reading

Grund für diese Unfähigkeit zur gelingen intimen Beziehung ist der problematische Kern Batmans: ein Heldenbild, das mit dem Kulturtheoretiker Klaus Theweleit als „soldatisch“ bezeichnet werden muss.16Vgl. Klaus Theweleit: Männerphantasien. Hamburg 1980.

Sex, Schleim und die Angstobjekte
des „soldatischen Mannes“ (Theweleit)

 

Dieses Soldatische, das Theweleit 1980 in Männerphantasien als Muster bereits der Freikorps-Literatur nach 1918 und dem allgemeinen Männerbild des 20. Jahrhunderts erkennt, manifestiert sich mustergültig in der Figur Batman. Batman entsteht aus einem Gewalttrauma in der Kindheit: Bruce Wayne muss den Mord an seinen Eltern mitansehen, dem er nicht handelnd entgegentreten konnte. Also erschafft er unter der Aufsicht einer emotional distanzierten Vaterfigur (seinem Butler Alfred) die externalisierte männliche Idealidentität „Batman“. Dieser starke, handlungsfähige Batman ist anti-libidinös und brutal. Er versagt Bruce Wayne entsprechend dessen Begierden, die Verletzbarkeit voraussetzen würden, und reagiert auf Unordnung und Annäherungen mit Gewalt gegen Schwächere, die er selbst als Notwehr empfindet.

Sex erscheint bei Batman meist bedrohlich in Form gefährlicher Schurkinnen wie Catwoman (Michelle Pfeiffer), Poison Ivy (Uma Thurman) oder Talia al Ghul (Marion Cotillard), deren Avancen es mit Härte und Gewalt zu widerstehen gilt. Neben Frauen sind Batmans männliche Feinde im Film vor allem androgyne Wesen: Joker (Egal, ob Jack Nicholson, Heath Ledger oder Jared Leto), Riddler (Jim Carey) oder der impotente Intellektuelle Scarecrow (Cillian Murphy). Und selbst übertrieben maskulin konzipierte Gegner wie Mr. Freeze (Arnold Schwarzenegger) oder Bane (Jeep Swanson und Tom Hardy) sind Männer, die sich Frauen unterworfen und damit ihre maskuline Dominanz „verraten“ haben.

Und immer wieder sind da Schleim und Menschenmassen, wie Theweleit sie als Angstobjekte des „soldatischen Mannes“ beschreibt. Die Säure, die aus Jack Napier den Joker macht, wirkt in Batman und Suicide Squad vor allem wie ein zähflüssiges Körpersekret, das den Mann umschließt und ein androgynes, antirationales Subjekt ausspuckt. Two-Face (Tommy Lee Jones und Aaron Eckhart) ist von dem an ihm haftenden Schleim entstellt und um seine männlich souveräne Selbstsicherheit gebracht worden. Und sowohl der Pinguin (Danny De Vito) als auch Jack Nicholsons Interpretation des Joker entsteigen in den ersten Auftritten ihrer jeweiligen Filme einer Kloake, sie sind „filth“, also Schmutz, der beseitigt werden muss.

Gleiches gilt für die Massen. Die gierigen, hedonistischen Bürger auf der Parade des Jokers (Batman, 1989), die vielen Freaks des „Red Triangle“, wie in Batman Returns (1992)17Bezeichnenderweise diente das rote Dreieck in den Konzentrationslagern des NS-Staates ab 1937 zur „Kennzeichnung“ der politischen Häftlinge., die unter Drogen stehenden Massen in den Slums (Batman Begins, 2005), die vielen Menschen, die sich an den Spielchen des Jokers beteiligen (The Dark Knight, 2008), und schließlich in The Dark Knight Rises (2012) die Aufständischen, die ohne Polizei sofort in ein anarchistisches Terrorregime degenerieren.18Wie absurd dieses ‘Regime’ und dessen Idee ist untersuche ich in Banhold 2020, S. 237f.

Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr wird Batman in den populären Kinofilmen zur Quintessenz des „soldatischen“ Ideals, das Theweleit für die faschistischen und faschistoiden Phantasien der traumatisierten Männer diagnostiziert. Sogar die aus den Comics bekannten Strumpfhosen tauscht Batman im Film gegen einen Körperpanzer ein, der ihn vor Verletzungen, aber auch vor Intimität schützt.

Aber zurück zu Brinkmanns Gedichten und Nolans Dark Knight-Trilogie. Am Ende von „Comic No. 1“ wie von Batman Begins steht die Konfrontation Bruce Waynes mit dem Preis, den seine Heldenidentität ihm als fühlende Person und seiner Umwelt abverlangt. In „Ohne Rente“, dem zweiten Batman-Gedicht in Die Piloten, geht Batman, sich tragisch selbst aufopfernd, gänzlich in seiner Heldenidentität auf. Der Versuchung, die „Tarnkappe“ an den Nagel zu hängen und „auch// einmal wieder unter/ Menschen in die Kneipe“ zu gehen, schiebt das lyrische Ich einen Riegel vor: „Wir nicht, sagte Batman“. Für ihn gilt es mit dem „großen/ amerikanischen Flimmern/ in der Luft“ dafür zu sorgen, dass „endlich/ alles in Ordnung kommt“.

Ähnlich ist es im zweiten Film der Nolan-Trilogie, The Dark Knight (2008). Die erste Hälfte des Films spielt damit, dass Bruce Wayne endlich seine Batman-Identität aufgeben könnte, um so eine intime Beziehung mit Rachel (inzwischen Maggie Gyllenhaal) einzugehen.

Doch dann, konfrontiert mit dem androgynen – und mindestens einmal in Drag gekleideten – Joker, benutzt Batman schließlich das Telekommunikationsnetz als die ganze Stadt umfassendes Überwachungssystem Made in America. Dieses flimmert tatsächlich durch die Luft19Es flimmert wortwörtlich, wenn man sich die visuelle Darstellung der Überwachung auf den Bildschirmen im Film ansieht. und soll mit einem Schlag ein für alle Mal für Ordnung sorgen. Einmal eskalieren, „für Gerechtigkeit und/ Frieden“, wie es bei Brinkmann heißt, damit dann „endlich/ alles in Ordnung kommt“. Später wird Nolan Batmans Freund Gordon sagen lassen: To plunge their hands into the filth so you can keep yours clean“, selbst in den Schleim greifen, um die Welt rein zu halten.

Lars Banhold: „Der Joker“. Tusche auf Papier (2022). Foto: (c) L.B.

Die Auflösung, der wirklich befreiende Akt – und damit die stärkste Analogie zwischen Nolans und Brinkmanns Behandlung des Stoffes – findet sich in „Comic No.2“ bzw. The Dark Knight Rises (2012), dem dritten Film der Reihe, . „Hinter den/ Wänden von / Gotham-City // wird schwer/ gewichst“, denn die Stadt ist ein Polizeistaat geworden, in der Kriminalität keine Rolle mehr spielt und Ordnung herrscht, der aber auch noch unbewohnter wirkt als in den anderen beiden Teilen der Trilogie. Batman hat sich in sein Anwesen zurückgezogen, „um als Bruce/ Wayne vor dem/ Fernsehen zu/ wichsen“, bis Robin (Joseph Gordon-Levitt) kommt, denn „noch ist der/ Kampf nicht/ entschieden“.

In The Dark Knight Rises ist es nicht der Joker, der auftritt und Batman ein „dreidimensionales Rätsel“ aufgibt, sondern die Schurkenfigur Bane (Tom Hardy). Hin und her, vor und zurück und schließlich von unten nach oben muss Batman alias Bruce Wayne, um es zu lösen. Und diese Lösung liegt darin, dass Batman sich selbst effeminieren muss, indem er eine körperliche Herausforderung bewältigt, der zuvor nur ein kleines Mädchen gewachsen war.

Und wohin führt das? Zugegeben, der Robin aus Brinkmanns Gedicht teilt sich in Nolans Film in den Sidekick Robin John Blake (Joseph Gordon-Levitt) und Selina „Catwoman“ Kyle (Anne Hathaway) auf. Aber Gedicht wie Film enden glücklich mit einem Bruce Wayne, der die Batman-Identität zugunsten einer intimen Liebesbeziehung abstreift, indem er sich seiner toxischen Männlichkeit entledigt.

Im Gedicht erscheint die geglückte Beziehung im schwulen Liebesakt: Batman wird zum passiven Teil und lässt sich vom schwächeren, feminineren Robin anal penetrieren. Robin sagt: „nein, Batman / laß deine / Bathose an / ich fick / durch den / Batstoff / und du wirst / nichts anderes / spüren als / Suppe, die dir // hinten / reinläuft“.

„Die Suppe“ (der Schleim, das Lebendige, das Unordentliche) durchdringt also den „Batstoff“ (den vermeintlich undurchdringlichen Körperpanzer) und fliest in Batmans Inneres, wo er es spürt. Batman alias Bruce Wayne alias Batman ist bei Brinkmann vom frustrierten Zuschauer (vgl. „Comic No.1“) bzw. unter Kontrollzwang stehenden Masturbator mit einem „Harten in der Hand“ (vgl. „Ohne Rente“) zum Teil einer zärtlichen körperlichen Beziehung geworden. Ein Happy End: „Das Spiel ist / zuletzt doch / noch gewonnen“.

Brinkmanns Gedichte und Nolans Filme:
Emanzipationsgeschichten des „Post-Heroen“ Batman


Und im Film? Hier ist es ganz heteronormativ Catwoman, die als zunächst schwächer Scheinende Batmans Leben vor dem Testosteron-Monster Bane rettet und ihn dazu bringt, endlich und endgültig – und wortwörtlich – „unter/ Menschen in die Kneipe“ zu gehen. Dabei trägt der jetzt entspannt glückliche Bruce Wayne, von dem wir wissen, dass er körperlich von nun an nachhaltig zerstört und auf Catwomans Hilfe angewiesen sein dürfte, geradezu symbolisch statt Körperpanzer ein fliederfarbenes Hemd.20Selbst der Phallus, der das traditionelle Batsignal am Himmel ersetzt, findet sich sowohl in Brinkmanns Gedicht wie in Nolans Film, wenn Batman sein … Continue reading

Für sich betrachtet trifft auf Brinkmanns Batman-Gedichte Dirck Lincks Schlussfolgerung zu: „Die verdunkelte Story […] ist zum geringsten auf Erhellung hin konzipiert. Botschaft ist hier die obszöne Sprachhandlung selbst“.21Linck, S. 88. Dabei wird „Batmans Identität im schwulen Sexualakt zertrümmert“22Linck, S. 89., wobei sich Linck auch durchaus auf Theweleit bezieht.

Schließt man die Gedichte in der populären Form der Trilogie jedoch völlig ahistorisch an Theweleits Männerphantasien und dem Handlungsverlauf von Christopher Nolans Dark Knight-Filmen an, setzt man sie in einen neuen Bedeutungszusammenhang. Freilich einen Zusammenhang, der Brinkmann nicht bewusst gewesen sein konnte, aber für heutige Leser:innen deshalb nicht weniger produktiv ist.

Es geht nun nicht mehr um eine Zertrümmerung von Identität in einem rein obszönen Sprachakt. Vielmehr werden sowohl Brinkmanns Gedichte als auch Nolans Filme in der gemeinsamen Deutung zu Emanzipationsgeschichten zusammengelesen. Beide Trilogien werden zur Heldenreise des „Post-Heroen“ zur Befreiung des Mannes von seinem gewalttätigen, gepanzerten Ich.

Zu den Reizen einer solchen Lesart gehört, dass sie nicht nur einen anderen Blick auf Brinkmanns Gedichte ermöglicht, sondern auch eine andere Lektüre von Nolans Filmen aufdeckt. Die gemeinsame Deutung beider Werk- bzw. Textzusammenhänge hat ihnen gegenseitig und dem Batman-Mem neue Bedeutungsschichten verliehen bzw. diese daran offengelegt.

Beide Komplexe werden zu Geschichten der Überwindung Batmans als einer „soldatischen“ Identität, zugunsten einer freieren, gesunderen und sozialeren Existenz.

BATMAN IST FREI!


Zitierte Literatur

Banhold, Lars: Batman. Re-Konstruktion eines Helden. Berlin: Christian A. Bachmann 22020.

Banhold, Lars: Pink Kryptonite. Das Coming-Out der Superhelden. Bochum: Christian A. Bachmann 2012.

Brinkmann, Rolf Dieter: Die Piloten. Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1968.
Hier zitiert nach ders.: Standphotos. Gedichte 1962-1970. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1980, S. 183-280.

Linck, Dirck: Batman und Robin. Hamburg: Textem Verlag 2012.

Theweleit, Klaus: Männerphantasien. Bd. 1 und 2. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1980.

Volli, Ugo: Semiotik. Eine Einführung in ihre Grundbegriffe. Aus dem Ital. von Uwe Petersen. Basel: Francke 2002.

Wertham, Fredric: Seduction of the Innocent. New York; Toronto: Rinehart 1954.


Zum Autor
Lars Banhold (*1982 in Hattingen) ist ein deutscher Autor, Übersetzer, Literaturwissenschaftler und Comicforscher.

Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählt neben seinem viel beachteten Batman-Buch (mehr Infos) eine umfangreiche Studie (2017) zu Wallace Thurman und Richard Bruce Nugent, zwei Schwarzen Romanautoren der sog. „Harlem Renaissance“-Bewegung (mehr Infos). Siehe auch seine Übersetzung zweier Erzählungen dieser beiden, 2020 unter dem Titel Feuer erschienen bei Rodneys Underground Press (mehr Infos). Unter dem Pseudonym „Weylthaar“ veröffentlicht er außerdem seit 2018 auch Gedichte und Kurzgeschichten bei diversen Verlagen (siehe dessen Antworten zu Brinkmann auf Brinkmann, wild gefleckt → zum Fragebogen).

Lars Banhold lebt und arbeitet in Bochum.


Weitere Informationen
Lars Banhold/Weylthaar → zur persönlichen Website

Anmerkungen[+]

Über RoDiBe

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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