Werkstattgespräch mit Norbert Hummelt


Der in Berlin lebende Lyriker und Literaturübersetzer Norbert Hummelt (*1962) wohnte bis 2005 in Köln. Hier führte ich mit ihm ein ausführliches Interview über seine Texte und Themen, in welchem wir immer wieder auch auf Rolf Dieter Brinkmann und sein Werk zu sprechen kommen. Im folgenden Beitrag lesen Sie einige Auszüge aus unserem Gespräch.

Das vollständige Interview gibt es am Ende der Seite als PDF.

 

Roberto Di Bella: In Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich mich u.a. im L.i.K.-Archiv der Stadtbibliothek Köln durch die für Sie angelegten Mappen gelesen. Die vielleicht umfangreichste macht auf eine wenig bekannte Seite Ihrer Arbeit aufmerksam: die des (ehemaligen) Fernsehkritikers für den Kölner Stadtanzeiger.1)Die in der Kölner Zentralbibliothek angesiedelte Sammlung LiK (Literatur in Köln) ist Dokumentations- und Informationsstelle für das literarische ...weiter lesen Ein wahres Schnipsel-Epos aus Kommentaren zur deutschen Fernsehwelt findet sich dort zusammengestellt. Was sucht Norbert Hummelt in den Bildern? Was findet der Lyriker im Fernsehen? 2)Erstveröffentlichung des am 8. April 2002 in Köln geführten Interviews (leicht gekürzt und mit einigen Anmerkungen aktualisiert).

Norbert Hummelt: Zunächst einmal gewissermaßen das ganz Andere. Ich hatte schon immer den Wunsch, noch etwas anderes zu machen, was auch mit Schreiben zusammenhängt und das mich bei der Arbeit an den Gedichten ein Stück davon freihält, allen monetären Druck darauf zu legen. Gleichzeitig etwas, das klein und handlich ist und einem nicht so viel Zeit wegnimmt und das waren sehr lange u. a. diese Fernsehkritiken. Von meiner Arbeitseinteilung her ist das etwas Komplementäres. Die Frage finde ich auf jeden Fall interessant: was suche ich als Lyriker im Fernsehen? Ich habe sie mir so noch nicht gestellt.

Di Bella: Fernsehen kann ja auch eine Bilder-Sucht sein. Bei Brinkmann gibt es ja Mitte bis Ende der sechziger Jahre diese emphatische Bejahung alles Visuellen im Kontext von Pop und Underground. Anfang der Siebziger kippt das dann ebenso radikal in die Kritik um, vielleicht auch aus Selbstschutz vor der Bilderflut aus Presse und TV. Da gibt es dann so Sätze wie: „also reiste ich mit ruhigen Blicken durch die Augenblicke / ich reise kühl und unbeteiligt durch die Bilder & Sätze / ich sah zum 1. Mal den tatsächlichen Schrecken hier in der Gegenwart ///“.3)Rolf Dieter Brinkmann: Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand. Hrsg. von Maleen Brinkmann. Reinbek: Rowohlt 1987, S. 6.Ist Ihre eigene Haltung zum Medium Fernsehen auch eher eine kritisch-distanzierte?

Hummelt: Nein, eigentlich gar nicht. Ich bin, im Gegensatz zu meinen Schwestern, die älter sind, zwar mit Fernsehen aufgewachsen, habe es aber nie als Suchtgefährdung empfunden. Es gibt eine Reihe von Kollegen, die setzen sich in ihren Texten sehr intensiv gerade mit den elektronisch-visuellen Medien auseinander. Sie haben aber erstaunlicherweise fast alle keinen Fernseher, oder behaupten dies zumindest. Das finde ich immer eigenartig, weil die Vorstellung, dass wenn der Fernseher da ist, er immer laufen muss, mir immer fremd war. Durch die gezielte Arbeit mit dem Medium habe ich einen anderen Umgang mit ihm, weil ich mir nur bestimmte Dinge ansehen Ich glaube überhaupt nicht, dass ich tatsächlich mehr Fernsehen gesehen habe als irgendjemand sonst und als ich es vor der Zeit als Fernsehkritiker getan hätte. Ich habe einfach andere Sendungen gesehen, über die ich schreiben musste und dann reichte es mir auch.

Norbert Hummelt: Drei Fernsehkritiken (1989)

Norbert Hummelt: Drei Fernsehkritiken / Kölner Stadtanzeiger (1989)  // Zum Vergrößern bitte anklicken.

 

„Ich // schrieb das schnell auf, bevor / der Moment…“

 

Für mich ist ein anderes visuelles Medium gerade für Gedichte sehr wichtig, aber das ist eben nicht der Film oder das Fernsehen, sondern das Foto. Fotografien kommen auch in vielen meiner Gedichte vor. Sie sind mir und meiner Vorstellung vom Gedicht wesentlich näher als Filme. Es geht dabei um das Verhältnis zum Augenblick. Das Foto müht sich um den Augenblick und viele Gedichte mühen sich auch um den Augenblick. Das war auch immer etwas, das mich bei Brinkmann erreicht hat, an vielen Stellen, z.B. in dem Gedicht „Einen jener klassischen“. Die für mich interessanteste Stelle war eigentlich immer der Schluss: „Ich // schrieb das schnell auf, bevor / der Moment in der verfluchten / dunstigen Abgestorbenheit Kölns / wieder erlosch“.

Das fand ich schon immer wichtig. Wobei es in meiner Vorstellung nicht so ist, dass man den Augenblick dadurch bewahrt, dass man ihn aufschreibt. Sondern indem ich den Moment so wie ein aus dem Kontinuum der Bilder oder der Erscheinungen herausgegriffenes Foto blitzartig, vielleicht vertieft, wahrnehme, wird eigentlich erst ein Prozess in Gang gesetzt, der – so ist es zumindest meistens in meiner Arbeit – dann erst zu einem Gedicht führt. Die Angst um den verlöschenden Augenblick ist natürlich sehr allgemein und verbindet sehr viele Schreibende und Kunstschaffende. So hat mir auch der Titel von Brinkmanns Gedichtband Standphotos immer sehr gut gefallen. […]

Di Bella: Die Literaturkritik hat so unterschiedliche Autoren wie Marcel Beyer, Thomas Kling, Dieter M. Gräf, Sie und einige andere unter den Begriff »Neue Kölner Schule« fassen wollen. Zugleich kreuzt bei Ihnen allen der Name Rolf Dieter Brinkmann den Weg. Die Frage ist banal: Warum?

Hummelt: Nun ja, so lange ist das ja noch nicht her, dass Brinkmann geschrieben hat. Bzw. als ich Texte von Brinkmann kennen gelernt habe – in der zweiten Hälfte der Achtziger, zu Beginn meines Studiums hier in Köln – war das damals von der Zeitstrecke her fast näher an Brinkmanns Tod als an heute. So wahnsinnig viele interessante Lyriker hat es außerdem in den letzten dreißig Jahren auch nicht gegeben. Gerade in diesen Jahren von Ende der Sechziger bis Mitte der Achtziger ist Brinkmann, so finde ich, einfach der interessanteste neue Autor, wenn man einmal von denen absieht, die davor geschrieben haben oder danach noch schrieben, wie z.B. Ernst Jandl, der für mich sehr wichtig ist. Da ist es klar, dass man sich mit dem Brinkmann beschäftigt, der einfach verschiedene Themen eingeführt hat in die Literatur.

Di Bella: Das Thema ‚Pop‘ zum Beispiel?

Hummelt: Natürlich, wobei ich wohl nicht die kompetenteste Person bin, um darüber zu reden. Andere reden und schreiben darüber ganz viel, ich weiß das gar nicht zu definieren. Ich war ja eigentlich immer mehr auf der Rock- als auf der Popseite. Deshalb ist es fast komisch für mich, das Wort in den Mund zu nehmen. Auf jeden Fall hat Brinkmann dafür gesorgt, dass die Literatur für Jugendkultur geöffnet wurde, für das, was aus der hauptsächlich englischsprachigen Musik der 60er und 70er Jahre an Ideen und Vorstellungen kam. Dass z.B. die Literatur nicht mehr Seite an Seite mit der Klassik steht, dass, wenn man sich literarisch auf Musik bezieht, sich nicht mehr auf die jeweils herausragenden E-Komponisten zu beziehen hat, wie andere Leute das natürlich wieder tun. Durs Grünbein tritt mit Wolfgang Rihm auf und nicht mit Wolfgang Niedecken. Das machen dann wieder andere. Das ist schon etwas, wo ich gerade sehe, wie Sachen auch wieder zurückgenommen werden, was mir nicht gefällt.

 

Aufbrechen der Grenzen zwischen E und U

 

Weil wir gerade auf Grünbein kommen: als sein erster Lyrikband Grauzone morgens Ende 1988 herauskam, war meine Rezension in der Stadtrevue Köln eine der ersten überhaupt. Ich habe Grünbein bis Falten und Fallen (1994) gelesen und auch über diese Bücher geschrieben. Aber das herausragende Buch ist für mich wirklich das erste. Und ich habe jedenfalls damals Grünbein ganz klar in Verbindung zu Brinkmann gesehen. 4)Norbert Hummelt schrieb damals: „Realistisch sind Grünbeins Gedichte eher im Sinne des Realismusbegriffs der Kölner Schule: hier muss der Name ...weiter lesen Das war in der Zeit, wo ich selbst Brinkmann viel gelesen habe. Schade, dass Grünbein, der sich jetzt nur noch mit Cäsaren auf Augenhöhe unterhält, sich nun, glaube ich, wohl niemals mehr mit aktueller Pop-Musik auch nur andeutungsweise in Verbindung bringen lassen würde.

Norbert Hummelt: "Friesisches Sonett" (1993)

Norbert Hummelt: „Friesisches Sonett“ (1993) // Zum Vergrößern bitte anklicken

Das halte ich für einen Verlust. Dass diese starre Grenze zwischen E und U aufgebrochen ist, ist mir nach wie vor wichtig, und das ist natürlich das, was ich für die deutsche Literatur ganz wesentlich mit Brinkmann verbinde. […]

Di Bella: Es geht bei dem, was Sie zuletzt mit Blick auf Mayröcker und Jandl sagten letztlich auch um ein unterschiedliches Verhältnis zur literarischen Tradition. In puncto Brinkmann möchte ich Ihnen jedoch widersprechen. Die Vielfalt seiner literarischen Bezüge gerade im Spätwerk wird in der Rezeption oftmals durch die Klischees von Brinkmann als ‚Pop-Pilot’ oder auch literarischem Anarchist im Fahrwasser Nietzsches überdeckt. Dabei heißt es z. B. in Rom, Blicke:

ich lese bis tief in die Nacht, es macht mir Spaß, Jean Paul, hineingesehen, Die Unsichtbare Loge, K. Ph. Moritz, Andreas Hartkopf (auch ein böses Pamphlet gegen Weltreformatoren), durchgelesen, H. H. Jahnn, dabei, Burroughs, The Wild Boys, bei Seite gelegt, Bilz, Psychotische Umwelt, außerordentlich anregend, Giordano Bruno, Dialoge, sehr gut, alte Meiner-Ausgabe, dazu zufällige Schwarten um 1800, 1790, 1810, Johannes von Müller, Wieland, Herder, Nachholbedarf, bei mir. (Die deutsche Literatur ist schön!)5)Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke. Rowohlt: Reinbek 1979, S. 346.

Ein erstaunliches Zitat, wie ich finde. Es belegt, so wie auch andere Stellen aus den römischen Briefen (oder den noch späteren Briefen an Hartmut) zeigen, wie sich der Autor in diesen letzten Jahren gezielt neue stilistische und thematische Register erarbeitet. Dabei spielt gerade die von ihm zuvor so oft verschmähte und nun in Rom wieder entdeckte klassische deutsche Literatur eine besondere Rolle, worauf Namen wie Jean Paul, Karl Philipp Moritz oder der hier nicht erwähnte Ludwig Tieck verweisen. 6)Siehe hierzu auch Roberto Di Bella: „:träumen heißt die Sinne schärfen für die Gegenwart, in der man lebt/: Rolf Dieter Brinkmanns Re-Lektüren ...weiter lesen

 

Verhältnis zur literarischen Tradition

 

Hummelt: Das finde ich interessant, denn es berührt sich sehr mit meinem eigenen Verhältnis zur Tradition. Sie hatten mir im Vorfeld unseres Gesprächs ja auch einige entsprechende Seiten aus Rom, Blicke geschickt. Ich selbst versuche ganz explizit, sowohl in Aufsätzen als auch in den Texten selber, den Bezug zur Romantik und zu anderen Formationen der – vor allem deutschen – Literaturgeschichte herzustellen. Die Romantik ist da besonders wichtig, um verstehen zu können, warum ich das mache und meine Vorstellung und meine Erfahrung, wie ich an diese Bücher herangekommen bin, dass ich das alles fast verpasst hätte. Ich habe erst mit einer gewissen Verspätung, in den ersten Jahren meines Studiums, den Kanon der deutschen Dichtung überhaupt kennengelernt, weil ich nicht aus einem bildungsbürgerlichen Haus stamme.7)Vgl. hierzu den poetologisch-autobiographischen Essay von Norbert Hummelt: Wie Gedichte entstehen (mit Klaus Siblewski). Luchterhand Literaturverlag ...weiter lesen Und weil ich gerade in meiner Schulzeit, in den 70er und frühen 80er Jahren, im Grunde von den ganzen Dingen, dich ich jetzt toll finde und für mich entdeckt habe, überhaupt nichts mitbekommen habe, trotz Deutschleistungskurs. Da gab es nur…

Di Bella: … Comics und Reportagen?

Hummelt: … und Max Frisch! Über den Homo Faber durfte ich dann meine Abiklausur schreiben. Und dann gab es natürlich den Faust, was aber keine Originalität beanspruchen kann. Vor allem kam die ganze Gattung Lyrik nicht vor. Die galt wahrscheinlich, da ich einen 68er-Lehrer hatte, nicht mehr als zukunftsweisend. Die war wahrscheinlich irgendwie dekadent und unwichtig. Die kam einfach gar nicht vor. Aber gerade so dieser Traditionsbruch der Achtundsechziger, wobei das natürlich sehr pauschal ist, den habe ich da einfach zu spüren bekommen, es aber erst nachher begriffen. Ich finde, man kann sich nur von dem absetzen und sich mit dem auseinandersetzen, was man kennt, womit man überhaupt in Berührung kommt. Es geht für mich überhaupt nicht darum, nur auf ‚die Alten’ zu schwören. Es geht um den selektiven und subjektiven und kritischen Umgang damit, wo man eigentlich herkommt, biographisch herkommt, wo das Schreiben herkommt, wo die Sprache herkommt, die man vorfindet, auch die Literatursprache. Wo der Zug herkommt, in den man einsteigt. […]

Harald Bergmann: Brinkmann in Olevano / Standfoto aus Brinkmanns Zorn (2006)

Brinkmann in Olevano / Standfoto aus dem Film Brinkmanns Zorn (2006) / (c) Harald Bergmann Filmproduktution

Aber ich möchte nochmal auf Brinkmann zurückkommen. Mein Lieblingsgedicht von ihm ist jenes aus Westwärts 1&2, das einfach nur „Gedicht“ heißt und das beginnt mit „Zerstörte Landschaft mit / Konservendosen“ und wo es am Ende heißt: „Ich gehe in ein / anderes Blau“. Das bringt diese Zusammenschau von zerstörter Landschaft und Romantik wirklich auf den Punkt, wie er sie auch in Rom, Blicke mit Bezug auf seinen Aufenthalt in Olevano Romano ausführt. Ich glaube, an diesem Gedicht kann ich für mich viel von dem zeigen, was mir an Brinkmann gefällt und mich an ihm interessiert. […]

Di Bella: Was ist denn das Romantische in diesem Kontext? Was ist Romantik für Sie allgemein?

Hummelt: Romantik ist, die Dinge – gerne auch die zerfallenden oder unscheinbar, unwichtig, zerstörten daliegenden Dinge – so anzuschauen, als ob sie noch ein Geheimnis hätten. Das ist es eigentlich. […] Ich glaube und habe mir das auch irgendwo assoziativ als Notiz an den Rand geschrieben, dass Brinkmann eigentlich Klischeevorstellungen von Romantik hat, die ich überhaupt nicht teile. Also gerade diese Entgegensetzung halte ich für ein Missverständnis. Er verteidigt eigentlich die Romantiker – in einer Passage aus Rom, Blicke, in der ich mir fast alles unterstrichen habe – gegen die eigenen Klischeevorstellungen, die er aber anderen zuschreibt. Die dummen Deutschen würden immer meinen, die Romantiker wären alle zu idyllisch und in Wahrheit hätten diese ja den Zerfall gesehen. Aber er verkauft es so als seine eigene Entdeckung.

Für mich ist eigentlich immer klar, dass wenn ich Romantik sage, ich damit nicht den kitschigen Sonnenuntergang auf der Postkarte meine. Man muss es vielleicht dazusagen, aber für mich ist selbstverständlich, dass das ein Begriff ist, der sich natürlich auf die Erfahrung und veränderte Weltsicht der romantischen Künstler des frühen 19. und späten 18. Jahrhunderts bezieht… Was ist Romantik? Die Romantiker hatten ja Lust an Definitionen und für mich ist keine besser als die von Novalis, wo er in etwa schreibt: „Indem ich dem Alltäglichen einen hohen Sinn und dem Hohen und Erhabenen eine alltägliche Bedeutung gebe, dadurch romantisiere ich es“. Dann ist es geradezu zwingend, sich die zerstörte Landschaft, gerade sie, anzusehen und sie nicht als verkommen und zerstört anzusehen, sondern ihr ein Geheimnis zuzuschreiben, indem man es wirklich sieht. 8)Das Fragment von Novalis lautet ausführlich: „Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ur[sprünglichen] Sinn wieder. Romantisieren ...weiter lesen

 

Kann man Köln mit Brinkmanns Augen sehen?

 

Di Bella: Das was Sie beschreiben, entspricht jenem Prozess, den Brinkmann damals in Rom durchläuft, indem er sich mit diesen Dingen auseinandersetzt und damit mit sich selbst. Es gibt ja später in Westwärts 1&2, auf einer schon einigermaßen geklärten Ebene, auch die ‚Ding-Gedichte‘, die letztlich so vorgehen wie Novalis es verlangt, wie „Die Orangensaftmaschine“ oder „Einen jener klassischen“.

Hummelt: Ja, das stimmt. Ich glaube, dass gerade diese Gedichte – abgesehen von der Tatsache, dass sie so bekannt sind und einem deshalb so oft begegnen – mir zumindest zeitweise sehr nahe waren. Zu dem klassischen schwarzen Tango ist mir neulich einmal ein böser Gedanke gekommen, der so böse vielleicht gar nicht ist: ich musste an Udo Jürgens denken, an „Griechischer Wein“. Das Lied ist, glaube ich, ungefähr im gleichen Jahr entstanden. Es ist ein bisschen so eine Großstadt-Gastarbeiter-Romantik, die damals sehr im Schwange war. Wobei ich damals sehr gerne „Griechischer Wein“ gehört habe und auch heute kein Hasser von Udo Jürgens bin. Die Verbindung ist mir irgendwann einmal klar geworden. Ich glaube, die beiden Texte haben eine ganze Menge miteinander zu tun.

Di Bella: Bei Benn heißt es ja einmal, dass mehr Jahrhundert in einem Schlager stecke als in einer Motette.

Hummelt: Allerdings „in einem Schlager von Klasse“. Das ist eine entscheidende Präzisierung.

Di Bella: Eine letzte Frage: Kann man Köln mit Brinkmanns Augen sehen?

Norbert Hummelt: "Keiner jener schlampigen" (1993)

Norbert Hummelt: „Keiner jener schlampigen“ (1993) // Zum Vergrößern bitte anklicken

Hummelt: Nicht wirklich… Mich locken immer wieder Texte an Orte. Das hat nicht nur mit Köln zu tun, auch ganz andere Orte, wo ich bin, wenn ich reise. Ich bin z.B. letzte Woche von Leipzig aus in Halle gewesen, auf der Burg Giebichenstein. Weil Eichendorff in Halle studiert und darüber geschrieben hat, wollte ich diese Burg einmal sehen. Und ich werde auch nach Bad Kösen fahren, im Saaletal, weil Gottfried Benn in einem Gedicht etwas über seine Mutter geschrieben hat, die in dort im Sommer zur Kur war. Immer wenn ich da durchfahre, muss ich an dieses Gedicht denken. Ich spüre gerne solchen Textbezügen nach, aber man sieht dann immer etwas ganz anderes. Man kann es schon durch den zeitlichen Abstand nicht wiederfinden, aber es geht auch in Köln nicht.

Ich bin von der Palmstraße aus, wo ich zuletzt wohnte, öfter in der Richard-Wagner-Straße auf dem Postamt gewesen. Aber Brinkmann ist mir da nicht erschienen. Man weiß zwar, dass er in der Nähe wohnte, aber wenn man wirklich versucht hinzugucken ist der Zauber eigentlich weg. Zu wissen „Da um die Ecke in der Engelbertstraße, da hat er gewohnt“, ohne richtig nachzugucken, ist eigentlich viel anhaltender und inspirierender für die Lektüre als vor die Tür zu treten und zu sagen: „Aha. Wo war die Klingel?“. Das ist doch meistens eher enttäuschend.

Lesen Sie hier das vollständige Gespräch mit Norbert Hummelt

Icon PDFDownload [2 MB] | Zurück zum Anfang


Weitere Beiträge des Autors zum Thema Brinkmann

Norbert Hummelt: „Einer jener Klassiker: Rolf Dieter Brinkmann“ → zum Text

Norbert Hummelt: „‚Ich schrieb das schnell auf‘. Rolf Dieter Brinkmann und die Suche nach dem Unmittelbaren“. SWR 2 – Feature am Sonntag (12. April 2015) → hier nachhören


Zur Person

Norbert Hummelt // Foto: Kerstin Nieke

Norbert Hummelt // Foto: Kerstin Nieke

Norbert Hummelt wurde 1962 in Neuss und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Er studierte von 1983 bis 1990 Germanistik und Anglistik in Köln und arbeitet seit 1991 als freier Schriftsteller. Für seine Gedichte wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Preis, dem Mondseer Lyrikpreis und dem Niederrheinischen Literaturpreis. Er übertrug T.S. Eliots Gedichtzyklen „Das öde Land“ und „Vier Quartette“ neu in Deutsche und ist Herausgeber der Gedichte von W.B. Yeats. Norbert Hummelts Gedichte erscheinen seit 2001 im Luchterhand Verlag: Zeichen im Schnee (2001), Stille Quellen (2004), Totentanz (2007), Pans Stunde (2011) und Fegefeuer (2016) sowie Wie Gedichte entstehen (mit Klaus Siblewski, 2009). Er ist Herausgeber ausgewählter Gedichte von Thomas Kling (schädelmagie, Reclam 2008) und Durs Grünbein (Limbische Akte, Reclam 2011). Außerdem zahlreiche Essays und Radio-Features v.a. zur Literatur der Romantik und Moderne und zur Poetik des Gedichts. Seit 2002 unterrichtet er wiederholt als Gastdozent am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Für weitere Texte und Töne siehe auf poetenladen.de, literaturport.de und lyrikline.org.

Zurück zum Anfang

Anmerkungen   [ + ]

1. Die in der Kölner Zentralbibliothek angesiedelte Sammlung LiK (Literatur in Köln) ist Dokumentations- und Informationsstelle für das literarische Leben in Köln. Das Archiv umfasst die gesamte Primärliteratur, eine Presseausschnittssammlung und andere Quellen von und über Kölner literarische Autorinnen und Autoren. Heinrich Böll ist hierbei eine eigenständige Sammlung gewidmet. Weitere Informationen zu beiden Beständen gibt es auf: https://stadtbibliothekkoeln.wordpress.com/tag/lik/
2. Erstveröffentlichung des am 8. April 2002 in Köln geführten Interviews (leicht gekürzt und mit einigen Anmerkungen aktualisiert).
3. Rolf Dieter Brinkmann: Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand. Hrsg. von Maleen Brinkmann. Reinbek: Rowohlt 1987, S. 6.
4. Norbert Hummelt schrieb damals: „Realistisch sind Grünbeins Gedichte eher im Sinne des Realismusbegriffs der Kölner Schule: hier muss der Name Dieter Wellershoff fallen, vor allem aber: Rolf Dieter Brinkmann. Wie Brinkmann ist Grünbein an den Gegenständen der konkret erfahrbaren Alltagswelt, ‚Sardinen plattgewalzt/ zwischen den Gleisen &/ an den Seiten quillt/ überall Sauce raus rot’, wie bei Brinkmann bleibt das scheinbar nüchtern registrierende Subjekt bei aller Distanznahme immer involviert, ‚ich habe es satt so ganz/ gramgesättigt zu leben.‘“ Norbert Hummelt: „Grauzone morgens. Durs Grünbeins Gedichte“. In: StadtRevue, 1/1989, S. 123. Siehe auch Durs Grünbein: Limbische Akte. Gedichte. Hrsg. von Norbert Hummelt. Reclam: Stuttgart 2011.
5. Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke. Rowohlt: Reinbek 1979, S. 346.
6. Siehe hierzu auch Roberto Di Bella: „:träumen heißt die Sinne schärfen für die Gegenwart, in der man lebt/: Rolf Dieter Brinkmanns Re-Lektüren des Romantischen“. Casa di Goethe, Rom, 13. Mai 2013 → den Vortrag hören
7. Vgl. hierzu den poetologisch-autobiographischen Essay von Norbert Hummelt: Wie Gedichte entstehen (mit Klaus Siblewski). Luchterhand Literaturverlag 2009.
8. Das Fragment von Novalis lautet ausführlich: „Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ur[sprünglichen] Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualit[ative] Potenzirung. Das niedre Selbst wird mit einem besseren Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzen-Reihe sind. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. – Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche – […] es bekommt einen geläufigen Ausdruck. Romantische Philosophie. Lingua romana. Wechselerhöhung und Erniedrigung.“ (1798). In: Theorie der Romantik. Hrsg. von Herbert Uerlings. Philipp Reclam jun.: Stuttgart 2000, S. 51-52.
Bookmark the Permalink.

Kommentare sind geschlossen.