12.01.2015 / Literaturklub Köln

Trafo-Station des literarischen Underground und nervöser Flaneur im Labyrinth der Großstädte, stiller Poet und lautstarker Randalierer: über Rolf Dieter Brinkmann kursieren viele Legenden. Oft verschwinden die Texte dahinter. Im Gespräch mit Adrian Kasnitz, Lyriker und Verleger (parasitenpresse), stellte ich meine Studie zum Thema vor. Aus Anlass des 75. Geburtstags, den Brinkmann 2015 gefeiert hätte, ging es auch um die Spuren, die er in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart hinterlassen hat.

Wie viele seiner eigenen literarischen Leitbilder – zu denen neben Hans Henny Jahnn, Alain Robbe-Grillet oder William S. Burroughs auch Karl Philipp Moritz, Jean Paul oder Arthur Rimbaud zählen – war Brinkmann ein unbequemer Chronist seiner Zeit. Selbst nach seinem frühen Tod bleibt er vielfach ‚anstößig‘, im doppelten Wortsinn: provokativ und anregend. Letzteres lässt sich gerade an seinem Nachwirken bei vielen Schriftstellerinnen und Schriftsteller der auf ihn folgenden Generationen ablesen (siehe u.a. die Beiträge zur Reihe ‚Brinkmann ist für…‚ auf diesem Blog).

„Die Hauptstraße, auch der Gedanken,
ist aus 6spurigem Asphalt“

„Die Hauptstraße, auch der Gedanken, ist aus 6spurigem Asphalt“, notiert Rolf Dieter Brinkmann einmal in den posthum erschienenen Aufzeichnungen Rom, Blicke. In der Tat sind seine Texte ein frühes Plädoyer für intermediales und ‚vernetztes‘ Denken. So spiegelt sich die Grundhaltung dieses Autors auch in der Vielfalt der Rezeption wieder, die weit über den engeren literarischen Kontext hinaus reicht.

Brinkmanns Texte wurden zum Hörspiel bei Ulrich Gerhardt (BR 2000) oder hallen nach in Songs von Kristof Schreuf, Knarf Rellöm und Blixa Bargeld. Die Theaterregisseure Thirza Bruncken (Schauspiel Düsseldorf, 1996), Stefan Nagel (Schauspiel Köln, 2010) oder die italienische Bühnenperformerin Elettra de Salvo (Volksbühne Berlin, 2000) haben sich von Werk und Person ebenso inspirieren lassen wie die Künstler Henning John von Freyend oder Bertram Rutz.  Filmisch setzten sich z.B. Hanns Zischler (Ich gehe in ein anderes Blau, 1981) oder Harald Bergmann (Brinkmanns Zorn, 2006) mit  dem Autor auseinander.

Längst ein Klassiker des 20. Jahrhunderts

Aus der Vielzahl dieser Spuren in Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft spricht natürlich auch eine über die Jahre und Jahrzehnte hin sich wandelnde Auseinandersetzung mit Brinkmann. Er ist ein Autor, der bei allen Brüchen und Widersprüchen, immer mehr zu einem Klassiker des 20. Jahrhunderts wird und zugleich so gegenwärtig bleibt wie (außer vielleicht Jürgen Becker und Peter Handke) kein anderer Vertreter seiner literarischen Generation.

Die Wohngemeinschaft, Köln12. Januar 2015, 20.00 Uhr
Theater Die Wohngemeinschaft
Richard-Wagner-Str. 39, 50674 Köln


Fotos vom Abend © Christoph Ohrem

Bookmark the Permalink.

Kommentare sind geschlossen.