Brinkmanns Orte: Vechta (2)

Im Rahmen der Reihe “Brinkmanns Orte” kehren wir nochmals zurück zu Brinkmanns hassgeliebten Heimatort Vechta (→ vgl. Teil 1). Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Buch von Markus Fauser über Rolf Dieter Brinkmanns Fifties (Aisthesis Verlag 2018). Der Leser begibt sich mit diesem Buch auf einen historischen Spaziergang durch das Südoldenburger Land in die Stadt Vechta der 50er Jahre, in der der 1940 geborene Schriftsteller seine Kindheit und Jugend verbringt.

Die gut lesbaren Einzelessays zu verschiedenen Aspekten der (intellektuellen) Biografie Rolf Dieter Brinkmanns sind buchstäblich “nah dran” an ihrer Thematik, denn Markus Fauser ist seit 2005 Professor für Germanistische Literaturwissenschaft an der Universität Vechta und Autor mehrerer Bücher zum Autor. Sein jüngstes Buch über Brinkmann wird durch zahlreiche historische und zeitgenössische Abbildungen komplettiert. Zahlreiche persönliche Fotos, Handschriften und Dokumente aus dem Nachlass bereichern den Text. Markus Fauser erzählt uns auf seiner exzellent recherchierten Erinnerungsreise durch die 1950er Jahre in Vechta auch von ersten prägenden Lektüren eines werdenden Schriftstellers, der trotz seines frühen Todes zu einem der bis heute nachwirkenden literarischen Erneuerer der jungen Bundesrepublik werden sollte. Zugleich ist das Buch ein weiterer, wichtiger Schritt hin auf die immer noch ausstehende Gesamtbiographie.1Über Kindheit und Jugend des Autors informiert ebenfalls der umfangreiche und reich illustrierte Ausstellungskatalog von Gunter Geduldig/Ursula … Continue reading

Gibt denn keiner Antwort?
Gymnasium Antonianum und Rhetorica Vechtensis

Ein Gastbeitrag von Markus Fauser

Jedes zu einem neuen Selbst erwachende Bewusstsein reagiert empfindlich auf den äußeren Anstoß. Manchmal bedarf es keiner allzu großen Erregung für das Aufbrechen einer schon latent vorhandenen Sensibilität. Da genügt dann auch der scheinbar unbedeutende Anlass.

Brinkmanns Berichte aus der Schulzeit könnten unter einem Motto stehen, das er wie beiläufig erwähnt: „Es ist ja viel mehr kaputt gegangen als Häuser“2Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke [1972/73]. Hrsg. von Maleen Brinkmann. Reinbek: Rowohlt 1979, S. 357. Im Folgenden abgekürzt als RB + Seitenzahl.. Die unmittelbare Nachkriegszeit, in der Brinkmann von 1946 bis 1951 die Volksschule, damals die Alexanderschule an der Burgstraße besuchte, bleibt als von Angst geprägte Phase im Gedächtnis:

Da waren wir 5, 6 Jahre alt – Schichtunterricht, nachmittags in die stinkende Volksschule gegangen, der Bretterfußboden stank nach alten Schuhen und Staub und war ganz schwarz – man saß zu zweien in engen zerschnitzten, zerkratzten Holzbänken, vertrocknete Tinte um die Tintenfässer in der Schreibfläche – und dann rutschte man rauf oder man rutschte runter, je nach Leistungen eine Reihe rauf, eine Reihe runter – sinnlose Verschiebungen, erneute Angst – und das psychische Gesamtklima? (RB 356)

Der Wille, die jüngste Vergangenheit zu überwinden, den Wiederaufbau des Landes voranzubringen, mündete überall in gesteigerte Leistungsbereitschaft. Wenn das auch meistens nicht als Nachteil empfunden wurde, konnte der spürbare Druck im Verein mit den weiterhin angewendeten strengen und sicher fragwürdigen Unterrichtsmethoden im Einzelfall Schaden anrichten oder Widerstand erzeugen.

Den allerdings überliefern die Zeitgenossen erst aus der Gymnasialzeit des Autors. Von Ostern 1951 bis zum 17. März 1958 war Brinkmann auf dem Gymnasium Antonianum, das erst zum Oktober 1947 sein Gebäude an der Willohstraße bezogen hatte (→ Website des Gymnasiums).

Er begann nach dem damals für Vechta durchgesetzten Modell der humanistischen Bildung mit grundständigem Latein in der Klasse 5, erhielt ab der siebenten Englisch dazu und ab der neunten Klasse noch Griechisch. Nachdem er die neunte Klasse wiederholen musste war die Versetzung in Klasse 10 erneut gefährdet; dem drohenden endgültigen Scheitern in Griechisch, Mathematik und Chemie wurde vorgegriffen, der Personalbogen der Schule vermeldet daher zum 17. März 1958: „Der Schüler geht ins Berufsleben über“3Für alle Dokumente vgl. Geduldig/Ursula Schüssler (Hg.): //:Vechta! Eine Fiktion!/:,  a.a.O., Kat.-Nr. 48-57). Die dramatische Verschlechterung der Zensuren folgt allerdings genau den häuslichen Verhältnissen. Es ist die Zeit, in der die Mutter im Sterben liegt:

und mir gings ziemlich an den Kragen in der Schule, und ich war ganz wirr wegen des Sterbens meiner Mutter, mit der ich so viele Kräche hatte, sie warf immer mittags Putzlappen nach mir, prügelte mich oft, ich mußte fegen und spülen, haßte das 4Rolf Dieter Brinkmann: Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand [ca. 1970-72]. Hrsg. von Maleen Brinkmann. Reinbek: … Continue reading

Aus heutiger Sicht fällt es schwer, das Verhalten damaliger Schüler zu beurteilen. Überliefert sind sehr unterschiedliche Wahrnehmungen. Sein Mitschüler Wolfgang Zimmers erklärt die Probleme im Umgang mit den Lehrern aus dem großen Altersunterschied. Das Kollegium bestand aus meist älteren Herren, viele der jüngeren waren im Krieg umgekommen. Nicht wenige, vor allem in den alten Sprachen, waren Pensionäre, die sich bereit erklärten, dem akuten Lehrermangel abzuhelfen. Dennoch, das Unverständnis unter den Generationen scheint wechselseitig gewesen zu sein.

Von Krüppeln erzogen worden mit Krüppelvorstellungen

 

Brinkmann jedenfalls findet später nur harsche Kritik, er sei „von Krüppeln erzogen worden mit Krüppelvorstellungen“(RB 377), er lebte in ständiger Angst vor den Schulstunden, ja, Schule überhaupt erfährt er als „Eine einzige Drohung!“, rings um ihn nur:

Ästhetische Katastrophen und sichtbare Verstümmelungen an einem hellen Vormittag! /: in welchen Räumen ich lernen sollte: in Heizungskellern, stinkenden Turnhallen, Dachböden, Baracken, in engen Bänken, in übelst riechenden Zimmern! (Erk 224)

Bemerkenswert, wie Brinkmann diese Zeit vor allem über Gerüche und andere sinnliche Erfahrungen einordnet. Er bewertet das Erlebte nachträglich als Störung der Suche nach Intensität, als Ablenkung vom Wesentlichen. Wer in den Erkundungen nachliest (Erk 82, 109, 253, 309), seien es die abfälligen Beobachtungen über das Verhalten von Lehrern, geschwänzte Schulstunden oder gefälschte Entschuldigungen, wird immer auf diesen Zusammenhang stoßen. Jedes Mal geht die Erinnerung von einer sehr konkreten Empfindung aus:

Schule: Das graue Gefühl am Montagmorgen, vor der Schulmesse und während der Schulmesse, in der endlos ein Schulchor lateinische Gesänge herunterdrückte vom staubigen, braun-grauen eichenen Orgelboden, und man kannte schon die Woche im voraus, die Schreck-Stunden, immer wieder, immer wieder, sah die keuchenden, asthmatischen Gestalten, die mit diffusen Erklärungen von Grammatik ankamen (Erk 309).

Aus der Sicht eines Lehrers stellt sich die Lage ganz anders dar. Sein letzter Englischlehrer, Bruno Huhnt, hat nur Lappalien und Bagatellen gesehen. Er widerspricht dem Mythos vom Schüler Brinkmann als Problemfall. Arreststrafen für renitente Schüler waren schließlich an der Tagesordnung.

Wie der Mythos vom „Lehrerschreck“ entstanden sein mochte, das belegt eine Anekdote. Der zwei Jahre jüngere Hermann Rasche, der Brinkmann nur flüchtig kannte, kolportiert aus dem Katechismusunterricht die Stunde zum Thema Sexualkunde. Der Theologe Dr. Eberhard Brand, pädagogisch überfordert, erklärte das heikle Gebiet zwischen dem fünften und siebenten Gebot, die Sache mit dem „Punkto Sexti“, mit einem sehr knappen, zum Scheitern verurteilten Vergleich: Sexualleben der Bienen, Warnung vor dem Stachel! Der „actus impurus“, die unreine Handlung sei wegen der Folgen ungezügelter, selbstbezogener sexueller Betätigung tunlichst zu meiden: Rückenmarksschmerzen, frühe Augenleiden, reduzierte Sehfähigkeit. Brinkmann soll ihn unterbrochen haben mit der witzigen Bemerkung: „Herr Studienrat, einer von uns beiden trägt eine Brille – ich bin´s nicht!“ Und setzte frech nach mit der Frage, wie häufig der Herr Doktor es denn mit dem Vollzug am eigenen Leibe halte 5Zitiert nach dem Interview mit Hermann Rasche:  „Brinkmann, Benn, und Dr. B“. In: too much. Das lange Leben des Rolf Dieter Brinkmann. Hrsg. von … Continue reading.

Gleich, ob die Geschichte sich so zugetragen hat oder nicht, sie ist ein gutes Bild von der Aura, die den Schüler umgab: Brinkmann der Widerständige, Renitente, das vorwitzige Großmaul. Und das stimmt überein mit anderen Aussagen von Zeitgenossen, die seine früh zur Schau getragene Ablehnung jeder Verkrampfung und Verklemmung betonen. Wenn wir dann noch bedenken, dass Brinkmann eine Zeit lang eine schwarze Hornbrille mit Fensterglas trug, ein Foto zeigt ihn so, die ihm das Image des Intellektuellen verpassen sollte und zugleich die erwähnte spießige Einstellung zum sichtbaren Protestzeichen umfunktionierte, dann wird sein ironischer Umgang mit den Unzulänglichkeiten damaliger Sexualmoral recht gut greifbar.

Ganz ohne Zweifel: der Schüler Brinkmann kann seine Phantasie und seinen Humor nicht ausleben, die geltende Verhaltensordnung stellt ihm unlösbare Aufgaben, er gerät auch in Konflikt mit den Eltern wegen seiner nachlassenden Leistungen, er beklagt die ständigen Vorhaltungen zuhause, die Drohungen, man werde ihn von der Schule nehmen (vgl. Erk 192, 262).

Träume, Fluchten, Ausweichmanöver

 

Ganz außer Zweifel steht auch dies: für einen überaus sensiblen Schüler genügen oft geringe Anlässe, um abweichendes Verhalten, auch Langeweile an den Tag zu legen. Er reagiert mit Träumereien, dem Aussetzen und Umlenken der Aufmerksamkeit aus einer als bedrückend empfundenen Szenerie, für die er den Blick auf das unmittelbar hinter der Schule liegende Gefängnis als Symbol wählt:

„die stinkenden Schulräume, die Korridore mit ausdünstenden Mänteln / verschimmelte Brotschnitten und Turnschuhe hinter der Heizung (und der träumerische Blick aus dem Fenster in die Kastanienbäume, in die langsam und schwerfällig Regen fällt“ (Erk 109) ; „Vom Fenster des Schulraums sah man auf den starren roten Ziegelbau des Gefängnisses, und manchmal gingen morgens auf der leeren Straße, vor der Häuserreihe, aus deren geöffneten Fenstern weiße wulstige Betten oder Kissen hingen, zwei Figuren vorbei, die eine Figur in einer grünen Dienstjacke, die andere Figur in einem Anzug. Sie waren an den Handgelenken aneinandergefesselt und kamen vom Bahnhof. Sie gingen zu dem breiten Block des Gefängnisses. Dieser Eindruck führte mich augenblicklang aus dem Klassenzimmer fort und aus den stammelnden Übersetzungsversuchen. Ich wanderte durch Seitenstraßen, und schlief dann einige Zeit in dem Fahrradschuppen der Schule auf einem Heuballen. Ich erinnere mich an das zirpende Geräusch von Mäusen.“ (RB 405)

Träume, Fluchten, Ausweichmanöver, der Katalog der Abwehrreaktionen gegen die schulischen Zwänge ist schier endlos.

Und es ist verständlich: Für den Schüler stellten sich bohrende Fragen. Warum lebten die gerade widerlegten Weltanschauungen in Teilen einfach weiter? Warum gab es keine Zweifel am Glauben? Hatte man wirklich nur „das Kreuz in der Schule verteidigt“, wie es damals hieß 6Bernd Witte: “Vechta. Ein Ort für Rolf Dieter Brinkmann”. In: Text + Kritik 71 (1981): Sonderheft Rolf Dieter Brinkmann, S. 7-23, S. 10. Warum war nicht alles zusammen gebrochen? Warum funktionierten so viele Mechanismen einfach unbeschadet weiter? Konnte man nichts dagegen tun?

Waren alle schon Demokraten geworden? Wie stand es um den christlichen Humanismus, dem sich das Leitbild der Schule verschrieben hatte? War das christliche Gymnasium das „unerschütterliche Bollwerk im Strom wandelbarer Meinungen“, welches im technischen Zeitalter der um sich greifenden Relativierung aller Werte entgegen zu wirken vermochte? „Glauben und Wissen“ sollten das Fundament bleiben, so der damalige Direktor Josef Nordlohne in der Festschrift zur 250-Jahrfeier 1964. Festigkeit sollte die heranzubildende „Substanz der christlichen Persönlichkeit“ auszeichnen.

Aus der Zerstörung der Lebensverhältnisse im Krieg wurden verstörende Fragen. Die Methoden der Erziehung, das Fehlen der Stunde Null, die halbherzige Aufklärung, das Weitermachen, dafür steht der Name des Hauswirtes Anton Themann und das dezidierte Urteil Brinkmanns: „ein scharfer Nazi“ (Erk 262).

Wie anders dagegen nimmt sich das Aufblühen des jungen Brinkmann in seinem Engagement für die Theatergruppe aus. Hier findet er sein ureigenes Feld. Hier kann er seine literarischen Interessen mit seinem expressiven Drang verbinden. Hier sieht er, wie Texte Stellung beziehen zu den brennenden Fragen auch seines jungen Lebens. Und das in einer Sprache, für die er sich gerade erst zu begeistern beginnt, deren Ausdrucksform er mit allem Nachdruck erlernen und übernehmen will: die Sprache der Literatur.

Rolf Dieter Brinkmann spielt den „Menschen Beckmann“

 

Die „Rhetorica Vechtensis“, so heißt die freiwillige schulische Arbeitsgemeinschaft für Literatur und Theater, führt jährlich ein Theaterstück auf. In den beiden letzten Jahren seiner Schulzeit war er Mitglied. Schon im Jahr seines Beitritts fungierte er als Regieassistent bei der Aufführung von Molières Komödie Der Geizige. In der Schulbibliothek findet sich heute noch das Regiebuch mit den Strichen im Text. Im Jahr darauf, 1957, wurde dann das Zeitstück von Wolfgang Borchert Draußen vor der Tür gespielt.7Anm. R. Di Bella: Draußen vor der Tür ist ein Drama des deutschen Schriftstellers Wolfgang Borchert, das er innerhalb von acht Tagen niederschrieb. … Continue reading Obwohl Brinkmann als jüngstes Mitglied nicht hätte spielen dürfen, überzeugt er in einer Leseprobe die älteren Mitglieder der Gruppe und bekommt die Hauptrolle. Einige Szenenfotos sind ebenso erhalten wie der Theaterzettel mit den Namen der Spieler. Er stammt aus der Sammlung von Elisabeth Zöller (damals Elisabeth Piefke). Diese Projekte waren natürlich auch aufregende Erfahrungen, weil bei ihnen ein unkontrolliertes Zusammentreffen der beiden Geschlechter möglich war. Die Schülerinnen des Lyzeums „Unserer Lieben Frau“ (U.L.F), nur wenige Meter vom Antonianum entfernt unterrichtet, waren von den Ordensfrauen streng abgeschirmt, andere gemeinsame Unternehmungen in der Freizeit verboten (→ Website des Gymnasiums).

Hermann Thole, der damalige Chefredakteur der Oldenburgischen Volkszeitung (OV), schrieb in seiner Besprechung vom 28. Oktober 1957 über den faszinierenden Auftritt der gesamten Truppe sowie die Hauptrolle im dicht gefüllten Metropol-Theater:

Wenn wir sagten, daß die Gesamtleistung aller Mitwirkenden der Rhetorika ausgezeichnet war und volles Lob verdient, so muß diese Anerkennung schon deshalb besonders ausgesprochen werden, weil alle Darstellerinnen und Darsteller jene Elendszeit des Krieges und der ersten Nachkriegszeit aus eigenem, bewußtem Miterleben nicht kennen und sich darum in Geist und Milieu des Spiels einfühlen mußten. Das ist ihnen gelungen und die Lösung dieser schwierigen Aufgabe war eine wichtige Voraussetzung für den großen Erfolg der Aufführung.

Rolf Brinkmann als ‘Mensch Beckmann’ hatte die tragende und schwierigste Rolle des Spiels übernommen; er hat seine Aufgabe in geradezu meisterhafter Weise gelöst. Sein Spiel war von einer Natürlichkeit und Sicherheit, auch in Geste und Mimik, daß der Dichter sich wohl keinen besseren Interpreten dieser schwierigen Rolle wünschen konnte.

Das Foto, das sein Vater geschossen hat, trifft genau die düstere Stimmung des Stückes, die in der Hauptfigur kulminiert. Josef Brinkmann hält die Geste der Hoffnungslosigkeit, mit der sein Sohn auf der Bühne den Beckmann spielt, in der passenden Pose fest: den zur Seite geneigten Kopf mit der Linken gestützt.

Danach war er nicht mehr derselbe. In die Rolle des von allen anderen ausgeschlossenen Menschen Beckmann steigerte er sich derart hinein, dass die Schule für ihn nebensächlich wurde. Auch nach den Proben trug er den Soldatenmantel Beckmanns, die Realität der kleinen Stadt Vechta betrachtete er fortan durch die „Gasmaskenbrille“ aus dem Drama. Die unerhörten Sätze, die er auf dem Theater zu sprechen hatte, die Nietzsche-Zitate, die nicht wenige Zuschauer in Vechta immer noch mit Entsetzen erfüllten („Du bist tot, Gott“) nimmt er wörtlich und mit in seinen Alltag hinein. Die provokative Rede Beckmanns erwählt sich Brinkmann zur eigenen Haltung im Umgang mit seiner Umwelt: „habe sie in der besoffenen Szene mit dem Direktor ganz schön mies und gewalttätig angerülpst von der Bühne des Metropolkinotheaters runter“ (Erk 223).

Das Stück endet mit einem langen Monolog Beckmanns, der seine ganze Verzweiflung in der dreimal wiederholten Frage herausschreit: „Gibt denn keiner, keiner Antwort???“ Der Auftritt verschafft ihm ein Selbstwertgefühl, das bei den schulischen Leistungen verloren ging. Aber der Auftritt bedeutet mehr: In der Literatur findet Rolf Dieter Brinkmann fortan seine wahre Heimat. Es sollte eine der selbst gewählten Heimatlosigkeit sein. ■

Quelle
Markus Fauser: Rolf Dieter Brinkmanns Fifties. Unterwegs in der literarischen Provinz. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2018. S. 23-32. → zur Verlagsseite.
Ich danke für die freundliche Bereitstellung des Textes. Eine weitere Leseprobe gibt es hier → Download (PDF)

Besprechung von Gisa Funck: Büchermarkt – Deutschlandfunk · 09.11.2018 · 10 Min.

→ weitere Rezensionen des Buches hier


Zur Person
Markus Fauser (Prof. Dr. phil. habil.) ist 1959 geboren. Er lehrt Germanistische Literaturwissenschaft und ist Leiter der Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann an der Universität Vechta. Fausers Forschungsschwerpunkte sind die Historische Kulturwissenschaften, die Literaturgeschichte des 18.-20. Jahrhunderts sowie Literaturtheorie(n). Siehe als weitere Beiträge zur Brinkmann-Forschung auch folgende von ihm herausgegebene Publikationen: Medialität der Kunst. Rolf Dieter Brinkmann in der Moderne. Bielefeld: transcript Verlag 2011; (mit Martin Schierbaum): Unmittelbarkeit. Brinkmann, Born und die Gegenwartsliteratur. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2016 sowie (mit Dirk Niefanger und Sibylle Schönborn): Brinkmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler 2020. Zuletzt erschienen ist seine monografische Studie Rolf Dieter Brinkmann und die Religion. Göttingen: Wallstein 2022.

Anmerkungen[+]

Über Roberto Di Bella

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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