Brinkmann-Stipendium 2014

Das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium ist ein seit 1990 jährlich von der Stadt Köln ausgelobter Literaturpreis zur Förderung des literarischen Nachwuchses in NRW. 2014 ging die mit 10.000 € dotierte Auszeichnung an den Autor und Literaturvermittler Dorian Steinhoff (*1985). Die feierliche Verleihung fand am 22. Oktober im ausgebuchten Kölner Literaturhaus statt.

Dorian Steinhoff

Dorian Steinhoff // Foto: Marco Piecuch // Quelle: www.mairisch.de

Dorian Steinhoff wurde 1985 in Bonn geboren und studierte Jura, Philosophie und Germanistik in Trier, wo er sich zunächst auch mit zahlreichen Kultur- und Literaturprojekten in der lokalen Szene einen Namen gemacht hat. Seine Anfänge in der Literatur ab etwa 2007 sind eng mit der Slammer-Szene verbunden. An bundesweiten Profislams nehme er zwar nicht mehr teil, doch von der dort gesammelten Text- und Bühnenerfahrung zehre er weiterhin, so Steinhoff im kurzen Telefoninterview. Wertvoll ist dem Autor, den ich gerade bei der Lektüre von Rolf Dieter Brinkmanns Roman Keiner weiß mehr unterbreche, die Slammerzeit auch für seine literarische Workshoparbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen an Schulen und Universitäten. Über diese und andere Termine informiert eine professionell gestaltete Internetseite.

Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern

Cover zum Erzählband von Dorian Steinhoff "Das Licht der Flamen auf unseren Gesichtern" von 2013Bis vor wenigen Jahren mussten die Bewerberinnen und Bewerber auf das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium noch ihren Lebensmittelpunkt in Köln haben. Sicher auch um die Aufmerksamkeit für den Preis zu erhöhen, hat man im Rathaus mittlerweile dieses Kriterium gelockert und lässt landesweite Bewerbungen zu, auch wenn so ein wenig der konkrete Bezug zum Namensgeber und der von ihm hassgeliebten Stadt verlorengeht. Ein Glück jedoch für Dorian Steinhoff, der seit 2012 in Düsseldorf wohnt. Ausgezeichnet wurde er bisher u.a. mit dem Georg-K.-Glaser-Förderpreis und einem Aufenthaltsstipendium im Literarischen Colloquium Berlin 2014. Der neue Preis, mit seinen 10.000 € mittlerweile eine der wichtigsten Auszeichnungen für junge Literatur in Deutschland, wird seiner Laufbahn als Schriftsteller zweifellos weiteren Aufwind geben. Zwei Erzählbände sind bislang erschienen: zunächst 2009 die Sammlung Goldfische sind auch keine Lösung im Lektora-Verlag. 2013 folgt sein zweites Buch mit dem schönen Titel Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern bei mairisch, einem jungen Hamburger Verlag. Sieben Erzählungen, deren lakonische und alltagsnahe Sprache den nach außenhin sich oft mühelos gebenden und doch von zahlreichen kleinen und großen Rissen durchzogenen (Beziehungs-)Alltag der meist jungen Protagonisten einfängt.

Wir begreifen ihre Eigenheiten, ihre Wirklichkeiten

In ihrer Laudatio auf Dorian Steinhoff formulierte Bettina Fischer hierzu u.a.:

Als Angehörige der vorangegangenen Generation kann ich es sagen und bezeugen: in Dorian Steinhoffs Texten wird man sprachlich überzeugend an Menschenleben herangeführt, denen man eine Erzählungslänge unbedingt folgen will. Menschen einer Lebensphase und einer bestimmten Zeit werden beschrieben: junge Menschen heute. Hier bildet sich eine Wirklichkeit ab, die uns alle angeht. Die Texte haben eine grundsätzliche Empathie mit ihren Figuren, eine Einsicht ins Menschliche und die Überforderung, der man nur allzu oft ausgesetzt ist.

Dorian Steinhoff hat das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium unserer Stadt zugesprochen bekommen. Das Stipendium beinhaltet auch, dass man sich in einer Atelierwohnung in Köln aufhalten kann. Vielleicht reist er aus dem benachbarten Düsseldorf einmal ein und schaut sich dieses Köln aus der Nähe an, dieses Köln, das Rolf Dieter Brinkmann mit sehr kritischem und sehr genauem Blick betrachtet hat. Etwa in seinem Roman ‚Keiner weiß mehr‘. Auch von Dorian Steinhoff können wir einen sehr genauen Blick erwarten, ein kritisches Auge, das die Zusammenhänge zwischen den Menschen, die Widrigkeiten und Widerstände im Miteinander aufspürt. Aber sein Gestus ist ein anderer: in Dorian Steinhoffs Beschreibungen finden wir eine Einordnung, aber kein Urteil. Mit wenigen Strichen werden hier Charaktere entworfen, wir begreifen ihre Eigenheiten, ihre Wirklichkeiten.

Das Kölner Literaturhaus in neuen Räumen

Literaturhaus Haus

Ort der Preisverleihung war wieder das Kölner Literaturhaus, doch in neuen Räumen. Erst wenige Monate zuvor ist man von Bayenthal ins zentralere „Haus Bachem“ am Großen Griechenmarkt umgezogen (siehe Karte unten). Ein Ortswechsel, mit dem sich auch die Hoffnung auf neue Impulse für das Kölner literarische Leben verbinden, nicht zuletzt durch die vereinfachte Zusammenarbeit mit den umliegenden Kultureinrichtungen wie der Kölner Zentralbibliothek, dem Rautenstrauch-Joest-Museum oder dem Belgischen Haus (Lesen Sie hierzu Geschäftsführerin und Programmleiterin Bettina Fischer im Interview.)

Preisträger der vergangenen Jahre waren u.a. Marcel Beyer (1991), Dieter M. Gräf (1995), Norbert Hummelt (1996), Stan Lafleur (2001), Adrian Kasnitz (2005) und Julia Trompeter (2012). Der Stipendiat des Vorjahres war der Aachener Christoph Wenzel. Einige der vorgenannten Autoren wie auch Zeitgenossen Brinkmanns haben bereits auf meine „Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann“ reagiert. Auch Steinhoffs Kommentar zum Kölner Autor  ist darunter (→ zur Übersicht).

Die Hürde der Dankesrede hat Dorian Steinhoff auf  originelle Weise genommen. Er nahm sich Brinkmanns einzigen Roman Keiner weiß mehr (1968) vor und begann – genau eine Woche vor dem Termin – seine Lektüreeindrücke als Lesetagebuch zu notieren, teilweise ‚on the road‘ zwischen Düsseldorf und Köln (hier nachzulesen).

Informationen zum Preisträger
www.doriansteinhoff.de
www.mairisch.de

Informationen zur Auszeichnung
Alle Preisträgerinnen und Preisträger alphabetisch
Weitere Informationen auf den Seiten des Kulturamtes der Stadt Köln

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