Vorbemerkung

„Die Hauptstraße, auch der Gedanken, ist aus 6spurigem Asphalt”, heißt es einmal in Rom, Blicke. Brinkmanns Schreiben war stets auf der Spur der Gegenwart. Dabei bleibt er auch nach seinem frühen Tod 1975 für viele ‚anstößig‘, im doppelten Wortsinn: provokativ und anregend.

So sind mir im Laufe der nunmehr rund 20 Jahre meiner eigenen (nicht nur wissenschaftlichen) Beschäftigung mit Rolf Dieter Brinkmann sehr viele Menschen begegnet, die auf jenem literarischen ‚Highway‘ der einen oder anderen seiner Gedanken-Spuren gefolgt sind, in Wissenschaft, Kulturbetrieb und natürlich vor allem als Autor*in. Gerade im Bereich der Lyrik gilt: wer seit den 1980er Jahren im deutschsprachigen Raum hier unterwegs war und ist, kommt kaum an diesem Namen vorbei, hat sich auf die eine oder andere Weise mit seinen Gedichten, Texten und poetologischen Positionen auseinandergesetzt, sich davon (zeitweilig oder dauerhaft) inspirieren lassen oder in eine produktiv-kritische Distanz dazu gesetzt. Zudem ist Brinkmann nicht zuletzt auch durch zahlreiche Publikationen aus dem Nachlass (insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren) auf bisweilen irritierende Weise gegenwärtig geblieben: ein Heutiger, der aber auch nie zur Ruhe zu kommen scheint, “als finge er immer von neuem an”, wie der Literaturkritiker Ulrich Greiner bereits 1981 schrieb.

Denk-Anstöße für eine Ästhetik der Gegenwart

 

Dabei geht die Auseinandersetzung mit seinem Werk weit über den Bereich der Literatur hinaus. Auch Schauspieler wie Regisseure, bildende Künstler und Musiker, Publizisten oder Fotografen haben in seinen Texten, Gedichten und multimedialen Experimenten immer wieder Denk-Anstöße für die eigene Arbeit gefunden oder sich auch nur an dieser Figur und ihren Widersprüchen gerieben. Gerade diese breite Rezeption in allen Kunstformen ist das Besondere an Brinkmanns Nachleben und trifft zugleich den Kern seiner eigenen multimedialen Poetik. Die Kehrseite davon ist, dass dieser Autor bzw. sein ‘Image’ auch gerne herbeizitiert werden, wenn das Feuilleton dem Leser eine besondere Intensität oder auch anarchische Destruktivität des Ausdrucks bildhaft machen möchte. Er ist dann mal “der Ginsberg aus Vechta”, mal der Prototyp eines Punk: hier wird der Autor zu Metapher.

Doch in der näheren Auseinandersetzung wurden Brinkmanns Texte zum Hörspiel bei Ulrich Gerhardt oder inspirierten die Hamburger Underground-Musiker Kristof Schreuf und Knarf Rellöm. Der Lyriker und Leadsänger der Einstürzenden Neubauten Blixa Bargeld oder TheatermacherInnen wie Thirza Bruncken, Elettra de Salvo, Stefan Nagel u.a. ließen sich von Person und Material ebenso für ihre Arbeit anregen wie bildende Künstler (siehe Bertram Rutz oder Henning John von Freyend) oder auch Schauspieler wie Robert Stadlober und Klaus Maria Brandauer, die ihm bei Lesungen ihre Stimme liehen.1Siehe zur vielfältigen künstlerischen Rezeption des Autors auch die zahlreichen Hinweise von Theo Breuer in seinem Essay “Flickenteppich. ...weiter lesen

Die Sektion “Brinkmanns Leser*innen” auf diesem Blog ist mehrfach unterteilt. Zum einen gibt es die umfangreiche Rubrik “VIER FRAGEN ZU RDB: mit einem Fragebogen und vier stets identischen Fragen treten ich an zeitgenössische Autor*innen oder Künstler*innen heran, die sich auf besonders intensive Weise mit dem Autor auseinandergesetzt habe, wie u.a. Theo Breuer, Dieter M. Gräf, Eckard Rhode, Jan Volker Röhnert und Bertram Rutz. Dies gilt auch für Zeitgenossen und literarische Weggefährten, so insbesondere Henning John von Freyend, Linda Pfeiffer oder Klaus Willbrand. Diese Rubrik umfasst mittlerweile rund 40 Einzelbeiträge. Weitere Fragebögen veröffentliche ich hier in loser Folge. Auch die Arbeit der Übersetzer*innen Brinkmanns in andere Sprachen möchte ich auf diese Weise dokumentieren (hier ein erstes Beispiel für das Englische).

Eine “wild gefleckte” Rezipienten-Anthologie

 

Unter OH, TÖNE! habe ich eine Auswahl an akuell online zugänglichen Audio- bzw. Videodokumenten zu Rolf Dieter Brinkmann zusammengestellt: Radiofeatures, wissenschaftliche Vorlesungen, Lesungen oder Inszenierungen von Texten des Autors (ergänzt um eine externe Playlist mit Fundstücken auf Youtube). Die Rubrik SPUREN möchte zudem – in Form von eigenen oder Gastbeiträgen – auf frühere künstlerische, publizistische oder wissenschaftliche Projekte zum Autor verweisen.

Zuletzt habe ich im Frühjahr 2020 aus Anlass des 80. Geburtstags des Autors am 16. April einen besonderen Aufruf gestartet, nämlich mir hierfür “posthume Grüße” zu senden, als Kommentar, persönliche Erinnerung oder literarisch-künstlerischen Beitrag. Erreicht haben mich zahlreiche Texte, Bilder und Töne (darunter sehr viele Originalbeiträge), die ich nun auf diesem Blog als kleine digitale und “wild gefleckte” REZIPIENTEN-ANTHOLOGIE IN VIER TEILEN präsentiere (spätere Erweiterung nicht ausgeschlossen).

“Brinkmann bleibt berührbar” (Hermann Peter Piwitt)

 

Mein Blog will mit dieser Fülle an Materialien – nunmehr in rund sieben Jahren zusammengetragen – nicht zuletzt die Vielfalt der Zugänge zu Werk und Person dokumentieren. Dies schließt kritische Bewertungen natürlich mit ein. “Brinkmann bleibt berührbar”, wie es der Schriftsteller und Weggefährte des Autors Hermann Peter Piwitt (*1935) in einem sehr persönlichen Essay bereits 1970 anlässlich der posthumen Veröffentlichung des Material- und Briefbandes Rom, Blicke formulierte. Und der Berliner Lyriker Dieter M. Gräf (*1960) brachte es für diesen Blog auf folgende dialektische Formel: “Rolf Dieter Brinkmann… ist ein unvollkommener Dichter, der vollkommenere überleben wird.”

Roberto Di Bella
Köln, Mai 2020

Weitere Hinweise wie auch Vorschläge für Gastbeiträge sind herzlich willkommen!
Kontakt: Dr. Roberto Di Bella <roberto[dot]dibella[AT]gmx.net>

Anmerkungen   [ + ]

1. Siehe zur vielfältigen künstlerischen Rezeption des Autors auch die zahlreichen Hinweise von Theo Breuer in seinem Essay “Flickenteppich. Blicke auf Brinkmann” (23. April 2020).

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