Jan Volker Röhnert

Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann

1. Wie bist Du auf Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam geworden?
Zuerst in einer Literaturgeschichte, die ich in der elften Klasse las, da beeindruckten mich die dort enthaltenen „Gedicht“ und „Nach Shakespeare“; dann kaufte ich mir den soeben erschienenen Reclam-Auswahlband während des Sommers 1995, den ich auf der Zivildienstschule in der Nähe Freiburgs verbrachte; und schließlich während meines ersten Semesters in Jena im Herbst 1996 stieß ich im Antiquariat „Blechtrommel“ in der Ramschkiste für 4 DM auf ein abgegriffenes Exemplar von Westwärts 1&2, das damals vergriffen war, und das hat mich mindestens bis zum meinem Erasmus-Semester in Genua 1998 überallhin mit begleitet …

Jan Volker Röhnert

Jan Volker Röhnert // Foto: Alexander Paul Englert

2. Welcher seiner Texte hat Dir am besten gefallen?
Siehe oben. Aber Gedichte sind dazu da, immer wieder von neuem gelesen zu werden und jedesmal so, als läse man sie zum ersten Mal. Brinkmanns Gedichte machen da keine Ausnahme: Sie eröffnen jedesmal neue Ein- und Ausblicke. Es gibt keinen definitiven Brinkmann-Kanon für mich. Lange Zeit war es „Die Orangensaftmaschine“ und von den längeren „Fragment zu einigen populären Songs“. Meine Lieblingsgedichte sind aber definitiv die, über welche Maleen noch immer mit Argusaugen wacht, die allerspätesten aus den letzten Wochen und Tagen, in denen er nach Abschluss von Westwärts 1&2 noch einmal wild herumgekritzelt hat und noch einmal ganz von vorn anfangen wollte – was da wohl entstanden sein mag? Schon weil ich nichts darüber weiß, sind das meine Lieblingsgedichte von ihm…

Was macht Brinkmanns Texte aktuell, was wird bleiben?
Siehe oben: das weiße Blatt, oder alternativ: das weiße Laken bei geöffnetem Fenster, dahinter sehen wir die Silhouette eines Mädchens ohne Laufmaschen bis unter den Rock, das ein Glas kalten Tees trinkt, während die Orangensaftmaschine sich dreht…

3. Was hättest Du Brinkmann gerne noch persönlich gesagt?
Hättest Du nur noch „Paris, Texas“ sehen können – bei diesem Travis, der da aus der Mitte von Nirgendwo kommt, musste ich immer irgendwie an Brinkmann denken, und bei den Aufnahmen aus der texanischen Landschaft sowieso. Ob er und Wenders sich einmal begegnet sind?

4. Ergänze bitte folgenden Satz: Rolf Dieter Brinkmann …
ist ein Dichter, über den unendlich viele Legenden kursieren, hinter denen die eigentlichen Gedichte manchmal unsichtbar werden – dabei sollte es umgekehrt sein: wie Han Shan wollte Brinkmann im Bild seiner Gedichte die eigene Spur auslöschen, so dass letztlich wieder ein weißes Blatt erscheint, auf dem jeder sich selbst begegnen kann… Kurz und gut: Brinkmann ist ein weißes Blatt Papier, das ein norddeutscher Sommerwind dir vor die Füße weht.

Zur Person

Jan Volker Röhnert wurde 1976 in Gera geboren, studierte Literaturwissenschaft, Deutsch als Fremdsprache, Romanistik und Erziehungswissenschaft, war für das Goethe-Institut in Genua und als Fremdsprachenassistent in Toulon tätig, unterrichtete Literatur an der FSU Jena und arbeitete als DAAD-Lektor an der Universität Sofia. Seit 2011 ist er Heyne-Juniorprofessor für Neuere Deutsche Literatur an der TU Braunschweig. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Rolf Dieter Brinkmann und gemeinsam mit Gunter Geduldig Herausgeber des zweibändigen Handbuchs Rolf Dieter Brinkmann. Seine Gedichte in Einzelinterpretationen. Berlin et al.: de Gruyter 2012. 2014 gewinnt Jan Volker Röhnert den Medienpreis der RAI Südtirol beim Lyrikpreis Meran. Im Herbst 2014 erschien sein neuester Gedichtband Wolkenformeln. Frankfurt/M.: editionfaust.

Mehr Informationen
www.janroehnert.de

Bookmark the Permalink.

Kommentare sind geschlossen.