Jim Zimmermann

Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann

Foto: privat

1. Wie bist Du auf Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam geworden?
1975: schwache erinnerung an presseberichte über den unfall in london, damals noch nichts gelesen oder gewusst von brinkmann.

1981: acid – und bukowski, kerouac, ginsberg, miller, burroughs. ja, bukowski!

1983: großer artikel in der stuttgarter zeitung über rdb und seine „hymne auf einen italienischen platz“.1Vgl. Hannelore Schlaffer: “Antiker Form sich nähernd: Rolf Dieter Brinkmanns ‘Hymne auf einen italienischen Platz'” [Gedicht aus ...weiter lesen die „hymne“ fand und finde ich großartig.

2006: brinkmanns zorn – die filme von harald bergmann wurden auf einem plakat angekündigt; das hing dann jahrelang an meiner pinnwand.

2020: die corona-krise gab mir die muße, vor-mir-her-geschobenes abzuarbeiten. ich sah mir alles auf der dvd-edition an. die schauspielerische und sprachliche leistung von eckhard rhode ist enorm. brinkmanns eigene super-8-filme sind sicher kein cineastischer leckerbissen, aber ihre freche ungekünstelte art gefällt mir, da ich selbst gelegentlich super-8-filme drehe. so war ich infiziert vom brinkmann-virus. ich kaufte mehrere bücher und verschlang sie, soweit das bei seiner schreibweise möglich ist. und landete auf diesem blog.

ich photographiere, aber kann nicht schreiben. rdb schreibt, wie ich photographieren möchte – doch sah und empfand er seine umwelt so bestürzend deutlich. ich dagegen laufe daran vorbei und sehe nichts. drum ist er für mich die literarische entdeckung 2020.

2. Welcher seiner Texte hat Dir am besten gefallen?
rom, blicke – nicht nur weil es sein erstes buch war, das ich las – italien als durchgehendes motiv; die sprachwut, die mich an thomas bernhard erinnert; die beiläufigkeit und banalität der fotos (viele meiner aufnahmen entstehen beiläufig und manche sind schlampig, trashig); diese fanatische aufzeichnungsgenauigkeit; die verzweiflung angesichts der unmöglichkeit, das leben zu protokollieren und zu beschreiben wie in einem film. das trifft auch auf andere seiner bücher zu, aber rom, blicke hinterließ den stärksten eindruck, obwohl das ganze buch seinem leser gegenüber eigentlich eine lese-zumutung  ist.

ich schätze auch viele seiner gedichte (aus westwärts 1&2, standphotos usw.), die alltagsbeobachtungen darin; konkret, einfach und ohne lyrisches gesülze. abgesehen von einigen dummen vorurteilen passt sein schreiben, passen seine gedanken haarscharf in die heutige gesellschaftliche situation – und seinen hass auf den konsumterror teile ich vollständig.

es wäre prima, wenn brinkmann von jungen leuten neu entdeckt werden würde, wenn sie sähen, dass es nicht nur bukowski gibt und sibylle berg. mir gaben seine texte einen schubs, mal wieder die augen aufzumachen, wenn ich durch meine stadt laufe….

3. Was hättest Du Brinkmann gerne noch persönlich gesagt?
mensch brinkmann, was haben Ihnen die frauen angetan, dass sie so viel abscheu empfinden?

4. Ergänze bitte folgenden Satz: Rolf Dieter Brinkmann …
… hätte kurt georg kiesinger ohrfeigen sollen.

Zur Person
geboren 1948 in offenbach am main; 1969 in stuttgart hängen geblieben; als architekt gearbeitet bis 2005; dann nur noch photographiert – prekär, aber glücklich.


Leseprobe (mit weiteren Fotos und grafischen Arbeiten)
STAND DER DINGE. ich muss nicht alles verstehen was ich mache.  1. auflage, hergestellt im selbstverlag. stuttgart mai 2020. → zur Leseprobe [3,4 MB]


Mehr Informationen

http://www.fotorosso.de (theater, tango)
http://www.jim-zimmermann.de (portrait, akt, landschaft)
http://www.instagram.com/super8.und.photographie

 

Anmerkungen   [ + ]

1. Vgl. Hannelore Schlaffer: “Antiker Form sich nähernd: Rolf Dieter Brinkmanns ‘Hymne auf einen italienischen Platz'” [Gedicht aus Westwärts 1 & 2]. In: Stuttgarter Zeitung, 6. August 1983 (Sonntagsbeilage).

Über RoDiBe

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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