Renate Matthaei

Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann


1. Wie sind Sie auf Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam geworden?

Renate Matthaei (Hg.): Trivialmythen. März-Verlag 1970.

Renate Matthaei  auf dem Cover der Anthologie Trivialmythen (März Verlag, 1970)// Umschlag-Grafik: Michael van de Sand

Anfang der 60er Jahre – ich war noch nicht lange bei Kiepenheuer & Witsch – entdeckte ich in einem Stapel unverlangt eingesandter Manuskripte einen hand-geschriebenen Text, der mir durch seine Intensität und Originalität sofort auffiel: eine Erzählung von Rolf Dieter Brinkmann. Sie kam wie gerufen. Gerade bereitete Dieter Wellershoff, mit dem ich im Deutschen Lektorat zusammenarbeitete, den Sammelband Ein Tag in der Stadt mit Texten junger deutscher Autoren vor. Brinkmann war bereit, zum dem Thema eine neue Erzählung zu schreiben. Sie erschien 1962 mit dem Titel „In der Grube“ in der Anthologie, die im Rahmen des von Wellershoff vertretenen „Neuen Realismus“ große Beachtung fand.1)Rolf Dieter Brinkmann: „In der Grube“. In: Ein Tag in der Stadt. Sechs Autoren variieren ein Thema. Hrsg. und eingel. von Dieter Wellershoff. ...weiter lesen Die erste Begegnung mit Brinkmann habe ich nicht vergessen. Er zeigte sich als exzellenter Kenner des „nouveau roman“, der ihn auch zum Schreiben inspiriert hatte. Von Anfang an war mir klar: der 20jährige Buchhändler war ein Autor, der wusste, was er wollte.

2. Welcher seiner Texte hat Ihnen am besten gefallen?
Brinkmanns Schreiben war ein „work in progress“. Greift man ein Buch heraus, muß man es vor dem Hintergrund des vorhergehenden sehen. Seit dem Roman Keiner weiß mehr (1968) war ich die Lektorin von Brinkmann. Die Radikalität einer bis zum äußersten zugespitzten depressiven Empfindsamkeit als Echo einer stillstehenden Gesellschaft fand meine volle Zustimmung. Der darauffolgende Gedichtband Die Piloten, ebenfalls 1968 erschienen, war dann die große Überraschung, und ich erlebe ihn auch heute noch als einen spontanen Energiegewinn, eine Lizenz zum Loslassen, Durchatmen, kurz: als pure Kreativität. Das Erstaunliche an Brinkmann war das Ausmaß des Widerspruchs, das er schreibend beherrschte: die verzweifelte Suche in einer labyrintischen Welt und das pilotenhafte Aufsteigen in die Freiheit von Witz, Spiel und transparenter Verknüpfung des alltäglichen Moments. Das wirkt bis heute und ist für mich als Möglichkeit des „Dichtens“ aus der deutschen Literatur nicht mehr wegzudenken.

3. Was hätten Sie Brinkmann gerne noch persönlich gesagt?
Wenn er wie der unsterbliche Batman noch einmal auftauchte, würde ich ihm sagen, daß er fehlt. Daß die Literaturszene einen Anreger und Provokateur wie ihn braucht. Daß er mit dem Experimentieren nicht aufhören soll. Aber wahrscheinlich würde er dann nur sagen: „Verdammte Scheiße“.

Brinkmann, Wellershoff und Matthaei

Rolf Dieter Brinkmann (links), Dieter Wellershoff und Renate Matthaei im Verlagsgarten von Kiepenheuer & Witsch, Juli 1964 // Foto: Privat

4. Wie entstand die Idee zum Buch Trivialmythen?
Brinkmann hatte eine seltene Gabe, Leute im engeren Umfeld für seine Ziele zu engagieren. Als er die neue amerikanische Literatur für sein eigenes Schreiben entdeckte, gewann er seine Freunde Ralf-Rainer Rygulla und Rolf Eckart John für die Übersetzung der Texte (neben seinen eigenen Übersetz-ungen). Im Verlag gab es eine kleine Kulturrevolution, als plötzlich amerikanische Literatur nicht im ausländischen Lektorat, sondern im deutschen Lektorat (von mir betreut) erschien. Damals arbeitete ich an der Grenzverschiebung. Brinkmann und ich waren in einem Dauergespräch über alles ‚Neue‘, und ich bereitete dann zusätzlich als Herausgeberin die Trivialmythen vor, die 1970 gleichzeitig mit der Grenzverschiebung im März Verlag von Jörg Schröder erschienen.2)Brinkmanns Originalbeitrag zu Trivialmythen war der fotografische Essay „Wie ich lebe und warum“ (S. 66-73), von dem posthum eine zweite ...weiter lesen


Zur Person

Dr. Renate Matthaei, geboren 1928, lebt in Köln. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie. 1960 bis 1993 Verlagslektorin bei Kiepenheuer & Witsch. Herausgeberin der wegweisenden Anthologien Trivialmythen (Frankfurt/Main: März-Verlag 1970) und Grenzverschiebung. Neue Tendenzen in der deutschen Literatur der 60er Jahre (Köln: Kiepenheuer & Witsch 1970).  Weitere Veröffentlichungen zu u.a. Luigi Pirandello und Heinrich Böll. Zuletzt erschienen Matronen. Heilige Jungfrauen und wilde Weiber (2001) und Der Kölsche Jeck. Zur Karnevals- und Lachkultur in Köln (2009).

Mehr Informationen

  • Rezension zu Grenzverschiebung aus Der Spiegel, 8. März 1971 (→ Heft 11/1971)
  • Rezension zu Trivialmythen aus Der Spiegel, 29. März 1971 (→ Heft 14/1971)
  • Inhaltsverzeichnis und ausführliche → Leseprobe aus Trivialmythen
  • Zur Bedeutung der Anthologie Trivialmythen im Kontext der damaligen Literaturdebatten siehe Georg Stanitzek: Essay – BRD. Berlin: Verlag Vorwerk 8, 2011, S. 168–174. → Leseprobe Leseprobe StanitzekDownload [570 KB]

Anmerkungen   [ + ]

1. Rolf Dieter Brinkmann: „In der Grube“. In: Ein Tag in der Stadt. Sechs Autoren variieren ein Thema. Hrsg. und eingel. von Dieter Wellershoff. Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1962, S. 205–276. – Wieder abgedruckt in: Erzählungen (In der Grube. Die Bootsfahrt. Die Umarmung. Raupenbahn. Was unter die Dornen fiel). Hrsg. von Maleen Brinkmann. Reinbek: Rowohlt 1985, S. 7–70. Zur „Kölner Schule des Neuen Realismus um Dieter Wellershoff“ notiert Brinkmann rückblickend in einem Brief an Hartmut Schnell vom 23. Dezember 1973: „Kölner Schule: eine journalistische Bezeichnung für das Verlagsprogramm des Kölner Verlages K&W (Werbung, Reklame, Überbegriff, Erfindung / darunter wurden eine zeitlang so verschiedene Autoren wie N. Born, G. Seuren, G. Herburger, D. Wellershoff, R. Rasp und sogar ich zu Zwecken der Ordnung zusammengefaßt)“. In: Rolf Dieter Brinkmann: Briefe an Hartmut. Reinbek: Rowohlt 1999, S. 149.
2. Brinkmanns Originalbeitrag zu Trivialmythen war der fotografische Essay „Wie ich lebe und warum“ (S. 66-73), von dem posthum eine zweite Fassung veröffentlicht wurde. In seiner formalen Anlage weist er bereits auf Fotofolgen voraus, wie sie Brinkmann  später auch in Rom, Blicke oder Westwärts 1&2 verwendet. In die Grenzverschiebung hingegen nahm Matthaei verschiedene bereits zuvor publizierte Prosastücke und Gedichte des Autors auf. Die Erstfassung von „Wie ich lebe und warum“ ist online auf dem Blog von Barbara Kalender und Jörg Schröder dokumentiert.
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