Clemens Schittko

Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann

1. Wie bist Du auf Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam geworden?

Clemens Schittko // Foto: Juliane Wünsche

Das muss 2003, 2004 gewesen sein. Antiquarisch bin ich an ein Exemplar der Brinkmann-Anthologie Rolltreppen im August gekommen, die 1986 in der „Weißen Reihe“ im Verlag Volk & Welt erschienen war. Anfang des neuen Jahrtausends war ich jedoch noch gar nicht an Brinkmann interessiert. Es ging mir lediglich darum, die Weiße Reihe zu komplettieren, die sehr viele internationale Lyriker:innen des 20. Jahrhunderts (und nicht nur des sozialistischen Realismus) einer breiteren DDR-Öffentlichkeit vorstellte. Und tatsächlich war Rolltreppen im August damals recht preiswert zu haben. Ich war ja noch Student und hatte nicht viel Geld. Heute müsste das Buch eigentlich ein kleines Vermögen kosten, da es nur noch antiquarisch zu erwerben ist.1Der Verlag Volk & Welt Berlin war der wichtigste Belletristikverlag für internationale Literatur der DDR und ihr zweitgrößter belletristischer … Continue reading

“Die Weiße Reihe: Lyrik international”; Foto mit freundlicher Erlaubnis des Antiquariats Tautenhahn (Lübeck). Anklicken zum Vergrößern der Ansicht.

Aber als ich neulich recherchierte, war es für nur 15 € erhältlich. Doch wie dem auch sei … Nach dieser ersten Lektüre fand ich Brinkmanns Gedichte zwar gut, aber sie hatten mich noch nicht ergriffen, waren mir zu geschwätzig, zu sehr in Verszeilen gebrochene Prosa. Zudem befand ich mich damals noch in einer sprach-experimentellen Phase à la Dadaismus und Konkrete Poesie. Ich war einfach noch nicht bereit für Brinkmann bzw. die Literatur der Beat Generation, für deren Sound er auch steht. Das änderte sich erst ab 2005, als ich anfing, die Bücher von Paulus Böhmer zu lesen.

2. Welcher seiner Texte hat Dir am besten gefallen?
Ach, es gibt so viele … Großartig finde ich immer noch die „Vorbemerkung“ in Westwärts 1 & 2, woraus ich dann selber so eine Art Negativversion erstellt habe. Großartig finde ich aber auch Brinkmanns O-Ton „Ein gelber schmutziger Himmel“, mit dem Harald Bergmann seinen Film Brinkmanns Zorn beginnen lässt.2Für die Rundfunksendung “Autorenalltag” gibt der WDR 1973 Brinkmann ein Aufnahmegerät in die Hand und dieser protokolliert damit die … Continue reading Solche literarischen Schimpftiraden haben etwas Befreiendes. Man müsste solche Texte heute viel häufiger schreiben, um sich dem realen Hass und der Hetze, die sich auf der Straße und im Internet ausbreiten, etwas entgegenzusetzen, sie gewissermaßen zu neutralisieren. (Aber wahrscheinlich ist dieser Gedanke naiv, weil Leute, die hetzen, keine Lyrik lesen, und schon gar nicht jene von Brinkmann…) Großartig ist auch „Dieses Gedicht hat keinen Titel“, das ebenfalls in Westwärts 1 & 2 enthalten ist. Für mich eines der intensivsten Gedichte über Einsamkeit, die im deutschsprachigen Raum geschrieben wurden.

3. Was hättest Du Brinkmann gerne noch persönlich gefragt?
Woher er nur die ganze Energie genommen hat, in so wenigen Jahren ein so opulentes Werk entstehen zu lassen. In weniger als 15 Jahren hat er an die 15 (teils dickleibige) Bücher veröffentlicht, außerdem weitere Titel als Übersetzer und Herausgeber herausgebracht. Das werde ich, selbst wenn ich 80 werden sollte, nicht mehr schaffen. Und wenn ich an Vielschreiberei denke, so fällt mir heute eigentlich nur noch die von mir geschätzte österreichische Autorin Sophie Reyer ein. Hoffentlich wird sie nicht irgendwann vom Schreiben ‘aufgefressen’. (lacht)

4. Ergänze bitte folgenden Satz: Rolf Dieter Brinkmann…
…ist, um es mit Heiner Müller zu sagen, „vielleicht das einzige Genie der westdeutschen Nachkriegsliteratur.“ Dem möchte ich nichts hinzufügen. Und allmählich reicht es ja auch mit dem Namedroping hier. (lacht)


Zur Person
Geboren 1978 in Berlin (Ost). Ausgebildeter Gebäudereiniger und Verlagskaufmann. Arbeitete u.a. als Fensterputzer, Lektor, Kirchwart, Gärtner, Empfangskraft und Lagerarbeiter. Für sein literarisches Schaffen erhielt er u.a. den „lauter niemand preis für politische lyrik“ (2010), den „Karin-Kramer-Preis für widerständige Literatur“ (2018) sowie das Recherchestipendium des Berliner Senats (2021). Zuletzt erschienen seine unkonventionelle (da auf Grundlage einer Google-Übersetzung entstandene) Übertragung der Sonette William Shakespeares (Schönebeck: Moloko Print 2019 → Leseprobe) sowie der Gedichtband  Die Nennung von Namen und Begriffen (Berlin: Propeller 2020 → Leseprobe). Clemens Schittko lebt in Berlin(-Friedrichshain).


Clemens Schittko liest u.a. sein Gedicht “Epilog (nach Rolf Dieter Brinkmann)”
3. Offlyrikfestival, Düsseldorf, 7. Juli 2017

Mehr Informationen
Clemens Schittko bei Literaturport.de

Anmerkungen[+]

Über RoDiBe

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.