F.W. Heubach über R.D. Brinkmann

Der Psychologe und Publizist Friedrich Wolfram Heubach (*1944) war Herausgeber der wegweisenden neoavantgardistischen Kölner Kunstzeitschrift Interfunktionen (1968-1975). Mit Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) stand er in einem losen intellektuellen Austausch und traf ihn Ende der 60er Jahre auch immer wieder zu Gesprächen in seiner privaten Wohnung. Was Heubach dort sah und wie er den Dichter in seinem häuslichen Umfeld wahrnahm, beschreibt er Jahrzehnte später in einem Begleitessay zum Fotoband ROLF DIETER BRINKMANN: Engelbertstraße 65, vierter Stock Köln 1969 (belleville 2020) der Hamburger Fotografin und Filmemacherin Ulrike Pfeiffer (*1951). Hier folgend dieser Text. 

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Für die Erlaubnis zur Veröffentlichung des folgenden Textes wie der ihn begleitenden Fotografien geht ein herzlicher Dank an Friedrich Wilhelm Heubach und Ulrike Pfeiffer. Siehe auch die Zusatzinformationen am Ende.

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Wir waren nicht nah befreundet, trafen uns allerdings häufiger, auch schon mal bei ihm zu Hause, und selbstverständlich sah man sich bei mehr als einer der Protest-Aktionen wieder, die damals in Köln wie anderenorts so angesagt waren.

Kamen wir länger miteinander ins Gespräch, drehte es sich unseren jeweiligen Interessen entsprechend, hauptsächlich um das, was sich gerade in der Literatur bzw. in der Bildenden Kunst tat. – Was auch immer das im Einzelnen war, es wurde selbstverständlich – wie damals gleichfalls so angesagt – immer in striktem Bezug zu dem diskutiert, was in jenen Tagen einer ‚Kulturrevolution‘ an radikalen Theorien über Kunst und Gesellschaft, Erziehung und Sexualität virulent war… irgendwiewas teilten wir dabei wohl miteinander, waren darüber aber vielfach unterschiedlicher Meinung. – Also kurz: Meine Beziehung zu Brinkmann war weder eine so vertraute noch das uns Gemeinsame so spezifisch, dass die Öffentlichkeit sich von meinem Bericht über ihn Sonderliches zu versprechen hätte.

Wenn ich mich hier doch zu ihm äußere, dann aus diesem platten Grund: Ulrike Pfeiffer, die wie ihre Schwester Linda Pfeiffer zu dem Kölner Kreis um Brinkmann gehörte, hat im Jahr 1969 von ihm und seiner Wohnung eine Reihe von Photos gemacht, die sie erst unlängst wiederfand, und auf einem von ihnen bin ich zu sehen. – Weshalb sie sich denn an mich wandte mit der Frage, ob ich etwas zu dieser Photo-Serie bzw. zu dieser Begegnung mit Brinkmann und überhaupt über meine Erfahrungen mit ihm schreiben könne, – um das Ganze dann womöglich als ein kleines, der Erinnerung an Brinkmann gewidmetes Heft zu publizieren.

 

Materielle Dinge als Be-Dingungen des Psychischen

Zwar der oben schon geäußerten Ansicht, dass, was ich von Brinkmann zu berichten weiß, wohl kaum über das hinausgehen dürfte, was schon über ihn gesagt wurde, habe ich den Vorschlag Ulrike Pfeiffers aber schließlich doch angenommen. Ausschlaggebend dafür war, was die Photos, die sie von Brinkmanns Wohnung gemacht hat, zu sehen geben: Häusliche Verhältnisse, die wohl bei jedermann auf ein gewisses Befremden stoßen werden, es auf jeden Fall damals bei mir taten und die mich, als ich sie nach so langer Zeit auf den Photos wiedersah, auf eine besondere Weise verwickelten. Zu deren Verständnis man wissen muss, dass ich mich vor Jahren in einer Reihe empirisch-wissenschaftlicher Untersuchungen1Vgl. Friedrich Wolfram Heubach: Das bedingte Leben, Theorie der psycho-logischen Gegenständlichkeit der Dinge. Ein Beitrag zur Psychologie des … Continue reading intensiv mit der Frage befasst habe, inwiefern materielle Dinge als Be-Dingungen des Psychischen funktionieren. – Beziehungsweise inwieweit sich einzelne Objekte, also etwa die modischen Accessoires, die ein Mensch sich zu eigen macht, oder die seinen Alltag ausmachende Ding-Welt seines Heims oder seines Büros als Vergegenständlichung spezifischer psychischer Verhältnisse lesen lassen.

Von daher kann es also nicht verwundern, wieso mir die Photos der Brinkmann’schen Häuslichkeit so unmittelbar mit der Frage zusetzten, was sie – als diese Dokumente der alltäglichen Ding-Welt eines Menschen – über ihn sozusagen gegenständlich zu verstehen geben. Immer wieder die Serie der Photos durchgehend und darauf aus, eine Erklärung, so etwas wie einen Sinn oder ein Motiv zu finden dafür, dass es bei Brinkmann so aussah, wie man es auf ihnen sieht, kam mir schließlich eine Idee dazu. Und in ihrem Licht stellten sich mir die gegenständlichen Verhältnisse in Brinkmanns Wohnung völlig anders dar als damals, auf Besuch bei ihm.

Ob die Sicht auf diese Verhältnisse, zu der ich dank meines Einfalls gelangte, aber wirklich das hinreichend erschließt, was zu ihnen geführt hat bzw. welche Wirkung in ihnen gesucht wird, sei dahingestellt. Zwar würde ich sehr wohl meinen, dass in dieser Sicht etwas von der Situation Brinkmanns fassbarer wird, von der es auch andere Zeugnisse gibt, aber auf jeden Fall gibt seine häusliche Gegenstandswelt in dieser Perspektive ein, wenn auch sehr spezielles Beispiel von der psycho-logischen, der allen rationalen Zwecken fernen Funktion, die den Dingen im Alltag eines Menschen zukommen kann. – Und eben darum war ich bereit, mich hier über Brinkmann zu äußern.

Aber bevor ich auf das eingehe, was man auf den Photos seiner Wohnung von Brinkmann zu Gesicht bekommt, sollte ich wohl auch ein Wort darüber verlieren, wie wir uns überhaupt kennenlernten und wie ich ihn im Gespräch erlebt habe.

Dass wir näher miteinander bekannt wurden, hatte – wenn ich mich denn recht erinnere – damit zu tun, dass mir irgendwann die ersten Nummern von DER GUMMIBAUM und von DER FRÖHLICHE TARZAN in die Hände geraten waren, und ich überlegte, daraus einiges in den INTERFUNKTIONEN abzudrucken, die ich damals herausgab. Beide dieser der Literatur und Lyrik gewidmeten Hefte wurden herausgegeben von Freunden Brinkmanns, der dort auch wiederholt mit Beiträgen vertreten war, und als ich mich wegen meines Vorhabens mit Rolf-Eckart John, einem der Herausgeber, zu einem Gespräch traf, war auch Brinkmann zugegen. Wieso es dann später nicht zu dem geplanten Abdruck kam, erinnere ich nicht mehr, auf jeden Fall aber führte dieses Treffen dazu, dass Brinkmann und ich miteinander im Gespräch blieben, – und das, obwohl wir dabei gelegentlich heftig aneinander gerieten.

So etwa immer dann, wenn er sich mal wieder über die Plattheit, die Alles – die Kunst genauso wie das Leben – durch deren Politisierung im Namen linker Theorie erfahren habe, in einer derart pauschal höhnenden Weise ausließ, dass ich entsprechend vehement darauf reagierte; oder wenn mir sein notorisches Schwärmen von den USA mal wieder zuviel wurde und ich ihm die Naivität vorhielt, in der er da doch ganz offensichtlich unterstelle, es herrsche dort auch im alltäglichen Leben diese Freiheit und Offenheit, wie er sie an der neueren amerikanischen Lyrik und Literatur so bewunderte, – womit wiederum ich ihn gehörig aufbrachte und zu wütenden Repliken veranlasste.

 

Brinkmanns skrupelfreie Vehemenz im Verwerfen und Ausgrenzen
wie im Gleichmachen und Zusammenmontieren

 

Überhaupt schien mir – anderen gings ähnlich – das Wüten in Brinkmanns Affektleben eine zentrale Rolle zu spielen, und darin standen wir im Übrigen einander durchaus nah. Allerdings hatte ich in unseren Gesprächen den Eindruck, seine Wut gegen die Welt sei dabei, ihm mehr und mehr über den Kopf zu wachsen, das ihm Austragbare zu übersteigen und sich allmählich gegen ihn selbst zu kehren, – kurz: dass seine Wut ihn sozusagen zu entzweien beginne und zunehmend um das bringe, wozu sie ihm bislang in seiner schriftstellerischen Arbeit verholfen hatte: Verve, Richtung und Dichte.

Und in dieser Sicht wurde mir dann später auch einiges von dem doch eher fraglich, was seitens der Literaturkritik über Brinkmann gesagt wurde, – beispielsweise dass dieses unentwegte Ändern, Variieren und Verbessern seiner Texte ein Zeichen seiner hohen Ausdrucks-Ideale sei, oder dass das Sammeln und Verwenden von Werbe-Bildern und Zeitungsmeldungen in seinen Texten bzw. seine Beschäftigung mit anderen Medien wie Film und Photo das weitgespannte künstlerische Interesse Brinkmanns beweise. Vielmehr meinte ich darin auch etwas von der Not eines Menschen zu erkennen, dem durch die beschriebene Kehre in seiner Wut diese spontane Bestimmtheit im Behaupten und Auswählen, diese skrupelfreie Vehemenz im Verwerfen und Ausgrenzen genauso wie im Gleichmachen und Zusammenmontieren nicht mehr gegeben ist, wozu sie ihn vordem befähigte.

Soviel zu dem Eindruck, den ich in den Gesprächen mit Brinkmann von ihm gewann, und jetzt zu dem, was man von ihm in seiner Wohnung zu Gesicht bekommt.

Friedrich Wilhelm Heubach (1969), Foto: Ulrike Pfeiffer

Rolf Dieter Brinkmann (1969), Foto: Ulrike Pfeiffer

Den Leser, der – durch dieses Buch blätternd – einen Eindruck von der häuslichen Welt des Rolf-Dieter Brinkmann gewonnen hat und dabei auf das Photo gestoßen ist, das mich ihm gegenüber vor seinem Schreibtisch sitzend zeigt, dürfte die gewisse Reserve nicht verwundern, die da aus meiner Haltung spricht. Denn auch er wird sich – selbst wenn ihm solche patenten oder verschmockten Wohnwelten wie die von IKEA bzw. die von MANUFACTUM gleichermaßen fremd sind – wahrscheinlich ähnlich entgeistert wie ich damals fragen: Was soll denn das bloß für ein Zuhause sein… wie kann man es in einem solchen Durcheinander nur tagtäglich aushalten?!?

Auf jeden Fall ist mir der Gedanke nur zu gut in Erinnerung, auf den mich der Anblick dieser Wohnung nicht allein mit ihrem so heterokliten Meublement brachte, sondern vor Allem mit den Haufen von Zeitungen und Kartons in den Ecken, mit den sich abenteuerlich türmenden Stapeln von Büchern und Zeitschriften, die da Alles in Beschlag nehmen, den Boden genauso wie die Stühle, und die selbst auf dem Arbeitstisch kaum mehr einen freien Platz lassen usw… usw… – mein Gedanke damals war: Was für ein Verhau, in dem der Brinkmann da lebt, – das ist doch genauso ein solcher Verhau, als den seine Umwelt zu empfinden, er immer wieder wortreich wütend bekundet. Und der Affekt, den das – prima vista – Verkommene der Brinkmann’sche Häuslichkeit in mir aufstiegen ließ, ist mir auch heute noch ebenso gegenwärtig wie peinlich: Hier kann doch – wie einstens im Stall des Augias – nurmehr eines noch die Rettung aus einer solchen gegenständlichen Bedrängnis bringen, – die brachiale, freie Bahn verschaffende Gewalt!

Man kann diesen herkulischen Furor, wie er mich da überkam, einer prekären Ordophilie geschuldet sehen oder ihn schlicht für lächerlich und typisch kleinbürgerlich halten. Aber weist er nicht eine gewisse Nähe zu der Verve auf, in der Brinkmann notorisch gegen alle möglichen, ihm widrigen Verhältnisse in der Welt wütete, – etwa gegen die in seinen Augen selbstgenügsame Desolatheit des städtischen Lebens Kölns, oder gegen die platte Vernünftigkeit und linke Rechthaberei, wie er sie im Literatur-Betrieb herrschen sah?

 

Die verstörend disparate Dingwelt in Brinkmanns Wohnung:
ein strategisches Szenario im Dienste der Inspiration?

 

Wie dem auch sei, – die Photos, die Ulrike Pfeiffer von Brinkmanns Wohnung gemacht hat und die jetzt da vor mir liegen, konfrontieren mich erneut mit den gegenständlichen Verhältnissen, die dort herrschten, und diese irritieren mich wieder genauso wie damals. Aber auch wenn mir mein einstiger Eindruck von ‘Verhau’ auch heute durchaus noch nah ist, so tritt mich doch jetzt unvermittelt ein starker Zweifel an, ob das, was man da vor Augen hat, wirklich nichts anderes als diesen Tatbestand des selbstvergessenen Verkommens eines Menschen erfüllt, den jedermann – wie auch ich – spontan geneigt ist, in derartigen Verhältnissen gegeben zu sehen.

Was diesen Zweifel weckt? Es ist die verquere Anmutung eines irgendwie Methodischen in diesem Durcheinander… als habe sich das nicht einfach irgendwie so mit der Zeit ergeben. – Als sei diese Unordnung nicht eine von der sozusagen unschuldigen Art, wie sie im Falle eines um seine Nebenfolgen sich nicht scherenden, allein auf das Verwirklichen seiner Motive abzielenden Handelns immer mal wieder da und dort entstehen kann. Dafür will ihre Herrschaft zu durchgängig erscheinen – nirgendswo eine Spur von Aufgeräumtheit – und so wirkt denn diese Unordnung weder zufällig noch wie eine zugunsten wichtigerer Erledigungen bewusst in Kauf genommene, sondern ganz so, als sei in ihr ein eigenes Motiv wirksam, als ob es da um den Ausdruck von irgendwas oder um irgendeine bestimmte Wirkung ginge.2Heute, da das “Messie-Syndrom” in aller Munde ist, ist man nur allzu bereit, dem Verhalten, das zu solchen häuslichen Verhältnissen … Continue reading

Nun, einmal angenommen, es sei dieser Eindruck nicht rein projektiver Natur und man ließe zumindest prinzipiell gelten, dass ‘Unordnung’ nicht notwendig dieser typische kollaterale Schaden fahrlässigen, selbstvergessenen Handelns sein muss, für das sie gemeinhin gilt, sondern sie auch eine Funktion haben bzw. strategischer Natur sein kann. Dann bleibt aber immer noch zu fragen, worin diese denn hier, im Fall Brinkmann, bestehen könnte?

Foto: Ulrike Pfeiffer (1969/2020)

Foto: Ulrike Pfeiffer (1969/2020)

Was kann der Dichter Brinkmann nur davon gehabt haben, sich in seinem Zuhause tagtäglich solchen prekären gegenständlichen Verhältnissen anschaulich ausgesetzt zu erfahren? – das war also die Frage, die mich angesichts der Photos von Brinkmanns Wohnung quälte bis mir endlich folgender Einfall zu einer Antwort verhalf:

Könnte es nicht sein, dass indem ihm sein Zuhause als genau ein solcher Verhau entgegentritt, als den er seine Umwelt empfindet und schmäht…. und indem die gegenständlichen Verhältnisse in seiner Alltags-Welt von eben dieser Desolatheit sind, wie er sie in den bürgerlichen Lebens-Verhältnissen herrschen sieht und hasst, sich der Dichter Brinkmann auf diese Weise all das – diese Bedrängnis und seine Wut – anschaulich unmittelbar gegenwärtig erhält, wogegen anzuschreiben bzw. was zu manifestieren den Impetus seines Schreibens bildet? – Kurz: die gegenständliche Welt wie man sie auf den Photos dieser Wohnung sieht, – ein strategisches Szenario im Dienste der Inspiration?! – Die verstörend disparate Dingwelt in Brinkmanns Wohnung also von eben derselben Funktion, wie sie jene vielzitierten fauligen Äpfel in der Schublade seines Schreibtischs für Schiller hatten, deren Duft ihn dichterisch beflügelte?… von derselben Notwendigkeit, wie sie jenes, seiner Wohnung nahgelegene Pissoir für den Historiker Michelet besaß, das er – wie Bataille berichtet – immer wieder aufsuchte, als er über die mittelalterliche Hexen-Verfolgung schrieb, um in der dunklen Enge und dem ammoniak-scharfen Gestank dieser Örtlichkeit etwas von der Stimmung zu erspüren, wie er sie in den Hexenprozessen herrschen sah und dem Leser vermitteln wollte, – etwas von dieser niedrigen, notdürftigen Männlichkeit, die sich da in der inquisitorischen Verfolgung der Frauen als Hexen auslebte?

 

Der Mann, der über den ihm queren Wust der Welt
in Wörtern triumphiert: der Dichter

 

Starker Tobak das und auf jeden Fall so garnicht den hohen Vorstellungen entsprechend, die man sich gemeinhin von diesem Numinosum >Inspiration< und von ihren Quellen macht. – Und darum durchaus nachvollziehbar, sollte es manchem Leser völlig abwegig erscheinen, gegenständliche Verhältnisse, wie man sie auf den Photos von Brinkmanns Wohnung zu Gesicht bekommt, als eine Quelle der Inspiration verstehen zu wollen, statt in ihnen den ganz trivialen Fall der Ohnmacht zu erkennen, in seinem Leben alltäglich Ordnung zu schaffen und zu halten. – Aber wäre denn diese Ohnmacht die erste menschliche Schwäche auf der Welt, mit der insgeheim ein strategisches Ziel verfolgt wird, – das einzige von Menschen gezeigte Ungenügen, in dem sich die Macht des Unbewussten beweist?

Egal, – dem, der meint, in gegenständlichen Verhältnissen wie sie in Brinkmans Wohnung herrschen, das Symptom eines gestörten Objekt-Verhaltens zu erkennen, ist entgegenzuhalten, dass in einem Symptom nie nur etwas zum Ausdruck kommt, sondern es zugleich selber wiederum eine eigene Wirkung entfaltet, die – gewinnbringend instrumentalisiert – dazu führen kann, dass es am Ende weniger ihre traumatische Tiefe ist, sondern die pragmatische Nutzbarkeit ihrer Symptome, der eine Störung ihr Persistieren verdankt.

Aber um diesem Theoretisieren mit seinen anspruchsvollen Verallgemeinerungen einen schlichten privaten Schluss zu geben, – hier das innere Bild, wie es mir von Brinkmann und seinem Zuhause geblieben ist: Ich sehe ihn da in diesem ganzen Durcheinander um ihn herum an seinem Tisch wie gefangen sitzen und vor sich hin brüten….. wartend darauf, dass es den Herkules in ihm wecke, – den Mann, der über den ihm queren Wust der Welt in Wörtern triumphiert: den Dichter.

Erstveröffentlichung des Textes in: Ulrike Pfeiffer Rolf Dieter Brinkmann. Engelbertstraße 65, vierter Stock Köln 1969. Nachwort von Friedrich Wolfram Heubach. belleville-Verlag 2020, S. 115-119 (Essay als PDF → hier herunterladen).

Besprechungen des Fotobandes u.a. hier (Martin Oehlen) und hier (Linda Pfeiffer), zur Person von Ulrike Pfeiffer hier.


ZUR PERSON
Friedrich Wilhelm Heubach
(geb. 1944 in Nordach) lebt in Köln und Isle St. Martin (Frankreich). Studierte Psychologie, Soziologie und Kunstwissenschaft an der Universität zu Köln (Dipl.-Psych.; Dr. phil.). 1968 gründete er die neoavantgardistische Kunstzeitschrift Interfunktionen, deren alleiniger Herausgeber er bis 1972 war. 1984 erfolgte die Habilitation für das Fach Psychologie. 1985 bis 1989 war er Professor für Psychologie an der Universität zu Köln, 1989 bis 1992 Professor für Psychologie an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. 1992 bis 2008 hatte er den Lehrstuhl für Psychologie/Pädagogik an der Kunstakademie Düsseldorf inne. Heubachs theoretische Veröffentlichungen liegen vor allem in den Bereichen Wahrnehmungspsychologie, Bild-Theorie, Neue visuelle Medien, Empirische Ästhetik und Psychologie des Alltagslebens.


WEITERFÜHRENDE LITERATURHINWEISE

F. W. Heubach (in Auswahl)

Die Ästhetisierung. Eine psychologische Untersuchung ihrer Struktur und Funktion. Diss., Universität zu Köln 1974.

Das bedingte Leben. Theorie der psycho-logischen Gegenständlichkeit der Dinge. Wilhelm Fink: München 1987 (3. Auflage 2014).

„Wieso es keine Bilder gibt und warum sie doch gesehen werden: Zum Behelf der Bilder“. In: Lab. Jahrbuch 1996/7 für Künste und Apparate. Hrsg. von der Kunsthochschule für Medien Köln. Verlag der Buchhandlung Walter König: Köln 1997, S. 138–147.

Ein Bild und sein Schatten. Zwei randständige Betrachtungen zum Bild der Melancholie und zur Erscheinung der Depression. Bouvier: Bonn 1997.

D – Le dandysme. Textem: Hamburg 2017.

Zur Zeitschrift Interfunktionen (in Auswahl)

Die von Friedrich Wilhelm Heubach gegründete Zeitschrift Interfunktionen (12 Ausgaben bis 1975) war wichtiges Forum einer Künstlergeneration im Aufbruch, mit maßgeblicher Beteiligung neoavantgardistischer Künstler insbesondere aus der rheinischen Szene, allen voran Wolf Vostell, Joseph Beuys oder Jörg Immendorff. Aber auch zahlreiche Künstler sowie Philosophen aus den USA und verschiedenen europäischen Ländern lieferten Text- oder Bildbeiträge und machten so die Zeitschrift mit ihrem anarchischen Selbstverständnis und einem auch visuell wegweisendem Konzept zu einem besonderem Zeitdokument – und gesuchtem Sammelobjekt.

Christine Mehring: „Continental Schrift: The Story of ‚Interfunktionen‘”. In: Artforum International. Nr. 42 (Mai 2004), S. 178–183. → online lesen

Gloria Moure (Hg.): behind the facts. interfunktionen 1968–1975. Polígrafa: Barcelona 2004 (= Katalog in englischer Sprache zur Ausstellung 29. Januar – 3. April 2005. Eine Produktion der Fundação de Serralves, Porto und der Fundació Joan Miró, Barcelona in Koproduktion mit der Kunsthalle Fridericianum, Kassel).  → weitere Infos

Burcu Dogramaci: „Die Zeitschrift ‚Interfunktionen‘ (1968–1975). Künstlerisches Medium gestalteter Anarchie“. In: Kritische Berichte. Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaften. Nr. 40,4 (2012), S. 66–76. → Download (PDF)

Isabella Greiner, wissenschaftliche Mitarbeiterin und meine Kollegin an der Universität Siegen, arbeitet aktuell an einer Dissertation über die Zeitschrift, im Rahmen des SFBs Transformationen des Populären →  weitere Infos

Interview zu den Interfunktionen u.a.m

Weitere Informationen zu diesem ausführlichen Gespräch auf dem Portal “Audioarchiv Kunst. Stimmen zu den Anfängen der zeitgenössischen Kunst im Rheinland” (http://audioarchivkunst.de)

Anmerkungen[+]

Über RoDiBe

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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