Gerrit Wustmann

Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann

1. Wie bist du auf Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam geworden?
An die erste „Begegnung“ erinnere ich mich nicht mehr. Es war aber 2006, als die Brinkmann-Ausstellung „Außerordentlich und obszön“ im Kölner Kunsthaus Rhenania stattfand, dass ich intensiv in Brinkmanns Werk einstieg. Die Ausstellung besuchte ich mehrfach, Axel Kutsch hatte mich darauf aufmerksam gemacht.1)Anm. Di Bella: Die umfangreiche Ausstellung „Außerordentlich und obszön – Rolf Dieter Brinkmann und die Popliteratur“ zeigte vom 29. ...weiter lesen Ich las wieder Westwärts 1&2, arbeitete mich durch die Gedichte und dann durch die Prosa. Es war ein brinkmannscher Sog, der mich in dieser Zeit packte, was auch dazu führte, dass ich mir nach und nach in Antiquariaten und übers Internet diverse Originalausgaben zulegte.

Gerrit Wustmann

Gerrit Wustmann. Foto: Hellen Pass, Aachen.

2. Welcher seiner Texte hat dir am besten gefallen?
Mein Lieblingsband ist Standphotos, in dem mehrere Gedichtbände aus der Zeit vor 1970 gebündelt sind. Vielleicht weil es das Buch war, das ich damals mehrfach gelesen habe. Es ist kaum möglich, daraus einen einzelnen Text auszuwählen. Es gibt viele Favoriten. Von den späten Gedichten steht „Einer jener klassischen“ ganz oben, vielleicht weil ich mich als Kölner gut darin wiederfinde – überhaupt diese Haltung zu Köln, diese wütende Hassliebe, dieses verzweifelte immer wieder Annähern, das mag ich sehr. Eine besondere Bedeutung hat für mich „Zwischen den Zeilen“, das ich vor Jahren dem iranischen Lyriker, Übersetzer und Herausgeber Ali Ghazanfari empfahl, als er an einer umfangreichen Anthologie arbeitete, die 2014 unter dem Titel Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart in Teheran erschienen ist. Der kleine augenzwinkernde Text über das Lesen zwischen den Zeilen hat es zum Glück durch die Zensur geschafft.2)Rolf Dieter Brinkmann: „Zwischen / den Zeilen / steht nichts / geschrieben. //  Jedes Wort / ist schwarz / auf weiß / nachprüfbar“. ...weiter lesen

3. Was hättest du Brinkmann gerne noch persönlich gesagt?
Ich stand vor ein paar Jahren an der Straße gegenüber des  „Shakespeares Pub“ in London. Genau dort, wo Brinkmann starb. Dort hätte ich mich gern mit ihm unterhalten. Über Bier und Gedichte. Lange genug, damit er nicht die Straße überquert. Das mit dem Linksverkehr ist aber auch ein Scheiß, wie so vieles in London…

4. Ergänze bitte den folgenden Satz: Rolf Dieter Brinkmann…
… war zornig, sensibel, echt. Er hat geblutet beim Schreiben. Nicht immer. Aber meistens. Und deswegen war er so gut. Deswegen sollte man ihn lesen. Immer wieder.


Zur Person

Gerrit Wustmann wurde 1982 in Köln geboren und hat dort und in Bonn Orientalistik, Politologie und Geschichte studiert. Er hat fünf Lyrikbände veröffentlicht, drei davon zweisprachig, ein Drehbuch gemeinsam mit Falko Jakobs, sowie als Herausgeber die Anthologie Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum (Bremen 2011). Seit 2010 arbeitet er an einer Lyrik-Trilogie über Istanbul; der finale Band Taksim Tango erscheint im März 2016. Inzwischen sind die Gedichte auch in der Türkei erschienen. Er erhielt mehrere Stipendien, den postpoetry.NRW-Preis 2012 und den Preis für junge Künstler in NRW 2015.


Gerrit Wustmann liest Gedichte aus Istanbul Bootleg – Köln, Wiener Platz (2014)

Mehr Informationen
www.gerrit-wustmann.de

Anmerkungen   [ + ]

1. Anm. Di Bella: Die umfangreiche Ausstellung „Außerordentlich und obszön – Rolf Dieter Brinkmann und die Popliteratur“ zeigte vom 29. September bis 19. November 2006 den Dichter im Kontext von Zeitgenossen und Nachfolgern, flankiert von Lesungen, Filmvorführungen und Konzerten. Siehe die Linkliste auf diesem Blog für nähere Informationen und eine Videoführung.
2. Rolf Dieter Brinkmann: „Zwischen / den Zeilen / steht nichts / geschrieben. //  Jedes Wort / ist schwarz / auf weiß / nachprüfbar“. Aus: Le Chant du Monde. Gedichte 1963–1964. Olef/Eifel: Olefer Hagarpresse 1964. Wiederveröffentlicht in: Rolf Dieter Brinkmann: Standphotos. Gedichte 1962-1970. Rowohlt: Reinbek 1980, S. 60.
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