Clemens Schittko: Hommage à Brinkmann

Zwei aktuelle Gedichte des Ostberliner Lyrikers

Rolf Dieter Brinkmann hätte

Rolf Dieter Brinkmann hätte
das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium nie erhalten.
Er hätte sich aber auch gar nicht erst darum beworben.
Er hätte weder einen Bewerbungsbogen
(analog als unterschriebenes Original und digital als PDF)
noch aussagekräftige Arbeitsproben eingereicht.
Er hätte diese Unterlagen (keine Originale)
weder mit seinem Namen versehen,
noch hätten diese Unterlagen
einen Einblick in sein literarisches Schaffen
der letzten drei, vier Jahre ermöglicht.
Als Arbeitsproben hätte Brinkmann nicht
max. zwei Manuskripte (jeweils max. 30 Seiten)
oder max. zwei Bücher eingereicht.
Die Manuskripte hätte er auch nicht als PDF vorgelegt.
Er hätte keine der Dateien auf einem USB-Stick eingereicht
und folgendermaßen beschriftet:
Name, Vorname – Titel bzw. Dokumentenname
(Bewerbungsbogen, Lebenslauf, Werkverzeichnis etc.).
Darüber hinaus hätte er im Falle einer digitalen Einreichung
nicht noch zusätzlich einen Ausdruck der jeweiligen Datei abgegeben.
Und selbst wenn Brinkmann ausschließlich
analoge Arbeitsproben vorgelegt hätte,
hätte er von diesen Arbeitsproben
nicht noch jeweils vier Exemplare eingereicht.
Nein, das hätte er nicht getan.
Denn Rolf Dieter Brinkmann hätte
das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium
sowieso nicht erhalten.
Er hätte sich aber auch gar nicht erst darum beworben.1Anm. R. Di Bella: Die Stadt Köln vergibt bereits seit 1971 ein Förderstipendium an zeitgenössische, junge Autorinnen und Autoren(die in NRW leben … Continue reading

 
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Hommage à Brinkmann

ich kann all die Autos nicht mehr sehen
ich ertrage die Straßen nicht länger
all die Plätze halte ich nicht mehr aus
und selbst die Parks sind nicht weiter zu verkraften
vor allem aber kann ich all die Leute nicht mehr sehen
ich ertrage nicht länger die Hunde
all die Baustellen sind mir inzwischen zuwider
und wie lange muss ich eigentlich noch mit den E-Scootern leben?
ich kann ja noch nicht einmal mehr all die Fahrräder sehen
ich ertrage die Radwege nicht länger
aber auch die ganzen Gehwege halte ich nicht mehr aus
und über die Kreuzungen brauchen wir erst gar nicht zu reden
zudem kann ich all die Cafés nicht mehr sehen
ich ertrage nicht länger die Kneipen
all die Restaurants sind mir inzwischen verhasst
und selbst die Spätis sind nicht weiter zu verkraften
ich kann aber auch all die Tische draußen nicht mehr sehen
ich ertrage die Bänke nicht länger
all die Schaufenster halte ich nicht mehr aus
und wie lange muss ich eigentlich noch mit den Eingängen leben?
ich kann ja noch nicht einmal mehr all die Geschäfte sehen
ich ertrage nicht länger die Häuser
aber auch die ganzen Mauern halte ich nicht mehr aus
und über die Zäune brauchen wir erst gar nicht zu reden
zudem kann ich all die Touristen nicht mehr sehen
ich ertrage die Hipster nicht länger
all das Personal ist nur noch eine einzige Zumutung
und selbst die Anwohner sind nicht weiter zu verkraften
vor allem aber kann ich all die Einkaufzentren nicht mehr sehen
ich ertrage nicht länger die Parkplätze
all die Haltestellen halte ich nicht mehr aus
und wie lange muss ich eigentlich noch mit den Bahnhöfen leben?
ich kann ja noch nicht einmal mehr all die S- und U-Bahnen sehen
ich ertrage die Busse nicht länger
aber ich finde inzwischen auch die ganzen Trams unmöglich
und über die Taxis brauchen wir erst gar nicht zu reden
zudem kann ich die ganzen Fassaden nicht mehr sehen
ich ertrage nicht länger die Werbeplakate
all die Leuchtreklamen sind mir nur noch zuwider
und selbst die Graffitis sind nicht weiter zu verkraften
vor allem aber kann ich all die Einfahrten nicht mehr sehen
ich ertrage die Unterführungen nicht länger
all die Fahrstühle sind mir inzwischen verhasst
und wie lange muss ich eigentlich noch mit den Rolltreppen leben?
ich kann ja noch nicht einmal mehr all die Bürotürme sehen
ich ertrage nicht länger die Flohmärkte
aber ich halte auch die Ampeln nicht mehr aus
und über die Kameras brauchen wir erst gar nicht zu reden
darüber hinaus kann ich die ganzen Bäume nicht mehr sehen
ich ertrage die Sträucher nicht länger
all die Tauben sollen mich gefälligst in Ruhe lassen
zumal selbst die Krähen nicht weiter zu verkraften sind
vor allem aber kann ich all die Ratten nicht mehr sehen
ich ertrage die Mäuse nicht länger
all den Müll halte ich nicht mehr aus
und wie lange muss ich eigentlich noch mit den Mülltonnen leben?
ich kann ja noch nicht einmal mehr all die Friedhöfe sehen
und all die Lichter ertrage ich auch nicht länger

 

Quellennachweise
„Rolf Dieter Brinkmann hätte / das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium nie erhalten“. In: Artaud ist tot. Berlin: XS-Verlag 2022, S. 23. → weitere Infos
„Hommage à Brinkmann“. In: Sag Ja zum Nein. Schönebeck: Moloko Print 2022, S. 70. → weitere Infos

Veröffentlichung beider Texte auf diesem Blog mit freundlicher Genehmigung des Autors.

   

 

Über den Autor
Geboren 1978 in Berlin (Ost). Ausgebildeter Gebäudereiniger und Verlagskaufmann. Arbeitete u.a. als Fensterputzer, Kirchwart, Gärtner, Empfangskraft, Lektor und Lagerarbeiter. Er lebt in Berlin-Friedrichshain.  → zum Fragebogen

Anmerkungen[+]

Über RoDiBe

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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