Daniel Dubbe

Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann

 

Daniel Dubbe

Daniel Dubbe // Foto: Jürgen Vollmer

1. Wie sind Sie auf Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam geworden?
1969 durch Silver Screen. Im selben Jahr schwärmte mir ein Medizinstudent aus Köln in einem Hamburger Café von Keiner weiß mehr vor. Leider starb Brinkmann zu früh und lebte zu einer Zeit, als ich mich noch weigerte, Schriftsteller oder anderen Stars woanders als in ihren Werken zu begegnen. Später wollte ich so deutlich, entschieden und kompromisslos sein wie er.

2. Welcher seiner Texte hat Ihnen am besten gefallen?
Schwer zu sagen. Mir gefällt eigentlich alles von ihm. Ich mag zum Beispiel seine Essays sehr. Die Vorrede zu Silver Screen oder die zu Westwärts 1&2. Die Gedichte darin natürlich auch – aber nicht eines mehr als das andere. Und Rom, Blicke. Und Keiner weiß mehr.
Doch wieso dieses Fasziniert-Sein? Ich wollte als Autor „mein gegenwärtiges Bewusstsein abbilden und in Worte übersetzen. Was ich schrieb, spielte nicht in der Gegenwart, es war Gegenwart“, schrieb ich in meinem Roman Underground.  Dasselbe hätte Brinkmann auch von sich sagen können. „Neue Subjektivität“ hieß das in den 1970er Jahren. Gleichzeitig ist in der puren Präsenz aber ein Schuss Ewigkeit enthalten.
Brinkmann war in meinen schriftstellerischen Anfängen durch den Maßstab, den er setzte, eine Stütze für mich. Dabei war auch er zunächst ein Epigone, ahmte dem Nouveau Roman nach, später US-amerikanische Dichter wie Frank O’Hara und Ted Berrigan. Er lud jedoch sein Epigonentum so sehr mit Eigenem auf, dass es darin verschwand. Er verwandelt Epigonalität in Originalität. Was wird also von ihm bleiben? Da Abiturienten heute Handke nicht mal dem Namen nach kennen, verblasst auch Brinkmanns Ruhm. Zum Klassiker wird es trotzdem reichen.

3. Was hätten Sie Rolf Dieter Brinkmann gerne noch persönlich gesagt?
Gefragt hätte ich ihn zunächst, wie er es schaffen wolle, aus dem ganzen Material-Wust, den er in den letzten Jahren gesammelt hatte, seinen geplanten zweiten Roman zu komponieren – und das ohne PC. Und vielleicht hätte ich ihm empfohlen: Nun entspann doch mal!

4. Ergänzen Sie bitte folgenden Satz: Rolf Dieter Brinkmann…
…ist ein Genie. (Vermutlich das einzige der deutschsprachigen Literatur im letzten halben Jahrhundert.) Er war der legitime Nachfolger Gottfried Benns. Seinerseits hat er viele und keinen Nachfolger gefunden.  Wäre er nicht so früh gestorben, wäre er der Pfahl im Fleisch der deutschen Literatur geblieben.


Zur Person

Daniel Dubbe (*1942 in Hamburg), freier Journalist und Schriftsteller. Studium der Romanistik und Germanistik in Hamburg, Göttingen und Aix-en-Provence. 1975 Promotion mit einer Arbeit über Henri Michaux. 1974-1983 Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Boa Vista. Seit 1975 Reisereportagen, Essays und Literaturkritiken für Rundfunk und Zeitungen. Drehbücher zu Kanakerbraut (1983) und Mau Mau (1991), beide mit Uwe Schrader. Zwei Interview-Bücher mit Thorwald Proll (2003) und Gabriele Rollnik (2004) lieferten wichtige Beiträge zur Diskussion über die RAF und die Bewegung 2. Juni. Zuletzt erschienen die Romane Underground oder Die Bewährung (2011), Zwischenlandung. Vom Reisen (2013) und Der Salonfaschist und andere beste Freunde (2014), alle im Maro-Verlag. Daniel Dubbe lebt in Hamburg.

Leseprobe
„Schreiben“. In: Wilde Männer, wenig Frauen. Erzählungen. Oberndorf: Verlag Pohl’n’Mayer 1984.
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