Michael Braun (Köln)

Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann

1. Wie bist Du auf Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam geworden?

Michael Braun // Foto: Irina Hron-Öberg

Den Namen des Autors hörte ich zum ersten Mal Mitte der 1980er Jahre in Aachen, in einer Vorlesung von Theo Buck, bei dem ich 1991 promovierte, auch über Gegenwartslyrik, mit Berührungen zu Gedichten Brinkmanns. Diese Referenzen blieben aber sozusagen im Wartezimmer. Im Frühjahr 1995 war ich dann für längere Zeit in Rom, um für meine Stefan Andres-Biographie zu recherchieren. Im Gepäck hatte ich die etwas sperrige Ausgabe von Rolf Dieter Brinkmanns Brief- und Materialband Rom, Blicke. Doch zur Lektüre kam ich erst zwei Jahre später, als mir, bei Vorarbeiten zu meiner Habilitations-Schrift über das literarische Fragment, die verstümmelten Gestalten, zerfallenden Beobachtungen, zerstreuten Eindrücke, Bildrisse, Skizzen, Notizen, Ruinen aus der „Schrott-Zivilisation“1Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke [1972/73]. Hrsg. von Maleen Brinkmann. Rowohlt 1979 (19.-20. Tausend, Januar 1992), S. 433. in Brinkmanns (monumentalem) Textfragment auffielen.

2. Welcher seiner Texte hat Dir am besten gefallen?
Herausragend finde ich nach wie vor Brinkmanns Gedicht „Einen jener klassischen“ aus Westwärts 1&2. Es gehört zum Lyrik-Kanon der frühen rheinischen Postmoderne, regt meine Kölner Studierenden in verschiedenen thematischen Zusammenhängen immer wieder zu Deutungen an und ist, nicht zuletzt, weil es die Kölner Aura so dunstig anspricht, erfrischend aktuell geblieben.

3. Was hättest Du Brinkmann gerne noch persönlich gefragt?

Bildzitat aus Rom, Blicke       (S. 221) // Zum Vergrößern bitte anklicken

Mit wem von den zeitgenössischen Dichter:innen er gerne gemeinsam in der römischen Via Famiano Nardini im Restaurant „La Casetta“ gespeist hätte. Da steht heute noch jenes Ossobuco con funghi porcini auf der Speisekarte, das Brinkmann ausweislich seiner Abendnotiz vom 17.11.1972 auf dem Rechnungszettel dort verspeist hat (vgl. Abb., unten rechts). Es muss ihm geschmeckt haben, denn er wiederholt die Notiz später noch einmal.2Vgl. Rom, Blicke. S. 221 und 286. Gleichwohl: ein Gourmet war Brinkmann offenkundig mit seiner Bestellung von “Tomatenketchup” nicht, mehr schien er sich für “1 schöne Frau gegenüber (mit Brille, sehr einfach […])” zu interessieren.

4. Ergänze bitte folgenden Satz: Rolf Dieter Brinkmann…
… hat, wie bereits zuvor Baudelaire, den literarischen Blick auf die Großstadt erstens durch eine „Liebe auf den letzten Blick“ (Benjamin) erneuert und zweitens mit den Klängen der Tangomusik getoppt.3Vgl. hierzu auch meinen Studienbrief zum Kölner Seminar „Metropolen in Literatur und Film“ im Sommersemester 2021 → PDF-Download.

 

Zur Person
Michael Braun, geb. 1964, Studium der Germanistik und Katholischen Theologie in Aachen, Bonn, Edinburgh und Pittsburgh. Promotion und Habilitation in Neuerer Deutscher Literaturwissenschaft. Seit 1992 Literaturreferent der Konrad-Adenauer-Stiftung (Berlin), seit 1995 Seminare an der Universität zu Köln, zunächst als Lehrbeauftragter, seit 2005 als apl. Professor, Gastprofessuren an der Universität Metz und an der Washington University of St. Louis.

Mehr Informationen
Zuletzt von ihm erschienen sind – neben zahlreichen Rezensionen – die Sammelbände Natur in Transition: Europäische Lyrik nach 1945 und Bäume lesen. Europäische ökologische Lyrik seit den 1970er Jahren. Hrsg. gemeinsam mit  Henrieke Stahl und Amelia Valtolina. Trier: Internationale Zeitschrift für Kulturkomparatistik. Band 4/2021 ( als PDF frei verfügbar) sowie Bäume lesen. Europäische ökologische Lyrik seit den 1970er Jahren. Hrsg. mit Amelia Valtolina. Würzburg: Königshausen & Neumann 2021. mehr Infos

Anmerkungen[+]

Über RoDiBe

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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