Hinweise zur Ästhetik

Mit seinen Erzählungen, Essays und Gedichten, Anthologien, Collagen und Tagebüchern sowie tonexperimentellen Arbeiten und Hörspielen gehört Rolf Dieter Brinkmann zu den bis heute nachwirkenden literarischen Erneuerern der Bundesrepublik. Einige Hinweise zur Ästhetik des Autors.

Das „offene Kunstwerk“, so schrieb Umberto Eco in seinem gleichnamigen Buch 1962, stelle sich der Aufgabe, uns „ein Bild von der Diskontinuität zu geben“.  Die Möglichkeit eines geschlossenen Weltbildes war bereits damals in Frage gestellt. Hier zeige die ‚offene Kunst‘ einen Weg, wie wir diese Welt anerkennen und unserer Sensibilität aneignen können, so der italienische Romanautor und Semiotiker. Innerhalb der jüngeren deutschen Literatur ist der früh verstorbene Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) einer jener Autoren, der diese (neo-)avantgardistische Maxime in besonders eindrücklicher Weise umgesetzt hat.

Mit Erzählungen, Essays und Gedichten, Anthologien, Collagen und Tagebüchern sowie seinen tonexperimentellen Arbeiten und Hörspielen gehört er zu den bis heute nachwirkenden literarischen Erneuerern der Bundesrepublik. Hierbei ist die Auseinandersetzung mit den bildgebenden Medien Film, Fotografie und Comic, aber auch der Bildenden Kunst selbst, durchgehendes Grundprinzip seiner Poetik. Geleitet wird sie von der Utopie einer befreiten Wahrnehmung, sucht gerade in den späten Jahren die „Einübung in eine neue Sensibilität“. So lautet der Titel einer seiner wichtigen Essays, in Anlehnung an eine Formulierung des Philosophen Herbert Marcuse.

Brinkmann: Pop-Pilot der deutschsprachigen Literatur?

Brinkmann gehört längst zum Kanon der deutschsprachigen des 20. Jahrhunderts. Anders jedoch als Autoren wie Enzensberger, Grass und Walser oder auch sein Generationsgenosse Peter Handke hat er nie eine breite Leserschaft erreicht. Auch im universitären Betrieb bleibt sein Name eher Geheimtipp denn Regellektüre. Dies liegt sicherlich auch an seinen literarischen Konzepten. Denn entgegen seines Rufs als „Pop-Pilot“, den er sich während einer kurzen Zeit großer Popularität Ende der 1960er Jahre erwarb, sind seine Texte alles andere als leicht konsumierbare Kost. Auch verlangt Brinkmanns intermedialer Ansatz und fragmentarische, sprunghafte Schreibweise seinen Lesern viel Geduld ab und die Bereitschaft, alles unsere (westlichen) Wahrnehmungsgewohnheiten betreffend in Frage zu stellen.

„Warum hier haltmachen? Warum irgendwo haltmachen?“

Gerade seine späten Texte sind schwer zu entziffern, sperren sich ‚ein-deutigen‘ Sinnzuweisungen. Vielmehr transportieren die Gedichte wie die Montagen und Tagebuchaufzeichnungen nach 1970 verstärkt das Komplexe, Chaotische, Zufällige des Alltags. Dies ist sicherlich auch eine Reaktion auf die enttäuschten Hoffnungen seiner Generation nach der politischen und kulturellen Aufbruchsstimmung von 1968. Dabei hat Brinkmann im Laufe seiner nur knapp 15-jährigen Laufbahn als Schriftsteller seine stilistischen Koordinaten mehrmals komplett umgestellt. Es ist vielleicht nicht zuletzt dieses Moment eines sich immer neu ausprobierenden und in Frage stellenden Autors, das ihn für Schriftsteller und Kunstschaffende der nachfolgenden Generationen so interessant macht.

„Break on through to the other side, The Doors“

So sind die Leitthemen seiner Texte wie Erinnerung und Körperlichkeit, seine Sprachkritik im Wechsel mit einer verstärkt visuell ausgerichteten Poetik aktueller denn je. Sie weisen ihn zudem als einen Schriftsteller aus, dessen Arbeiten sich auf sehr komplexe Weise mit zentralen Themen und Probleme der literarischen Moderne, doch auch bereits der Aufklärung (Karl Philipp Moritz) und Romantik (Ludwig Tieck) auseinandersetzen haben. Weitere Anregungen holt er sich bei literarischen outcasts wie Rimbaud, Céline, Hans Henny Jahnn, Burroughs oder Arno Schmidt ebenso wie bei den Texten der Doors oder Rolling Stones.

Brinkmanns Plädoyer für ein vernetztes Denken

In einem in der deutschsprachigen Literatur bis 1975 selten anzutreffenden Weise, fordern seine Texte und Gedichte jeden Leser dazu auf, sich mit seinen eigenen Gedanken und Assoziationen in sie ein- und damit fortzuschreiben. „Poesie löst sich auf in Wertlosigkeit, meine Gedanken und Vorstellungen sind abgeschweift (und vielleicht, freundlicher Leser, füllst du, wie gesagt, die Lücken). Eine sanfte Brise streift am offenen Fenster vorbei […]“, schreibt er im Nachwort zu seinem eigenen Gedichtband Westwärts 1&2. Brinkmanns Poetik wird zu einem frühen Plädoyer für ein heute immer wichtiger werdendes interdisziplinäres, ‚vernetztes‘ Denken. Manche Gedichten und Text-Bildkonstellationen ließen sich als frühe Form von Hypertext beschreiben.

„Verbinden, immer verbinden!“

Charakteristisch hierfür ist ein Zitat aus einem Brief, den er während seines Aufenthaltes in Italien im Jahr 1974 verfasst, enthalten im Band Rom, Blicke: „Auf dem Tisch, gegen die Wand geschoben: Lektüre, Bücher, Bruno, de Quincey, Bilz, Gelpke: – und da sagen die Idioten überall, es gäbe nichts Interessantes mehr? Zu viel beinahe, man kommt gar nicht durch! (Wieviele Querverbindungen, Göthe: „Verbinden, immer verbinden!“ – gibt es? Wieviele, die geknüpft sein wollen, müssen, möchten: die Überraschung springt heraus!) (Auch, bei Verbindungen, die Erkenntnis, Einsicht, Einsicht, 1 Stückchen!)“

Roberto Di Bella

 

Siehe auch

  • Buchveröffentlichung „Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums. Rolf Dieter Brinkmanns spätes Romanprojekt“ → Weiterlesen
  • Vortrag an der TU Braunschweig → Weiterlesen
  • Vortrag in der Casa di Goethe, Rom → Weiterlesen
  • Aufsätze, Rezensionen, Übersetzungen etc. zu Rolf Dieter Brinkmann → Weiterlesen
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