Ihr nennt es Sprache (2)

Rolf Dieter Brinkmann: “Ihr nennt es Sprache”.
Das Debüt eines Pop-Rebellen.
Rezension von Stefan Andres. In: Kölner Stadtanzeiger (22. April 2009).

1962 erscheint in Leverkusen der erste Lyrikband des Pop-Avantgardisten Rolf Dieter Brinkmann. Sein Freund und Kollege Klaus Willbrand verlegte den ersten Band.

Wir treffen Klaus Willbrand in Köln. Ein freundlicher, älterer Herr in seinem sorgfältig sortierten Buchantiquariat im Weyertal. Unweit von hier arbeitete er für die Uni-Buchhandlung Witsch. Damals, Anfang der 60er Jahre, freundete er sich mit einem Kollegen an, dessen Einfluss auf die deutsche Literatur enorm werden sollte: Rolf Dieter Brinkmann. Willbrand wird sein erster Verleger – und doch auch wieder nicht. Denn: Ihr nennt es Sprache, so der Titel des Debüts, 18 Gedichte auf 29 Seiten, wird vom Autor sofort wieder zurückgezogen.

Rolf Dieter Brinkmann, geboren 1940 in Vechta, galt nicht als bequemer Zeitgenosse, wollte es auch gar nicht sein. So kompromisslos wie als Schriftsteller war er auch im Umgang mit seiner Umwelt. Er galt als Rebell, sein ungezügelter Zorn ist legendär. Bei einer Lesung ging er, nur ein Beispiel, Marcel Reich-Ranicki an: „Wäre dieses Buch ein Maschinengewehr, würde ich sie über den Haufen schießen.“ Brinkmann macht die amerikanische Pop-Lyrik in Deutschland bekannt und wird der führende deutsche Pop- und Underground-Lyriker seiner Zeit. 1975 stirbt er bei einem Verkehrsunfall in London, auf dem Weg zum dortigen Goethe-Institut.

„Ich habe an dem Tag noch mit ihm gefrühstückt und anschließend zum Bus zum Flughafen gebracht“, erinnert sich Willbrand. Brinkmanns Kompromisslosigkeit spiegelt sich wider in der Geschichte zu dem Debütband. „Die Idee dazu hatte Brinkmann“, erzählt Willbrand. Beide machten die Buchhändlerausbildung bei Witsch, dritter im Bunde war Hartmut Sander, mit ihm wollte Willbrand einen Verlag gründen. Sander war nicht volljährig, daher wurde Willbrand Verlagsgründer, der Verlagssitz die elterliche Wohnung in der Geschwister-Scholl-Straße in Alkenrath.

Cover des Gedichtbandes 'Ihr nennt es Sprache' von 1962

Cover des Gedichtbandes ‘Ihr nennt es Sprache’ (1962)

An Brinkmanns schriftstellerischen Qualitäten hatte Willbrand keinen Zweifel: „Die Gedichte waren noch nicht so gut wie später in Westwärts 1 & 2. Aber man merkte schon deutlich, dass mit diesem Autor etwas passieren wird.“ Der Band sollte der erste des neuen Verlags sein – und blieb zugleich der letzte. Der Druck der 500 Exemplare kostete 1200 Mark, „viel Geld“, betont Willbrand: „Ich habe bei einer Tiefbaufirma in Leverkusen gearbeitet, »Sönnichsen & Görtz«, um den Band zu finanzieren.“ Und erleidet Schiffbruch: „In meinem Zimmer in Alkenrath signierte Brinkmann die ersten 192 Exemplare.“ Dann war er des Signierens überdrüssig, die übrigen Bände sollten später folgen. Er fuhr heim nach Köln, im Gepäck 20 Exemplare als Autorenhonorar. Darin entdeckt er dann Fehler. Willbrand: „Es waren vier Druckfehler, ausgerechnet im ersten Gedicht war »sonntags« groß geschrieben.“ Zu viel für Brinkmann: „Er vernichtete seine 20 Exemplare und bat mich, den Band nicht auszuliefern. Eine Bitte, der ich zähneknirschend nachkam.“

Die Verantwortung übernimmt Willbrand: „Ich habe Korrektur gelesen, aber nicht alle Korrekturen kamen bei der Druckerei in Remscheid an. Darauf musste ich mich verlassen.“ Die Freundschaft zu Brinkmann war damit nicht zerstört, „aber das stand immer wie ein Damoklesschwert zwischen uns.“ Rund zehn Jahre später schreibt ihm Brinkmann aus Rom, sie sollten diese Geschichte endlich aus der Welt bringen: Er gab sein Einverständnis, die Bücher zu verkaufen.

Heute findet man gelegentlich Exemplare im Internet, die signierten Bände kosten bis zu 600 Euro. „Unseriös“, findet das Willbrand, aber sein mildes Lächeln verrät, dass ihn das nicht ärgert – nicht mehr.

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Link zur Original-URL (Stand: 12.09.2014).

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