Ihr nennt es Sprache (1)

Rolf Dieter Brinkmann: „Ihr nennt es Sprache“.
Erster Blick auf achtzehn bisher unbekannte Gedichte.
Rezension von Georg Jappe. In: Die Zeit (23. März 1979).

Es bleibt viel aufzuholen, nachzuentdecken bei Rolf Dieter Brinkmann. Nicht nur das erwartete Rom-Buch „Blicke“, das Rowohlt nun für Juni 1979 ankündigt. Im „Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold, fehlen allein sechs Gedichtbände Brinkmanns zwischen 1962 und 1969 – bezeichnenderweise die in kleinen (oft vergänglichen) Verlagen in geringer Auflage erschienen. Und nur ganz wenige Gedichte aus diesen bibliophilen Ausgaben kehren wieder im ersten Band bei Kiepenheuer & Witsch, „Was fraglich ist wofür“. Dort heißt es im Klappentext: „… hat seit Jahren auch Gedichte geschrieben.“ Nicht auch: ununterbrochen.

Dieser Tage ist in Köln Brinkmanns erster Gedichtband aufgetaucht, und zwar in der gesamten Auflage von 500 Stück, es fehlen nur ein paar seinerzeit verschenkte Exemplare.

Rolf Dieter Brinkmann: „Ihr nennt es Sprache – Achtzehn Gedichte“; Klaus Willbrand Verlag, Leverkusen, 1962; Vertriebsadresse: Antiquariat Gundel Gelbert, St.-Apern-Str. 4, 5000 Köln 1; 31 S., 60,– DM.

Das fast quadratische Heft in rotem Karton hat eine bewegte Geschichte. Brinkmann und Willbrand waren damals beide in der Buchhandlung Witsch tätig. Der zweiundzwanzigjährige Brinkmann hatte bereits, einzelne Gedichte publiziert, und zwar in Neues Rheinland, blätter und bilden, Die Welt und in der Eremiten-Anthologie „Alphabet 61“. Der noch jüngere Willbrand wollte mit Gedichten seines Freundes einen Verlag gründen. Es sollte sein einziges Buch bleiben.

Brinkmann signierte etwa 100 Exemplare – in einer merkwürdigen schülerhaften Schrift –, entdeckte dann sechs Druckfehler und zog die Publikation zurück. Die Druckfehler sind harmlos, wovon man sich an Hand eines korrigierten Exemplars überzeugen kann.

Sehr viel wahrscheinlicher ist der Erstlings-Schock: Gedruckt wurden ihm die Texte fremd. Der Band ist „Dem roten Rühmkorf“ gewidmet – der hat nie ein Exemplar bekommen und hat jetzt erst von dem ihm gewidmeten Band eines Dichters gehört, den er persönlich nicht kannte.

Cover des Gedichtbandes 'Ihr nennt es Sprache' von 1962

Cover des Gedichtbandes ‚Ihr nennt es Sprache‘ (1962)

Brinkmanns Verhältnis zu seinem ersten Buch blieb zwiespältig. Zehn Jahre später, als Willbrand vor einem Umzug stand, erlaubte er ihm den Verkauf. Als dieser aber die Auflage en bloc einem Spezialisten für Erstausgaben des 20. Jahrhunderts gab, erhielt der wiederum einen wütenden Brief von Brinkmann aus Rom, in dem er gegen jegliche. Verbreitung mit juristischen Schritten drohte. Denn: „Bereits damals, vor zehn Jahren, ist dieser Band nicht ohne Grund liegengeblieben. – Inzwischen kann ich hinter diesem Band nicht mehr verantwortlich stehen.“ Auch dieser Spezialist war ein enger Freund Brinkmanns (daß er sich mit allen überworfen hätte, ist eine Kiepenheuer-Legende) und ließ deshalb die Sache ruhen – juristisch hätte, nach Weiterverkauf, der Autor wohl kaum noch intervenieren können. Jedenfalls darf der lyrische Erstling nun mit Einverständnis der Witwe das Licht der Welt erblicken.

Herbst 62: zur gleichen Zeit erscheint die erste Erzählung „In der Grube“ in Wellershoffs Anthologie „Ein Tag in der Stadt“. Zu Wellershoff besteht damals noch ein Meister-Schüler-Verhältnis, besonders „Am ungenauen Ort“ hat es dem Autodidakten angetan. Er verehrt Benn und Henry Miller, besorgt sich alles, was von Céline und Gracq zu haben ist, studiert „Das Neue Lot“, geht Artaud, Michaux, Breton und auch schon Ginsberg nach.

Einflüsse davon sind spürbar in diesen achtzehn Gedichten, besonders surrealistische, im Wortfluß und im unvermittelten Zusammenstoß einiger Bilder, ein Hauch von Benns Weltverachtung und Célines Hoffnungslosigkeit; gelegentlich flackert das Pathos von Artaud auf, und die Forderung von Gracq nach überraschenden Bildern im einfachsten Stil wird immer wieder präsent. Spürbar auch, daß Brinkmann bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr nur Platt sprach, daß ihm Hochdeutsch (wie bei Kafka oder Schweizer Autoren) eine erlernte Sprache ist, die nicht unbedacht von der Zunge geht: bei scheinbar formloser Anordnung wird jedes Wort sorgsam gewogen, ja hin- und hergewälzt, dies führt zu einem langsamen Sprechen, wo noch jedes „es“ oder „und“ seine genaue Stelle hat, verficht aber auch bei aller jugendlichen Weltverlorenheit einen Glauben ans Wort, wo passepartout-Größen wie Zeit, Schweigen, Stein, Herz, Licht, Liebe bedeutungsvoll gesetzt werden.

Aber schon damals hätten Lektoren von „unverwechselbaren Ton“ sprechen können, wenn sie das schwebend Ungewisse, gepfercht Fragmentarische nicht doch gestört hätte. 1966 charakterisiert Brinkmann in einem Brief an H. Sander (Oberbaumpresse) seine Position, die auch schon für diese ersten Gedichte gilt: „Kunst aber ist immer schon, wenn etwas als Kunst bezeichnet wird, Altes Totes, was im Augenblick, da es als das bezeichnet wird, längst nicht mehr stimmt. Die Innerlichkeit, die sich überall ausdrückt, ist beschissen, Bürgerlichkeit, die in sich verrottet ist, feiert, mehr oder weniger Modernität, heftig schwitzige Urständ! Um aber nun eine kleine eigene Parzelle zu bilden, sie eigen zu färben, bedarf es gewiß einer genauen gedanklichen Tendenz und Ausprägung. Und dann vor allem haltbarer Texte. Die eben ihre Tendenz nicht verschweigen, hart, konkret, genau, auf die Fresse den Lyrikerkollegen, schlagend, real, verzinkt. Nicht die Welt in einer Gefühlsbrühe verbrechen, die Bruchstücke neu, auf einen neuen sinken zu lassen, sondern ein Stück davon zu zerbrechen, die Bruchstücke neu, auf einen neuen Inhalt hin zusammensetzen, wo aber solche Nicht-Dichter hernehmen und nicht stehlen?“

Der Nicht-Dichter, der Welt und Innerlichkeit zerschlägt, Bruchstücke neu zusammensetzt, hart und konkret: das ist Brinkmann von Anfang an. Er bewirkt dies zunächst einmal durch Zeilenbruch, Enjambement, Verschränkung, die sich grammatisch oder bildlich vor- und rückbezieht, ob sie abbricht oder überleitet, stellt sich erst nachher heraus, das Lesen wiederholt den Prozeß der Entstehung, bald stockend, bald springend, bald schneller fließend, immer wieder Teile von Hauptsätzen asyntaktisch zusammenschiebend, leise, fast tonlos.

Es gibt auch schon songhafte Anklänge, typographische Überlegungen (so stehen die Gedichte spiegelbildlich zueinander, die auf der linken Seite haben nicht einen gleichen Zeilenanfang, sondern ein gleiches Zeilenende), vor allem aber das – metaphernlose, nüchterne Konstatieren des Gegenstandes und des Augenblicks, konstatiert immer auf einem Grundmuster von Reflexion über Schreiben und Sagen. Eine Blickeinstellung, die von heute aus gesehen nicht so sehr realistisch zu nennen wäre als konzeptuell. Anders gesagt: Nicht das Photographien, das Photo-graphieren ist das Problem. Im Einzelzitat – da es eben nicht geschliffen und rund ist – läßt sich all das kaum veranschaulichen. Die besten Beispiele scheinen mir „Von der Gegenständlichkeit eines Gedichts“ und „Die Stimmen“,

sonntags/Beton die Herzkammern“ fängt der Gedichtband an, „die Sprache der Steine / und wir haben keine“, endet er in Majuskeln; Beziehungen, die auf dem Bahnsteig  vergehen oder im Album erinnert werden; Sexualität und Schlachthof; das weiße Papier; die Wut auf Rosen und Kultur: „Ohrenschmalz von Enzensberger / die Lyrik Heissenbüttels / ein Fötus in Spiritus“; Türen, Schatten, Gesichter, Sommermomente –: all diese Themen klingen schon an. „Acid“ ist freilich noch weit.

„Ihr nennt es Sprache“ ist nicht ein liegengelassenes Frühwerk, alle Ansätze führen, von surrealistischen Symbolen entschlackt, direkt zu den aus dem Alltag erkannten Konstellationen in „Le Chant du Monde, Gedichte 1963–1964“ (gedruckt in der Olefer Hagarpresse in 160 Exemplaren), darin sich einige von Brinkmanns gelöstesten, leichtesten (fast möchte man sagen: glücklichsten) Moment-aufnahmen finden, so: „Gedicht am 19. März 1964“, „Nature morte“, „Kühl“, „Zwischen den Zeilen“, „Hölderlin-Herbst“, „Gedicht vor Anfang des Winters“ – sie kommen in den Ausgaben bei Kiepenheuer und Rowohlt nicht vor; insgesamt sind es über hundert Gedichte (des weiteren gedruckt bei collispress, Oberbaumpresse, Hundertdruck, Hake), von denen eine größere Öffentlichkeit nichts ahnt. Vom ersten Druck konnte bislang kaum, einer wissen. Von den anderen? Es ist eine Frage des Interesses. Für den Nicht-Dichter, der häufiger als jeder andere deutsche Autor das Wort „Gedicht“ einsetzte, bleibt verlegerisch und kritisch viel zu tun.

Copyright © Die Zeit
Orginal-URL: http://www.zeit.de/1979/13/ihr-nennt-es-sprache (Stand: 12.09.2014)
Klicken Sie hier, um den Originalartikel als PDF herunterzuladen.

Siehe auch die Rezension zum Gedichtband von Stefan Andres. In: Kölner Stadtanzeiger (22. April 2009)hier klicken.

Bookmark the Permalink.

Kommentare sind geschlossen.