Brinkmanns Illusion erleuchteter Augenblicke

Das Streben nach positiver und intensiver Gegenwartserfahrung wird in Brinkmanns spätem Schreiben verstärkt als Bewegung im Raum verbildlicht. Hierbei werden u.a. Türen zum Ausdruck jenes ‚anderen‘ Zustandes, zu dem der Autor in seiner letzten Werkphase durchzustoßen sucht. ■ Ein Beitrag von Roberto Di Bella

Break On Through (To The Other Side)
Türen zum epiphanischen Erleben

Das Streben nach positiver und intensiver Gegenwartserfahrung wird in Brinkmanns spätem Schreiben verstärkt als Bewegung im Raum verbildlicht: „(die Illusion / erleuchteter Augenblicke, / und daß sie Türen sind, / durch die du eintrittst)“ (WWa 115/WWb 157).1Für die bei den Brinkmann-Zitaten verwendeten Siglen vgl. die folgende Aufschlüsselung: Acid → Acid. Neue amerikanische Szene (1969) ■ BH → ...weiter lesen

Eröffnungsseite aus Rom, Blicke (verfasst 1972/73, EA 1979) mit der Bleistiftzeichnung “Tür” (1972) von Günther Knipp (*1935).

Doch gerade diese Erfahrung einer freien Bewegung wird weitgehend verunmöglicht. „One Way“, „Don’t walk“, „Wrong Way“, „Do not enter“ lauten die Richtungsangaben der westlichen Zivilisation, wie sie Brinkmann u.a. auch in seinen Fotografien für Westwärts 1&2 dokumentiert. Der Raum des Menschen wird durch Regeln und Verbote begrenzt und beschnitten: „man sah einen Baum, der Baum war verboten, / man sah einen Zaun, der Zaun war verboten, / man sah eine Tür, die Tür war verboten, / man sah ein Stück Himmel, der Himmel war verboten“ (WWa 63/WWb 89). Eine vollkommen offene Welt scheint allein noch in der poetischen Sprache möglich, wie in dem Gedicht „Wo sind sie“:

 

[…] Eine

Stille, die aus sich herauskommt,
mit Türen, in jede Richtung zu gehen,

stehenzubleiben. Sie sind einfach
hindurchgegangen, und die Vergangenheit,

die Seiten, beide, ist das, was nicht
mehr ist als vergangen, zu ihrem

augenblicklichen Vergnügen, das
sich verändernd, dauert: langsam,

zärtlich, eine Tür, offen genug, ein
Geheimnis zu bleiben, das sie beide

langsam, langsam, und genau, kennen.

(WWa 19/WWb 21)

Somit werden Türen – und in geringerem Maß auch Fenster2Vgl. u.a. „Roma, die Notte“: „Wo ist, frage ich, das Fenster, das nach Süden offen ist?“ (WWa 90/WWb 129). – bei Brinkmann zum bildhaften Ausdruck jenes ‚anderen‘ Zustandes, dem er zustrebt. Das Motiv ist im gesamten Lyrik- wie Prosawerk präsent3Bereits in Brinkmanns zweiter Sammlung Le Chant du Monde heißt es in dem Gedicht „Einfache Gedanken über meinen Tod“: „er wird / die Tür ...weiter lesen, nimmt jedoch zum Ende hin an Häufigkeit und poetologischer Relevanz zu. Besonders deutlich wird dies in Schnitte.4Vgl. hierzu Schnitte: „grell einfallende Helligkeit in der Stille, gelb glänzendes, das grell blendend durch die schmale Flügeltür zerschnitten ...weiter lesen Gerade dort gibt es nämlich Passagen, in denen ein anderer, ‚heller‘ Ton bestimmend wird, der in Wirklichkeit Ziel von Brinkmanns literarischer Selbsterkundung ist.

Wörter Rückstände eines Traums an den sich niemand mehr erinnert blaue Luftwörter gelbgrüne Graswörter Kindheit ein wenig im Wind geschüttelte Sommerwärme bewegte sich im sanften Rhythmus wechselnd durch mein Gedächtnis flimmernde Landschaften eine Tür die sich öffnet in die Stille tauchten auf Momente der Bewegung und Momente des Stillseins der Ruhe Windbewegung über gelbdürres Wintergras hin heißt Träumen (Schn 156)

In der Brinkmann-Forschung sind Prosapassagen wie die soeben zitierte bislang unbeachtet geblieben. Vielleicht auch deshalb, weil die Momente ‚gelungener‘ Gegenwart von den gerade in Schnitte besonders vehementen apokalyptischen Beschreibungen förmlich überwuchert werden. Dieses Missverhältnisses ist sich der Autor selbst sehr bewusst, wenn er z.B. im Nachwort zu den Gedichten aus Westwärts 1&2 schreibt: „Aber ich bin Kein <sic!> Kritiker: Tatsächlich interessiert mich Kritik nicht. Hinter jeder negativen Formulierung steht tatsächlich eine lebendigere Erfahrung, aber der sprachliche Ausdruck ist mit negativen Konstruktionen und Erzählungen überlastet.“ (WWb 265f.) Zugleich macht genau dies in der Umsetzung die performative Erzählstruktur von Schnitte aus. Das letzte Schnitte-Zitat ist zudem ein gutes Beispiel für die sich weiterentwickelnde assoziative Vernetzung der Motivkomplexe des Spätwerks, als da z.B. wären (Tag-)Traum, Stille, Kindheit, Farbe(n), Bewegung und Rhyth­mus.

Kurze, rasche Einblicke, so zwischen Tür und Angel,
in einer rein und rausschwingenden Pendeltür

 

Das ‚magische‘ Moment der späten Prosa lässt sich auch mit dem Konzept der Epiphanie erfassen. Diesen wichtigen Begriff bringt Brinkmann vermutlich erst angeregt durch seine damalige Joyce-Lektüre in die eigenen poetologischen Überlegungen mit ein:

Du kannst es auch geschickt ‚psychologisch‘ sagen, was diese Art Gedichte sind: es sind Kurzzeitgedächtnisszenen – – – ‚epiphanien‘ manchmal, wie das dann bei Joyce heißt – – – kurze, rasche Einblicke, so zwischen Tür und Angel, in einer rein und rausschwingenden Pendeltür. (BH 75)

Solche flüchtigen Momente ‚epiphanischen‘ Erlebens (als Bild einer gesteigerten Erlebnisintensität, aber auch Wahrheitserfahrung) finden sich jedoch nicht allein in seiner Lyrik, sondern ebenso in der späten Prosa.5Vgl. zum literarischen Motiv der „Epiphanie“ u.a. Karl Heinz Bohrer: Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins [1981]. ...weiter lesen Entsprechende Zitate habe ich im Laufe der Studie immer wieder angeführt. Eine weitere Passage sei hier zitiert. Sie bezieht sich nochmals auf jenen Besuch von Maleen und Robert Brinkmann im Frühjahr des Jahres 1973 in Olevano Romano, von dem zuletzt bei der Interpretation des Gedichts „Canneloni in Olevano“ die Rede war:

[…] und dann, nach mehreren ruhigen Atemzügen, begann sanftes rhythmisches Einschwingen in Jetzt, Hier, auf der Steinstufe, in dem offenen Türrahmen, jedes andere gestört war fort, gab es mehr­alas [sic!]6Zu lesen als [mehrmals] oder [mehr als]? diesen Augenblick, und das sanfte Schwingen während des Ein-&Ausatmens?: ich atmete gelbes glänzendes Luftlicht ein&: Schattenrissiges Geblätter, das Kind daneben war ruhig, und dann fiel Schnee, naß, vor einem buntgefärbten Raum, durch den Schnee flogen Vögel, (14. April ) wir saßen still da […] (Schn 67)

Wiederum wird die Tür zum Symbol jenes anderen Zustands jenseits von Sprache, wie er von Brinkmann bis zum Schluss thematisiert wird. Viel zitiert wird in diesem Zusammenhang die „Vorbemerkung“ zu Westwärts 1&2, wo er seine Poetologie zugleich über das Singen herleitet: „Vielleicht ist es mir aber manchmal gelungen, die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufmachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus“ (WWa 7/WWb 9)

If the doors of perception were cleansed,
everything would appear to man as it truly is, infinite.

 

In die Musik führt auch die Suche nach weiteren Bedeutungsschichten des Türmotivs bei Brinkmann. Hierbei man stößt man unweigerlich auf The Doors und ihren Song „Break On through (To The Other Side“) auf ihrem Debütalbum von 1967. Die als ‚Bandlegende‘ überlieferte Namensbildung der Rockgruppe ist hier ebenfalls aufschlussreich: „Stundenlang konnten Dennis und Jim dasitzen und über Nietzsche diskutieren […]. Eines Tages, bei einem Gespräch über Dionysos fiel ihnen eine Zeile von William Blake ein: ‚if the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it truly is, infinite‘. Von dieser Stelle bei Blake holte sich Aldous Huxley den Titel für ein Buch: ‚The Doors of Perception‘. Jim und Dennis beschlossen, eine Band zu gründen. Einem Freund erzählten sie, sie wollten sich The Doors nennen: Türen, die offen oder geschlossen sein können.7Zitiert nach: Jerry Hopkins; Daniel Sugarman: Keiner kommt hier lebend raus. Die Jim-Morrisson-Biographie. Augsburg: Maro-Verlag 1982, S. 58). Für ...weiter lesen

Türen und Tore sind in wohl allen Kulturen Ausdruck eines Zugangs zu anderen oder höheren Wahrnehmungs- und Wirklichkeitsebenen, zudem oft mythisch besetzt. Bei Brinkmann ist das Motiv Ausdruck der Verbindung von Reflexion und Sinnlichkeit im Sinne einer ganzheitlichen Erfahrung: „das Aufflackern erneuten sinnlichen Bewusstseins (oder bewusster Sinnlichkeit) – versucht, neue sinnliche Ausdrucksmuster zu schaffen – der Ausgangspunkt des Schreibens ist das Subjekt, Kopf und Körper zusammen, – eine nach innen und außen schwingende Tür“ (FiW 235). Ein Bild, das Brinkmann eventuell dem Song „This Door Swings Both Ways“ (1966) der britischen Gruppe Herman’s Hermits entnommen hat. Die Hoffnung auf eine momenthafte Durchbrechung des Entfremdungsgefühls kehrt jedenfalls in den Gedichten Brinkmanns wieder: „(die Illusion / erleuchteter Augenblicke, / und daß sie Türen sind, / durch die du eintrittst)“ (WWa 115/WWb 157).

Diese ‚epiphanisch‘ sich vermittelnde Gegenwartserfahrung lässt sich auch an einem der bekanntesten Gedichte Brinkmanns veranschaulichen, das in seinen letzten noch zu Lebzeiten abgeschlossenen Lyrikband Eingang gefunden hat.

Nach eigener Aussage (BH 153f.) hat Brinkmann am 23. Dezember 1974 die Arbeit an Westwärts 1&2 abgeschlossen. Als er seinem amerikanischen Freund Hartmut Schnell Anfang März 1975 die Korrekturfahnen zuschickt, sagt er zusammenfassend zur Charakterisierung dieser Gedichte:

Ja, eine Reihe von Gedichten, die ich hier schrieb, sind entstanden aus der Betrachtung und Erfahrung des Bewußtseins, und sie haben als Thema das in schnellen flitzenden Gedanken und Eindrücken das Bewußtsein zum Thema. Dagegen dann andere, die einfach nur klare präzise unausgewertete und unbewertet klare sinnliche Eindrücke enthalten. (BH 219)

Feldgedichte wie die beiden Titelgedichte oder „Roma die Notte“ gehören wohl in die erste Gruppe, wohingegen die in diesem Kapitel besprochenen kürzeren Gedichte der zweiten Kategorie zuzurechnen sind. Es sind Verse, die inmitten der tristen Stadtlandschaft Momente gelungener, aber flüchtiger Gegenwart wahrnehmen und einfangen wollen. Ein Zug der neuen Gedichte insgesamt, so Brinkmann, sei „Wechselspiel, Spannung, zwischen Bewegung und Ruhe. Wie geht das zusammen, Bewegung und Ruhe? Geht das überhaupt zusammen? Ja, klar, schön ausgewogen, ruhige Bewegung, bewegte Ruhe, dahinzukommen dauert lange wohl“ (BH 57).

Für einen Moment eine Überraschung,
für einen Moment aufatmen

 

In seinem erst 1995 aus dem Nachlass veröffentlichten Essay „Einübung einer neuen Sensibilität“ von 1969, in dem sich bereits der Umbruch in Brinkmanns Poetik ankündigt, heißt es: „Das Bewußtsein ist mit Bildern von gestern verstopft, obwohl wir heute da sind, für einen Augen-blick, und dann wieder für einen Augenblick“.8Rolf Dieter Brinkmann: „Einübung einer neuen Sensibilität“ (1969). In: Rowohlt Literaturmagazin 36 (Rolf Dieter Brinkmann). Reinbek: Rowohlt ...weiter lesen Nur Literatur, die sich von dem Zwang befreit habe, ‚Literatur‘ darzustellen, so Brinkmann, könne sich auf diese Augenblicke einlassen (ebd.). Einen solchen Augenblick des ‚Da-Seins‘ fängt „Einen jener klassischen“ ein, das zu den bekanntesten (und am häufigsten ‚anthologisierten‘) Gedichten des Autors gehört. Es sei hier deshalb im Ganzen zitiert:

Einen jener klassischen

schwarzen Tangos in Köln, Ende des
Monats August, da der Sommer schon

ganz verstaubt ist, kurz nach Laden
Schluß aus der offenen Tür einer

dunklen Wirtschaft, die einem
Griechen gehört, hören, ist beinahe

ein Wunder: [/] für einen Moment eine
Überraschung, für einen Moment

Aufatmen, für einen Moment
eine Pause in dieser Straße,

die niemand liebt und atemlos
macht beim Hindurchgehen. [/] Ich

schrieb das schnell auf, bevor
der Moment in der verfluchten

dunstigen Abgestorbenheit Kölns
wieder erlosch.

Es handelt sich um ein lyrisches Triptychon in drei deutlich voneinander unterschiedenen Abschnitten, die ich typographisch mit [/] im Text markiert habe. Dabei ist die zunächst elliptisch wirkende Überschrift bereits die erste Zeile des Gedichtes und nimmt einen sofort mit in den Text hinein. Durch den ungewöhnlich großen Abstand zwischen Akkusativobjekt und Verb („einen schwarzen Tango […] hören“) erscheint jedoch die Syntax des ersten Satzes so verfremdet, dass sich dessen Sinn nicht unmittelbar erschließt. Bis zum Doppelpunkt staut sich die Bewegung der ersten Periode durch diesen genau kalkulierten Effekt auf und gibt damit die Atemlosigkeit des lyrischen Subjekts wieder. Spannung und Entspannung, diese beiden Momente charakterisieren den Rhythmus des Gedichtes, der trotz ungewöhnlicher Zeilenbrechungen wie „Laden / Schluß“ erhalten bleibt. Es ist, als vibriere der geheimnisvolle Tango in der Sprache nach.

Ein Blitz… und dann die Nacht!

 

Mit „Einer jener klassischen“ befinden wir uns wieder auf dem Boden des Flaneurs, wie ihn uns Baudelaire in vielen seiner Gedichte vorstellt. Dabei zeigen sich konzeptionelle Parallelen mit Blick auf das Erlebnis des ‚choc‘, des momenthaft als Erscheinung Wahrgenommenen, wie es das vielleicht auch Brinkmann bekannte Gedicht „À une passante“ („An eine, die vorüberging“) vermittelt. Es ist einer der berühmtesten Sonette aus seiner Sammlung Die Blumen des Bösen von 1861.

La rue assourdissante autour de moi hurlait.
Longue, mince, en grand deuil, douleur majestueuse,
Une femme passa, d’une main fastueuse
Soulevant, balancant le feston et l’ourlet ;

Agile et noble, avec sa jambe de statue.
Moi, je buvais, crispé comme un extravagant,
Dans son œil, ciel livide où germe l’ouragan,
La douceur qui fascine et le plaisir qui tue.

Aus dem Treiben der Metropole löst sich sodann im ersten Terzett ein Moment, blitzt auf… und verlöscht alsbald:

Un éclair … puis la nuit ! – Fugitive beauté
Dont le regard m’a fait soudainement renaître,
Ne te verrai-je plus que dans l’éternité ?

Ailleurs, bien loin d’ici ! trop tard ! jamais peut-être !
Car j’ignore où tu fuis, tu ne sais où je vais,
Ô toi que j’eusse aimée, ô toi qui le savais !

Ähnlich präzise ist die Wirkung bei Brinkmann kalkuliert.9In Friedhelm Kemps Prosaübersetzung lautet das Gedicht: „An eine, die vorüberging. Betäubend heulte die Straße rings um mich. Hochgewachsen, ...weiter lesen Dies zeigt z.B. seine Interpunktion. So markiert der Doppelpunkt den Punkt des atmosphärischen Umschlags, der in seiner Stärke durch das folgende, dreifach verwendete „für einen Moment“ noch betont wird. Rechnet man die Titelzeile mit, fällt er fast in die exakte Mitte des Gedichts. Das profane Wunder einer befreiten Wahrnehmung, auf das das Tangomotiv verweist, kommt auch in der herausgehobenen Position des Verbes ‚hören‘ zum Ausdruck. Es ist dann wirklich ein Augenblick, schnell notiert, „bevor / der Moment in der verfluchten // dunstigen Abgestorbenheit Kölns / wieder erlosch“.

La historia negra del tango

 

Bleibt nur noch zu fragen: was ist ein „schwarzer Tango“? Eine mögliche Erklärung für diesen Ausdruck führt nach Argentinien, wo der dortige Tango im 19. Jahrhundert aus der Vermischung europäischer Salonmusik mit der afro-argentischen Tanzbewegungsform Candombe entstand.10Zu den afrikanischen Ursprüngen des Tango siehe Sylvia Pfeiffenberger: „The blackness of Tango. Dance’s dark roots in a country ‚without ...weiter lesen Doch wie dies wiederum mit dem griechischen Lokal zusammenhängt, aus dessen Tür mitten in Köln die Musik in Brinkmanns Gedicht dringt, bleibt wohl das Geheimnis des Autors und macht doch gerade den Reiz dieser Verse aus.

Den Tango – moderner Ausdruck der Melancholie und Ausdruck von Liebes- und Todessehnsucht zugleich – findet man jedenfalls oft in seinem Spätwerk. Es gibt ab 1970/71 ein ganzes Geflecht an motivischen Tango-Variationen bei Brinkmann in der Lyrik, der Tagebuchprosa wie auch den Hörspielen.11Siehe hierzu nähere Hinweise in der Druckfassung meiner Studie. In diesem Zusammenhang steht er für eine zu überwindende Vergangenheitsfixierung ebenso wie er auf Resignation und zivilisatorischen Verfall verweist. „Einer jener klassischen“ wird dieses Motiv zusätzlich mit der zeitlichen Markierung „Ende des Monats August, da der Sommer schon / ganz verstaubt ist“ verknüpfen.

“Der Tango”. Karikatur aus Argentinien, um 1880. Zeichner/in konnte nicht ermittelt werden.

 

Auszug aus meiner Monografie Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums‘. Rolf Dieter Brinkmanns spätes Romanprojekt. Würzburg: Königshausen & Neumann 2015 (= „Studien zur Kulturpoetik“. Hg. von Torsten Hahn, Erich Kleinschmidt und Nicolas Pethes; 18). Dissertation Universität zu Köln, 2011. → mehr Infos zum Buch

Anmerkungen   [ + ]

1. Für die bei den Brinkmann-Zitaten verwendeten Siglen vgl. die folgende Aufschlüsselung:

Acid → Acid. Neue amerikanische Szene (1969) ■ BH → Briefe an Hartmut (1999) ■ Erk → Erkundungen […] (1987) ■ Erz → Erzählungen (1985) ■ FiW →  Der Film in Worten (1982) ■ Kwm → Keiner weiß mehr (1969) ■ MB →  Michel Butor (1967) ■ RB → Rom, Blicke (1979) ■ Schn →  Schnitte (1988) ■ StPh →  Standphotos. Gedichte 19621970 (1980) ■ WWa  →  Westwärts 1&2 (1975) ■ WWb →  Westwärts 1&2 (2005)

Siehe für die vollständigen Literaturangaben die Auswahlbibliografie auf diesem Blog

2. Vgl. u.a. „Roma, die Notte“: „Wo ist, frage ich, das Fenster, das nach Süden offen ist?“ (WWa 90/WWb 129).
3. Bereits in Brinkmanns zweiter Sammlung Le Chant du Monde heißt es in dem Gedicht „Einfache Gedanken über meinen Tod“: „er wird / die Tür schließen, höflich / wie jemand, der sich / nicht auskennt / im Leben“ (StPh 49). Weitere Belege u.a. in StPh 47, 49, 145, 150, 330 und 333. Charakteristisch für die Verwendung des Motivs ist auch die Verknüpfung mit dem der Stille: „Er dachte / niemals / ein Wort / weiß und / so gewichtlos / als ob eine Tür sich unverhofft / geöffnet hat / nirgend / wohin / er dachte / niemals / ein Wort / aber andre / waren / genug da, die / für ihn / was sagten / bis er wortlos / umfiel“ (StPh 97, siehe auch StPh 249).
4. Vgl. hierzu Schnitte: „grell einfallende Helligkeit in der Stille, gelb glänzendes, das grell blendend durch die schmale Flügeltür zerschnitten in den Raum fällt“ (Schn 13/4); „Die Tür ging langsam auf / Ich sah in den Spiegelsaal im Inneren imaginäre Türen imaginäre Wände imaginäre Körper“ (Schn 29/1); „Wörter (schlu­gen die weiche, sanfte Tür zu)“ (Schn 47/2); „Langsam ging die Tür auf“ (Schn 72/1); „warum kam mir das Türzufallen gräßlich vor?“ (Schn 116); „und wenn ich noch soviele Wörter schrieb, was würde sich an der offenen Tür ändern“ (Schn 121); „kam durch eine lautlose Tür und verstand kein Wort“ (Schn 148/2). Siehe hierzu bereits Michael Strauch: Studie zur Text-Bild-Montagetechnik (1998), S. 110–114.
5. Vgl. zum literarischen Motiv der „Epiphanie“ u.a. Karl Heinz Bohrer: Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins [1981]. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1998, Rainer Zaiser: Die Epiphanie in der französischen Literatur: zur Entmystifizierung eines religiösen Erlebnismusters. Tübingen: Narr 1995 (insb. zu Rimbaud, Proust und Ioneso) sowie Hugo Azérad: LUnivers constellé de Proust, Joyce et Faulkner: Le Concept d’épiphanie dans l’esthétique du modernisme. Bern: Peter Lang 2002. Bei den „epipha­nies“ von Joyce handelt es sich um kurze lyrische Prosastücke oder Dialogszenen. Vgl. die posthume schmale Sammlung Epiphanies. Introduction and notes by O.A. Silverman. Buffalo: Univ. of Buffalo, Lockwood Memorial Library 1956.
6. Zu lesen als [mehrmals] oder [mehr als]?
7. Zitiert nach: Jerry Hopkins; Daniel Sugarman: Keiner kommt hier lebend raus. Die Jim-Morrisson-Biographie. Augsburg: Maro-Verlag 1982, S. 58). Für Brinkmanns Bezug zur Gruppe siehe u.a. BH 207 und WWa 50/WWb 75.
8. Rolf Dieter Brinkmann: „Einübung einer neuen Sensibilität“ (1969). In: Rowohlt Literaturmagazin 36 (Rolf Dieter Brinkmann). Reinbek: Rowohlt 1995, S. 147–155, S. 153.
9. In Friedhelm Kemps Prosaübersetzung lautet das Gedicht:
„An eine, die vorüberging.

Betäubend heulte die Straße rings um mich. Hochgewachsen, schlank, in tiefer Trauer, hoheitsvoller Schmerz, ging eine Frau vorüber; üppig hob und wiegte ihre Hand des Kleides wellenhaften Saum;

Leicht und edel setzte sie wie eine Statue das Bein. Ich aber trank, im Krampf wie ein Verzückter, aus ihrem Auge, einem fahlen, unwetterschwangeren Himmel, die Süße, die betört, die Lust, die tötet.

Ein Blitz … und dann die Nacht! – Flüchtige Schönheit, von deren Blick ich plötzlich neu geboren war, soll ich dich in der Ewigkeit erst wiedersehen?

Anderswo, sehr weit von hier! Zu spät! Niemals vielleicht! Denn ich weiss nicht, wohin du enteilst, du kennst den Weg nicht, den ich gehe, o du, die ich geliebt hätte, o du, die es wusste!“

Zitiert nach Charles Baudelaire: Sämtliche Werke und Briefe. Acht Bände. Hrsg. von Friedhelm Kemp und Claude Pichois. Band 3: Les Fleurs du Mal = Die Blumen des Bösen. München: Heimeran 1975, S. 245.

10. Zu den afrikanischen Ursprüngen des Tango siehe Sylvia Pfeiffenberger: „The blackness of Tango. Dance’s dark roots in a country ‚without blacks‘“ (hier klicken). Profundere Auskünfte gab die argentinische Ausstellung La historia negra del tango [Die schwarze Geschichte des Tango]. Museo Casa Carlos Gardel, Buenos Aires. 20. Mai–5. Juni 2010. Kurator war der Anthropologe Norberto Pablo Cirio. Die Begleitbroschüre ist hier zu finden.
11. Siehe hierzu nähere Hinweise in der Druckfassung meiner Studie.

Über RoDiBe

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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