Wulf Noll

Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann

Wulf Noll. // Foto: Petra Lötschert

1. Wie sind Sie auf Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam geworden?
Mein Interesse an der amerikanischen „counterculture“, an der Beat- und Pop-Literatur war in jungen Jahren mit Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Gary Snyder zuvor mit Tom Wolfe und anderen Autoren und Autorinnen geweckt worden. Ich lebte und schrieb ein Weilchen wie die Beatniks. Als ich 1969 aus Indien zurückkam und mein Studium an der Freien Universität Berlin in deutscher Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft und Philosophie fortsetzte, war Rolf Dieter Brinkmann in der Stadt in aller Munde. Noch 1969 erwarb ich die von ihm (mit-)herausgegebenen und soeben veröffentlichten Anthologien ACID. Neue amerikanische Szene und Silver Screen. Neue amerikanische Lyrik.

Das war eine Menge Material, um auch als Literat inspiriert weiterzumachen, denn trotz des Studiums sah ich mich immer in erster Linie als Schriftsteller. Im großzügigen Berlin gab es schon damals Seminare zur amerikanischen Literaturszene unter Einbeziehung auch von Brinkmanns Materialien. Allerdings wurde in Berlin eine ‚Schlacht‘ geführt zwischen den Anhängern Hans Magnus Enzensbergers, die den „Tod der Literatur“ verkündeten, eigentlich nur einer bestimmten, verinnerlichten bürgerlichen Richtung, und einer jungen Literatur, für die plötzlich die Etiketten Neue Sensibilität, Subkultur und Neue Subjektivität im Schwange waren. Damals war die politische Szene stärker, die Literatur musste arg um ihre Daseinsberechtigung kämpfen.

Brinkmann selber setzte im November 1968 in der Akademie der Künste (West-Berlin) auf Skandal, indem er auf dem Podium der Veranstaltung „Autoren diskutieren mit ihren Kritikern“ ausgerechnet zu Marcel Reich-Ranicki, der zuvor in der ZEIT Brinkmanns Roman Keiner weiß mehr stark gelobt hatte, sagte: „Ich sollte überhaupt nicht mit Ihnen reden. Ich sollte hier ein Maschinengewehr haben und Sie niederschießen.“1Alle Anmerkungen von Roberto Di Bella Bei „Autoren diskutieren mit ihren Kritikern“ handelte es sich um eine Veranstaltungsreihe in der Akademie … Continue reading Man rätselte auch später noch, was das sollte. War das eine Art Vatermord, Lust am Aufsehenerregen oder eine Abrechnung mit jeglicher Form von bürgerlicher Literaturkritik? Antisemitismus war es bestimmt nicht.2Brinkmanns skandalträchtige Äußerung ist seitdem – in den unterschiedlichsten Varianten kolportiert – Bestandteil fast jedes Berichtes über … Continue reading

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„Subkultur“ vs. „Neue Subjektivität“
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Anzeige aus dem Schreibheft von 1978 (Nr. 8). Diese Ausgabe enthält auch einen frühen Beitrag von Wulf Noll über Rolf Dieter Brinkmann (siehe Anm. 4). Das 1977 in Essen gegründete Literaturmagazin, ab 1982 von Norbert Wehr geleitet, besteht bis heute fort.

Das Interesse an Brinkmann und den damaligen Zeitströmungen in der Literatur begleitete mich auch später noch, sowohl wissenschaftlich wie publizistisch. In den Jahren 1977-79 hatte ich eine kleine wissenschaftliche Stelle an der Universität-Gesamthochschule Essen inne, um am Projekt „Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte“ mitzuarbeiten.3Die Buchreihe Deutsche Literatur: eine Sozialgeschichte ist eine umfassende historische Darstellung der deutschsprachigen Literatur von den Anfängen … Continue reading In Horst Albert Glaser und Jürgen Manthey, dem späteren Brinkmann-Herausgeber sowie Redakteur des Rowohlt Literaturmagazins, fand ich dort auch Verteidiger der neuen und neuesten Literatur. Brinkmann und die Autoren der „new sensibility“ wurden diskutiert, blieben interessant, obschon ich selbst den Begriff eher auf Walter Benjamin und Herbert Marcuse denn Susan Sontag zurückführe.4Siehe zur historischen Einordnung des Begriffs der „Neuen Sensibilität“ im Kontext der deutschsprachigen und US-amerikanischen Literatur im … Continue reading

In der damaligen Debatte bildeten jedoch Termini wie „Subkultur“ und auch „Neue Subjektivität“ Gegenpole. 1977 konnte ich für Radio Bremen eine Radiosendung gestalten, die dies thematisieren sollte. Sie trug den Titel „‚Subkultur‘ und ‚Neue Literatur‘. Über R. D. Brinkmann, Nicolas Born und Jürgen Theobaldy mit einem lyrischen Anhang“. Das ist eine frühe Stimme, sie korrespondiert mit einem noch früheren Essay von Jürgen Theobaldy aus dem Jahr 1973: „It was nice to see You, doch wir haben noch Wichtiges vor. Eine Nachbemerkung zur Poplyrik“.5Theobaldys Essay erscheint in der letzten Ausgabe des von ihm selbst herausgegebenen ‚Little Mag‘ Benzin (Nr. 4, Mai 1973). Darin zieht … Continue reading

2. Sind Brinkmanns Texte weiterhin aktuell?
Für mich sind sie es, denn sie decken nicht nur das Jahrzehnt 1965-1975 ab, sondern wirken nach, zumal zahlreiche Veröffentlichungen erst posthum erschienen sind. Vieles davon steht in meiner Bibliothek. Gerade wenn es um einen Neuanfang in der Literatur, auch um Befindlichkeiten in der Bundesrepublik Deutschland vor der Wiedervereinigung geht, ist der Blick auf Brinkmanns Werke relevant. Auch wenn Brinkmann viele Impulse aus der amerikanischen „counterculture“ aufgreift und von „Post-Moderne“ spricht, ist die Sensibilität in seinen eigenen Werken auf dieses Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bezogen.61969 schreibt Brinkmann hierzu: „Eine post-moderne Literatur beginnt; eine Literatur, die sich nicht mehr in Konkurrenz zu den bereits bestehenden … Continue reading

Man erfährt bei ihm etwas über eine Protestgeneration, in der es um den Bruch mit der „klassischen Moderne“, um Bewusstseins- und Horizonterweiterung geht. Es ist der Blick nicht nur auf eine zornige junge Generation, die der älteren Generation das Engagement für Hitler und die Diktatur niemals verzeihen konnte, sondern zugleich ein Blick auf eine ‚kaputte‘ junge Generation, deren Entwurzelung soziale Hintergründe und ‚Drogenkarrieren abwärts‘ aufweist.

Brinkmann ist in meinen Augen der markanteste Vertreter einer Protestliteratur, doch auch einer der ‚Lost Generation‘, obwohl in seinen Texten neues, auf den Alltag bezogenes Empfinden und Denken in den Blick gerät. Die dargestellte Sensibilität bezieht sich aufs Alltägliche und ist nicht mehr abgehoben. Auch das Erotische und Libidinöse, was andere starke Motive kennt, wird bei Brinkmann und in der jungen Literatur bedeutsam. Das Lustprinzip lässt ‚Paradiese‘ zu, auch wenn diese keinesfalls wirklich, sondern künstlich und am Ende zerstört sind. Der versuchte Aufschwung endet im Absturz, auch wenn Brinkmann den Blick zur amerikanischen Szene hin erweitert und ihn schließlich in Rom, Blicke, seinen 1979 posthum erschienenen italienischen Briefen und Aufzeichnungen, nach Süden ausrichtet.

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„Sie träumen alle vom Süden, Wörtersüden“
(R. D. Brinkmann)
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Wir kennen den Italienkult der Deutschen, spätestens seit Goethe, der sich als eine Art Flucht in befreiende neue Gefilde erwies. Die erhoffte Wirkung ist bei Brinkmann nicht wirklich erkennbar. Kaputte Verhältnisse auch hier, obschon der Aufenthalt in Rom mit Erinnerungen an die Antike und andere geschichtliche Zeiten zu einer neuen Ästhetisierung hätten führen können. Brinkmann will diese Ästhetisierung nicht. Trotzdem erscheint er zuweilen als enttäuschter Romantiker, der so etwas wie einen „neuen Süden“, vielleicht auch Orient, nach dem auch Nietzsche suchte, kennt. Ich meine hier bei Brinkmann den „Wörtersüden“, von dem er in Westwärts 1 & 2 (1975) spricht. Mit dem „Wörtersüden“ verbindet sich die Frage nach dem Paradies, das für Brinkmann als verlorenes wichtig geblieben ist. Was bleibt, ist eine kaputte Natur, sind zerstörte Landschaften statt ‚paradiesischer‘, sind malade Seelen statt heiterer.

Das lyrische Ich taumelt durch zerstörte Gefilde, Rettung ist keine in Sicht. Im kaputten Haus Europa ist auch der europäische Süden kaputt, obschon noch immer viele der dortigen, aus Deutschland kommenden Alt- und Neubürger von der Toskana als einem verbliebenen Paradies träumen. Im Mythos „Süden“, auch aufs US-Amerikanische und Texanische erweitert, schimmert dennoch etwas von der alten Sehnsucht durch, wenn Brinkmann schreibt: „Sie träumen alle vom Süden, Wörtersüden, / […] Betonsüden, südliche Konstruktion, fortzufliehen, in / den Süden, wo der Süden ist, aus der Realität in die / Fiktion Süden, weiter, über den warmen Beton, wo Gras / zwischen den Fugen sprießt, Süden, durch die Schatten / Tunnel , helle Flecken, raschelndes Laub, Süden“.7Die Zitate stammen aus Brinkmanns Langgedicht: „Im Voyageurs Apt. 311 East 31st Street, Austin“. In: Westwärts 1&2. Rowohlt: Reinbek 1975, … Continue reading

3. Was hätten Sie Brinkmann gerne noch persönlich gesagt?
Ich hätte ihn gefragt, wie es um ihn steht. Ob sein Lebensmut und sein Lebenswille ausreichen. Seine Schriften wecken bei mir nicht bloß Neugier und Interesse, sondern auch Sorge. Manche Dichter halten die Depression auf Dauer nicht aus. Ich nehme den von Sigmund Freud diskutierten Todestrieb und die mit ihm verbundenen Destruktionen ernst. Ich hätte Brinkmanns Todessehnsucht gespürt und wissen wollen, was seine Arznei ist. Ich nehme an: Schreiben! Doch Schreiben allein genügt nicht.

In einem Telefonat mit Roberto Di Bella lehnte dieser meine bei Brinkmann vermutete Todessehnsucht ab. Trotz seines radikalen Rückzugs aus der literarischen Öffentlichkeit und persönlicher Krisen zu Beginn des Jahrzehnts, sei er 1975 wieder voller Energie und Zuversicht gewesen. So habe er mit dem kurz bevorstehenden Erscheinen von Westwärts 1&2 auch große Hoffnungen auf einen literarischen Neubeginn verbunden, so Di Bella. Die überaus positive Resonanz auf seine zwei Lesungen auf dem Poetry Festival in Cambridge, bei denen er nur wenige Tage vor dem Londoner Unfall aus seinem neuesten Gedichtband las, habe ihn darin bestärkt.8Der Mitschnitt dieser Lesungen wurde später veröffentlicht auf der CD The Last One. Autorenlesungen auf dem Cambridge Poetry Festival 1975. Ca. 60 … Continue reading

Das bestreite ich nicht, aber auch ausgezeichnete Größen, ich denke z. B. an David Foster Wallace (1962-2008), mehr noch an eine Reihe famoser Hollywood-Schauspieler, sind trotz märchenhafter Erfolge dem Todestrieb erlegen gewesen. Ich gebe zu, das ist Spekulation. Zum Schluss hätte ich Brinkmann jedenfalls etwas Anerkennendes gesagt, dass er mit seinem beflügelnden Werk auf die neuere deutsche Literatur bis heute eingewirkt und dabei zum erweiterten Blick über enge Begrenzungen hinweg beigetragen habe. Dafür sei ihm gedankt.

4. Ergänzen Sie bitte folgenden Satz: Rolf Dieter Brinkmann…
…ist ein aus seiner Zeit herausragender Dichter. Brinkmann, der die wesentlichen Fragen und Interessen einer neuen und selbstbestimmten Generation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertrat. Zugleich ist er ein ‚armer‘, ein kaputter Dichter, ein poète maudit. Das ist nichts Negatives; viele große Dichter sind poètes maudits.9In seinem Briefwechsel mit Hartmut Schnell geht Brinkmann am Beispiel des französischen Lyrikers Tristan Corbière auf den Begriff ein: „Wer kennt … Continue reading Mein Kompliment geht an das Werk dieses großen Dichters. Ich gehöre ja zur Generation der Zeitzeugen und weiß, dass heutige junge Generationen vollkommen anders ausgerichtet sind. Sie leben in einer „Spaßgesellschaft“ und folgen lieber dem Lust- als dem Realitätsprinzip. Im Schriftsteller Brinkmann wie auch im Philosophen Peter Sloterdijk sehe ich Psychonauten, die zur Aufklärung von gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen und zur neuen Bestimmung von Literatur, Kunst und Denken einen gewichtigen Beitrag leisten, der bei Brinkmann aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammt und ins 21. Jahrhundert hineinwirkt.


Zur Person
Wulf Noll (*1944 in Kassel) ist ein literarisch-philosophischer Schriftsteller und ehemaliger Hochschullehrer für deutsche Sprache, Literatur und Philosophie an japanischen und chinesischen Universitäten. Seit 1979 ist Düsseldorf Nolls erster Wohnsitz, der auch während seiner langjährigen Auslandsaufenthalte fortbestand. Wulf Noll ist seit 1990 in zweiter Ehe mit der japanischen bildenden Künstlerin Mutsumi Aoki verheiratet.

Nach einem Magisterstudium der Neueren deutschen Literatur, Sprachwissenschaft und Philosophie an der Freien Universität Berlin ist Noll 1977-79 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität-Gesamthochschule Essen und anschließend in Düsseldorf publizistisch tätig. Weitere Stationen: 1986-1990 Hochschullehrer an der Universität Tsukuba/Japan, 1993 Promotion zum Dr. phil. mit einer Dissertation über das Frühwerk von Peter Sloterdijk an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 1993-1997 Hochschullehrer an der Universität Okayama/Japan, 1999-2009 Integrationslehrer für jüdische Kontingentflüchtlinge mit akademischer Vorbildung und 2009-2011 Hochschullehrer an der Universität Ningbo/China. Aufgrund seiner zahlreichen Publikationen mit ostasiatischen Themen wird Wulf Noll 2017 „Poet in Residence“ an der Ozean-Universität in Qingdao/China. Seit 2009 ist er Mitglied des PEN-Zentrum Deutschland.


W. Noll zu Drachenrausch. Flanieren in China (2019)
Quelle: Deutsch-Chinesischer Buchclub e.V.

Den Schwerpunkt seiner bislang über zwanzig Einzelveröffentlichungen bilden Lyrik und Prosa, die insbesondere Nolls zahlreiche Aufenthalte in Fernost thematisieren. Hinzu kommen literarische und essayistische Beiträge für Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Mit dem Roman Crazy in Japan. Flanieren in zwei Welten (2005) vertritt er das Land NRW auf einer Lesereise in Japan. China wiederum steht im Mittelpunkt einer über tausendseitigen Erzähltrilogie: Schöne Wolken treffen (2014, 2. Aufl. 2023), Drachenrausch (2019) und Mit dem Drachen tanzen (2020), alle im Bacopa Verlag. 2018 erscheint mit Zum Glück gab es Beat (Edition Virgines) ein autofiktionales Erinnerungsbuch über die Jahre 1966-69. Nolls jüngste Veröffentlichung hingegen ist eine philosophische Monografie zu ästhetischen Fragestellungen der Moderne und Postmoderne (Königshausen & Neumann 2023).

Weitere Informationen
Autorenprofil auf LITon.nrw

Peter Tepe: „Wulf Noll: Grenzgänger zwischen Europa und Asien“ (28. März 2024). In: w/k – Zwischen Wissenschaft & Kunst → zum Interview

Im Gespräch mit Türkan Heinrich/Nina Rohreit (27. September und 30. Oktober 2018) sowie Jan Michaelis (22. März 2021 und 6. Januar 2024) zu unterschiedlichen Aspekten von Vita und Werk → alle Beiträge verfügbar auf NRWision – Mediathek und Lernsender für NRW

Anmerkungen[+]

Über Roberto Di Bella

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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