Ralf Friel

Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann

Ralf Friel am Büchertisch von Moloko Plus auf der Tagung CUT-UPS@60 (Paris 2023) // Foto: Michael Kellner

1. Wie bist Du auf Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam geworden?
Mitte der 80er Jahre habe ich angefangen, mich für die Weiße Reihe aus dem Verlag Volk & Welt zu interessieren und diese zu sammeln. Jedem Lyriker war in dieser Edition ein Band mit einer umfangreichen Auswahl seiner Gedichte gewidmet. Dabei bin ich auf die Anthologie Rolltreppen im August gestoßen und war sofort von Brinkmanns Gedichten begeistert. Für mich sollte moderne Lyrik genau so sein.1Vgl. Rolf Dieter Brinkmann: Rolltreppen im August. Gedichte. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Chris Hirte. Berlin: Volk und Welt 1986. Der … Continue reading

2. Welcher seiner Texte hat Dir am besten gefallen?
Es sind vor allem seine ’späten‘ Werke: zunächst Westwärts 1&2 von 1975, ein Meilenstein der deutschen Lyrik, auch in der Form. Das Buch ist eine Sammlung von Schnitten: Fotos, Texte und Collagen… alles ist literaturfähig. RDB: „Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie jetzt über den Haufen schießen.“ (Berlin, 17. November ’68) Dann Rom, Blicke, die Ausbeute seines Rom-Aufenthaltes 1972/73, mit der wilden Unerbittlichkeit auf Verfallenes und Obszönes fixiert. Ein Konvolut aus Briefen, Notizen, Zeitungsausschnitten, Fotos, ein Arbeitsbuch für künftige Projekte. Und schließlich die Text-Bild-Collage Schnitte, ebenfalls in Italien entstanden: Zitat- und Textsammlungen, aus denen heraus er einzelne thematische Schnittpunkte erarbeitete. Überhaupt gefällt mir das Schnitthafte dieser drei Bücher: Text, Collage, Cut Up & Construction.

3. Was hättest Du Brinkmann gerne noch persönlich gesagt?
Wie soll es literarisch weitergehen? Was kommt nach Westwärts 1 & 2 ?

4. Ergänze bitte folgenden Satz: Rolf Dieter Brinkmann…
… entwickelte unter dem Einfluss der Beat Generation und der US-Popkultur eine neue Form des literarischen Ausdrucks, durch den neue, avantgardistische Erzähltechniken und Themen Einzug in die deutschsprachige Literatur hielten. In diesem Zusammenhang wichtig ist außerdem der Name Jürgen Ploog. Übrigens auch, was die Gründung meines Verlags im Jahr 2010 betrifft. Jürgen hatte zuvor zusammen mit Robert Schalinski von Column One verschiedene Projekte (Sprache & Musik) gemacht. Nun wollte er gerne sein neues Buch Lustspuren oder die Exekution der Sinne bei mir veröffentlichen, war aber unsicher, weil wir ja zu dieser Zeit ein reines Musiklabel waren. Und so sagte er nur unter der Bedingung zu, dass es einen weiteren bekannten Autorennamen im Programm geben sollte. Da habe ich mir kurzerhand die Rechte zu Tophane und Aqualunge von Jörg Fauser besorgt… so fing es an.2Vgl. Jörg Fauser: Tophane. Roman. Moloko Print #1, 2011 (Originalausgabe: Maro Verlag 1972) und Aqualunge. Ein Report. Moloko Print #5, o. J. … Continue reading

 

Zur Person
Ralf Friel, geboren 1956 in Ludwigslust, lebt und arbeitet als Musikproduzent und Verleger in Schönebeck (bei Magdeburg). Bereits als Student der Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Universität Chemnitz, vormals Karl-Marx-Stadt, handelt Friel in der DDR mit Platten. Nach der Wende beteiligt er sich zunächst am Label Pink Lemon Records. 1996 wird dann aus dem Diplom-Ingenieur, als der er seit 1980 jahrzehntelang arbeitet, zusätzlich ein Verleger von im weitesten Sinne experimenteller Musik und später auch Literatur.

Moloko Plus (Label & Verlag)
Logo des Musiklabels und Verlags Moloko plusMoloko Plus startet 1996 zunächst als reines Musiklabel. Die Bandbreite der bislang rund 200 CD-Veröffentlichungen reicht von Experimental Rock über Industrial/Noise und Dub bis zu Post Punk und Avantgarde Jazz. Seit 2010 firmiert Friel mit Moloko Print zudem als Inhaber eines Buchverlags mit gleichermaßen unangepasstem Programm. Unter den rund 350 bisher dort erschienenen Titeln findet sich vor allem deutschsprachige Gegenwartslyrik und -prosa (Werner Fritsch, Dieter M. Gräf, Bert Papenfuß, Sophie Reyer, Kiev Stingl u.a.m.). Hinzu kommen viele Autor*innen aus den USA (so Richard Byrne, Ira Cohen, Ed Sanders, Mark Terrill und Lewis Warsh), aber auch Griechenland, Italien und Norwegen. Einen weiteren Schwerpunkt von Moloko Print bilden Fotos, Cut ups und Collagen deutscher wie internationaler Künstler*innen (Erec Schumacher, Boris Kerenski, Jazra Khaleed oder Gregor Kunz). Hinzu kommen immer wieder Neudrucke von Texten der literarischen Moderne und historischen Avantgarden.

Moloko Print Cover-Galerie 

Ralf Friel ist zudem begeisterter Leser und Förderer der Beat- wie Post-Beat-Literatur. So finden sich im Programm zahlreiche Bücher über William S. Burroughs (u.a von Oliver Harris, James Grauerholz) bzw. von diesem beeinflusster Schriftsteller wie Terry Wilson und Jürgen Ploog. Dabei geht es Ralf Friel mit Moloko Plus offenbar nicht ums Verkaufen, denn für Musiklabel wie Verlag gibt es so gut wie keinen (klassischen) Vertrieb. Das Projekt steht „für den Gegenentwurf, für den Flug unterm Radar“ (Netzwerk Lyrik), ganz in der Nachfolge der alternativen Verlage der 70er und 80er Jahre. Hierbei scheint er vielmehr wie ein Mäzen für befreundete Künstler*innen und Musiker*innen zu agieren, denen er aus privaten Mitteln ihre Musikprojekte und Veröffentlichungen ermöglicht. Ungewöhnlich für einen deutschen Kleinverlag, aber kennzeichnend für Friels weitgespanntes Netzwerk: viele der US-amerikanischen Titel erscheinen bei ihm im Original, teilweise sogar als Erstausgabe. Umgekehrt veröffentlicht Moloko Plus auch deutsche Bücher in englischer Übersetzung, so 2023 die von Rolf Dieter Brinkmanns Roman Keiner weiß mehr. Auf diese Weise schlägt der Verlag – nach innen wie außen – seit fast dreißig Jahren internationale bzw. (pop)kulturelle Brücken zwischen Musik, Literatur und Kunst.

Mehr Informationen
molokoplusrecords.de
molokoplusrecords.bandcamp.com (Hörproben)

Robert Mießner: „Auf Montage. Jubiläum und Ortstermin bei Moloko Plus: Seit zwanzig Jahren hat das musikalische und literarische Cut-up ein Zuhause in Sachsen-Anhalt“. In: junge Welt (30.09.2016).

Anmerkungen[+]

Über Roberto Di Bella

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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