RDB 2025: Rückblick auf ein Jubiläumsjahr

2025 hätte Rolf Dieter Brinkmann seinen 85. Geburtstag feiern können, wäre es nicht zugleich das Jahr seines 50. Todestages gewesen. Niemand kann sagen, was er nicht noch hätte leisten können: als Dichter, Schriftsteller, Medienarbeiter und Übersetzer. Die deutschsprachige Literatur- und Kulturszene hat er gleichwohl weiter nachhaltig beeinflusst, nicht zuletzt durch zahlreiche posthume Publikationen. Vier spannende Neuerscheinungen zu Vita und Werk des Autors gab es im Jubiläumsjahr, darunter die erste umfassende Biografie zum Autor. Sie laden zur künftigen (Re-)Lektüre des Werks ein und eröffnen auch der Wissenschaft neue Zugänge. Ein Beitrag von Roberto Di Bella.

„Warum hier haltmachen? Warum irgendwo haltmachen?“ Dies fragt Rolf Dieter Brinkmann 1969 in „Der Film in Worten“, seinem ,unkontrollierten‘ Nachwort zu ACID, der gemeinsam mit Ralf-Rainer Rygulla herausgebrachten Anthologie mit Texten und Bildern aus dem amerikanischen Underground  – von dem er wenig später allerdings nichts mehr wissen wollte. „Mag sein, dass er bis heute das ist, was er zu Lebzeiten bereits war: Ein Außenseiter. Ein Sonderling. Ein Eckensteher“, schrieb Jens Uthoff 2015 in der taz. Doch ist dieses Bild nur teilweise richtig. War doch Brinkmann in den Jahren zwischen 1965 und 1970 ein viel besprochener Autor, ja zeitweilig ein regelrechter Literatur- und Medienstar seiner literarischen Generation. Durch seine Bücher bei so unterschiedlichen Verlagen wie Kiepenheuer & Witsch und MÄRZ haben er und sein Kölner Kreis Impulse gesetzt, die teilweise bis heute nachwirken.

Zwischen Archiv und Gegenwart

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Zugleich ist sein Werk längst als Gegenstand der germanistischen und intermedialen Forschung etabliert, wandert sein literarischer Nachlass immer mehr in die Archive. Wie nachgeborene literarische Autor*innen (und andere Kreative) ihn sehen und sich seine Texte und Bildwelten insbesondere seit den späten 70er Jahren produktiv anverwandeln, versucht nicht zuletzt dieser Blog seit 2013 zu dokumentieren (→ Brinkmanns Leser*innen). Ist aber RDB, überspitzt gefragt, nur noch ein writer’s writer, der „fast schon selber zu einem dieser Materialienbände geworden [ist], an denen er gearbeitet hat“ (Adrian Kasnitz)? Und hat er auch künftigen Generationen von Leser*innen noch etwas zu sagen, jenseits der alten Schubladen – er, den das Feuilleton turnusmäßig alle fünf Jahre gern mit den Attributen „Kult-“ und „Pop-“ bzw. „Wortvandale“ oder „enfant terrible“ belegt? Kurzum: Wie gegenwärtig wird das Werk jenseits der Archive und Seminare bleiben und was steht dem eventuell entgegen? *

/Neue Bücher, neue Blicke//

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Vier spannende Neuerscheinungen zu Brinkmanns Vita und Werk hat das Jahr 2025 hervorgebracht. Sie laden zur künftigen (Re-)Lektüre des Werks ein und eröffnen auch der Wissenschaft neue Zugänge. Hierzu im Folgenden jeweils eine kurze Einordnung aus ganz persönlicher Sicht. Den Blogbeitrag beschließen eine Liste ausgewählter Besprechungen zu den nachgenannten Büchern sowie Hinweise auf weitere Publikationen.

2025 haben uns im Übrigen drei Menschen verlassen, die Rolf Dieter Brinkmanns Person oder Werk in besonderer Weise kannten und denen ich selbst seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden war: der Antiquar Klaus Willbrand (*1941), der 1962 den ersten Gedichtband des Autors druckt (→ weitere Infos); der Maler Henning John von Freyend (*1941), Mitbegründer der Kölner Künstlergruppe EXIT und Freund (→ weitere Infos){[(|fnote_stt|)]}Das Vorschaubild zu diesem Beitrag zeigt sein Ölgemälde „Rolf Dieter Brinkmann(1983, 80 x 70 cm, Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf). zur Vollansicht </fn

sowie Gunter Geduldig, dem Gründer der Brinkmann-Gesellschaft (1992 bis 2013) und der seit 2005 bestehenden Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann sowie Verfasser zahlreicher Publikationen zum Thema (→ weitere Infos).

 

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Michael Töteberg, Alexandra Vasa: Ich gehe in ein anderes Blau

Michael Töteberg und Alexandra Vasa haben mit Ich gehe in ein anderes Blau die lang erwartete erste umfassende Biografie zu Rolf Dieter Brinkmann vorgelegt, deren Titel auf die Schlusszeile eines viel zitierten Gedichts des Autors verweist. Das Buch erschien rechtzeitig zu Brinkmanns 50. Todestag im April 2025 bei Rowohlt, wo seit 1975 das Werk des Autors betreut wird. Hierfür auswerten konnten die beiden Autoren zahlreiche erst kürzlich zugänglich gewordene unveröffentlichte Quellen. Hierzu gehören insbesondere Brinkmanns Briefe an den Schriftsteller Nicolas Born, den Künstler Henning John von Freyend, die langjährigen Mitstreiter Ralf-Rainer Rygulla sowie auch die eigene Ehefrau Maleen. Auch haben Töteberg und Vasa alle einschlägigen Literaturarchive besucht und hierbei weitere Funde gemacht, die das Buch bereichern. In dreizehn ausführlichen Kapitel gibt Ich gehe in ein anderes Blau erstmalig einen umfassenden Überblick über die Vita des Autors: von den biografischen Prägungen durch die Geburtsstadt Vechta über die Stationen Köln, Rom und Austin bis hin zum tragischen Unfalltod in London. Streckenweise liest sich diese Biografie wie das Drehbuch zu einem Doku-Drama, so nah und ungefiltert kommt man dem Dichter, auch in seiner unaufhörlichen existentiellen Zerrissenheit.

„Brinkmann weist in die Zukunft“ (Peter Handke)

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Michael Töteberg profitiert hierbei von einer jahrzehntelangen Doppelexpertise: als Filmwissenschaftler einerseits mit Büchern u.a. über Fritz Lang, R. W. Fassbinder oder die TV-Serie Babylon Berlin; andererseits als Verlagsexperte und Mitarbeiter von Rowohlt, wo er mehr als 25 Jahre lang Brinkmanns Werk editorisch betreut. Alexandra Vasa hingegen ist promovierte Germanistin. Gemeinsam mit Töteberg gab sie mehrere Bände der literaturwissenschaftlichen Zeitschrift Text + Kritik heraus. Mit Wertungen halten sich die Biografen in diesem Fall weitgehend zurück, lassen vor allem die historischen Quellen sprechen und machen Textgeschichte(n) sichtbar. Gleichwohl wäre eine stärkere Einordnung des vielgestaltigen Autors auch in die übergreifenden kultur- und literaturgeschichtlichen Zusammenhänge wünschenswert gewesen. Denn bei allem eigenen Pochen auf Unabhängigkeit bleibt Brinkmann doch vor allem ein Kind seiner Zeit. Dabei gilt es inzwischen auch für eine jüngere Leserschaft Vermittlungsarbeit zu leisten. In Summa jedoch ist Ich gehe in ein anderes Blau vor allem ein äußerst anregendes und gut lesbares Buch, das den bekannten Klischees zum Autor aus dem Weg geht. Dies zusammen mit der äußerst präzisen Recherche macht es zur unverzichtbaren Grundlage für alle, die sich künftig eingehender mit Brinkmann beschäftigen möchten.

Michael Töteberg/Alexandra Vasa: Ich gehe in ein anderes Blau. Rolf Dieter Brinkmann – eine Biografie. Reinbek 2025; 400 Seiten, geb., 35 EUR → zur Verlagsseite (mit Leseprobe)


Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2 

Gewürdigt wird Rolf Dieter Brinkmann zum Jubiläumsjahr auch mit der ,Neu-Neuausgabe seines erfolgreichsten Gedichtbandes Westwärts 1&2 (1975), die wiederum bei Rowohlt erscheint. „Es ist ein subjektives Buch, ohne Rücksicht auf die herrschenden literarischen Konventionen und kann ebenso gut als ein zusammenhängendes Prosabuch, Gedichtbuch wie Essaybuch gelesen werden.“ Diese Kurzcharakterisierung gibt Brinkmann noch selbst dem Verlag telefonisch durch. In der Notiz kommt auch Brinkmanns Interesse Anfang der 70er Jahre an den großen angloamerikanischen lyrischen Langformen seines Jahrhunderts zum Ausdruck: Ezra Pounds Cantos, T.S. Eliots Waste Land oder – mit zahlreichen motivischen und strukturellen Parallelen zu Westwärts 1&2 – William C. Williams PatersonIn all diesen Werken wie auch bei Brinkmann erfahren die Subjekte „eine mythologische Ungeordnetheit“ (Michel Butor). Sie geraten in eine Welt von Widersprüchen, die sie gleichwohl zu gestalten suchen. „Die Wörter / ziehen uns weiter, / westwärts, / wohin? (Wer ist / wer?) Und / die Mythologie der vier Himmels / Richtungen bricht zusammen, / in verschiedenen Farben.“

Bereits diese Hinweise unterstreichen die bislang noch zu wenig gesehene epische Struktur des Gedichtbandes, aus dem nur die immer gleichen, wenn auch exquisiten, Häppchen anthologisiert werden. Das Besondere des Buch erschließt sich einem nur in einer ganzheitlichen Lektüre des Buches mit seinem atmenden Wechsel zwischen kurzen und langen Formen. „Das lange Gedicht ist, im gegenwärtigen Moment, schon seiner Form nach politisch; denn es zeigt eine Gegenbewegung gegen Einengung in abgegrenzte Kästchen und Gebiete“, schrieb der Literaturwissenschaftler Walter Höllerer in seinen 1965 veröffentlichten „Thesen zum langen Gedicht“. Was Brinkmann erstmals im Langgedicht „Vanille“ (1969) formal erprobt, gewinnt in Westwärts 1&2 an poetologischer Tiefe und sprachlicher Komplexität. Sein Ansatz, diesen Gedichtband als Gesamtkomposition zu gestalten, wird durch insgesamt eigene 144 Schwarzweiß-Aufnahmen verstärkt, die Brinkmann den Texten tableauartig voran- bzw. nachgestellt. Hinzu kommt der fast 80-seitige Essay „Ein unkontrolliertes Nachwort zu meinen Gedichten 1974/1975“. Diesen musste Brinkmann aus Kostengründen allerdings wieder herausnehmen, auf Drängen des Verlages, ebenso wie zahlreiche längere und kürzere Gedichte. Sonst wäre der Band nicht in Druck gegangen. Das wurde mit der Ausgabe von 2005 korrigiert.

„Als ich erwachte, war der Tag schon voller Lärm,
und die Dinge wurden bewegt, schon lange vorher“

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Doch auch in der Kompromissfassung von 1975 wurde zu einem Meilenstein der deutschsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Vielleicht hat die begrenzende Hand seines Lektors Jürgen Manthey dem Werk mit seiner rhizomatischen Anlage sogar gut getan. Auf seine Reise nach Cambridge Ende April 1975 konnte er bereits ein Exemplar des offiziell erst im Mai ausgelieferten Buches mitnehmen. Es zeugt für eine sprachliche Wucht und einen Gestaltungswillen, die Westwärts 1&2 zur (auch visuell) herausfordernden Pflichtlektüre auch für all jene machte, die sich nach ihm als professionelle Lyriker:innen begriffen. Wie auch immer man sich dann dazu verhält. Bis heute bleibe er „der große Anreger“, so Jan Röhnert, selbst Lyriker und zugleich Brinkmann-Forscher. Dem steht bei dieser Ausgabe allein der stolze Preis von 52 Euro entgegen, der nicht gerade für eine aktive Popularisierung des Autors durch den Verlags spricht, zumal auch weitere seiner Werke dort längst vergriffen sind. Brinkmanns Nachlass befindet sich seit vergangenem Jahr im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Michael Töteberg konnte ihn als einer der ersten überhaupt sichten, während der Arbeit an der mit Alexandra Vasa verfassten Brinkmann-Biografie.

Hierbei fanden sich zahlreiche weitere Gedichte, die der Autor zunächst ebenfalls für den Lyrikband vorgesehen hatte und die nun in dieser, gegenüber 2005 nochmals erweiterten Fassung erstmals veröffentlicht wurden. In seinem ausführlichen Nachwort ordnet Töteberg die Funde klug ein und lässt die wechselvolle Entstehungsgeschichte des Lyrikbandes Revue passieren. „Der Nachlass bietet den von Brinkmann geschmähten Viehlologen ein reiches Feld“, so der Herausgeber. „Von fast allen Gedichten gibt es mehrere Versionen“. Selbst auf den bereits sauber abgetippten Fassungen finden sich noch weitere Änderungen, wuchert der Text weiter westwärts. Wie schreibt Brinkmann im „Unkontrollierten Nachwort bezeichnenderweise: „Jedes Gedicht, noch das perfekteste, in sich geschlossenste, vollendetste Gedicht ist ein Fragment“. Somit dürfte auch diese Edition des Gedichtbandes nicht das letzte Wort sein und man denkt unwillkürlich an die vielzitierte „Vorbemerkung“ des Autors: „Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weitermachen. Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier“.

Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1 & 2. Gedichte. Reinbek 2025; 448 Seiten, Klappenbroschur, 52 EUR zur Verlagsseite (mit Leseprobe)

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Frank Schäfer: BRINKMANN. Ein Zettelkasten

Frank Schäfer verbindet wie Michael Töteberg eine nunmehr jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Kölner Autor. Alte und neue Texte über Brinkmann hat der Literaturkritiker, Musikjournalist und Popkultur-Experte nun zu einer kursorischen und sehr persönlichen Einführung ins Werk komponiert. BRINKMANN. Ein Zettelkasten besteht aus biografischen Annäherungen, kritischen Einschätzungen sowie exemplarischen Textanalysen. Das Ergebnis ist ein Buch, das gegenüber der Rowohlt-Biografie eigene, auch literarisch inspirierte Akzente setzt. Zudem ordnet Schäfer die Texte und Ästhetik Brinkmanns in einen popkulturellen wie auch sozialgeschichtlichen Hall- und Zitatraum ein. Hierfür kann der Germanist aus dem Vollen schöpfen, hat er doch seit 1997 zahllose Publikationen zur Musik und Literatur der gegenkulturellen Bewegungen veröffentlicht. Für dieses Profil steht auch der Verlag von Andreas Reiffer, in dem auch weitere von Schäfers Büchern erschienen sind.

„Brinkmann laboriert am Deutschsein.
Auf ungute, auf sehr deutsche Weise.“

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Andererseits stützt Schäfer seine Deutung der zerrissenen und widersprüchliche Persönlichkeit des Autors immer wieder durch psychologische und psychoanalytischer Kategorien, so wie bereits Dieter Wellershoff es in seinem frühen Brinkmann-Essay „Destruktion als Befreiungsversuch“ (1976) versucht hat. Dort wie hier überzeugt das nicht immer bzw. stößt an Grenzen, wenn es darum geht, Person und Werk zu differenzieren. Was zugegebenermaßen nicht einfach ist. Denn „Brinkmanns Zorn“ – siehe Harald Bergmanns gleichnamigen Film von 2006 – wurde von diesem auch als literarisch kalkulierter Effekt eingesetzt. Das wilde Lesen: so heißt Schäfers gleichfalls lesenswerter Essayband über einen Gegenkanon deutschsprachiger Literatur ,nach der Revolte‘. Der Titel verweist auf einen hier wie dort bewusst subjektiven Zugang zum Dichter und seiner Zeit. Das mag manchen zum Widerspruch reizen. Doch macht der Autor so teilweise in Abgrenzung zu Brinkmann zugleich die eigene kulturell-politische Sozialisation und historische Position kenntlich. Damit bietet sein kompakter Zettelkasten eine gute Ergänzung zur großen Rowohlt-Biografie: als perspektivische Erweiterung in die Jetztzeit und bewusst niedrigschwelliger Einstieg für all jene, die bisher noch nicht mit der Materie vertraut sind.

Frank Schäfer: Rolf Dieter Brinkmann. Ein Zettelkasten. Hannover 2025; 160 Seiten, geb., 18 EUR. zur Verlagsseite
→ Leseprobe auf diesem Blog: Brinkmann in Cambridge
→ Weitere Leseproben als Kolumne auf jungeWelt.de

Ralf-Rainer Rygulla (Hg.): Frank Xerox’ wüster Traum

Die vielleicht aufregendste, weil auch gänzlich unverhoffte, Neuerscheinung zum Jubiläumsjahr verdanken wir schließlich Ralf-Rainer Rygulla, Brinkmanns literarischer Mitstreiter und langjähriger Freund. Frank Xerox’ wüster Traum lautet der Titel eines 1969/70 gemeinsam konzipierten Lyrikbandes. Es handelt sich hierbei um Lyrik bzw. ,Antilyrik‘, die die beiden auch in den meisten Fällen kollaborativ verfasst haben. Ihr Vorbild sind dabei ähnliche Texte von Autoren wie Frank O’Hara, Ron Padgett oder Ted Berrigan, die der sog. „New York School of Poetry“ angehören. „Wenn dir ein Gedicht gefällt, dann verändere es, und schreib deinen Namen darunter“ (Ted Berrigan) und „Poetry is made by all. Not by one“ waren die neuen, gegen die herrschende literarische Hochkultur gerichteten Aufrufe und Slogans. Padgett rief zu einem „New Plagiarism“ auf.

Dieser literarische Geist kommt auch im Titel Frank Xerox’ wüster Traum zum Ausdruck. Zudem birgt der Titel eine ironische Anspielung auf die seit Ende der fünfziger Jahre sich verbreitende Kopiertechnologie: 1959 bringt das US-amerikanische  Unternehmen Rank Xerox den ersten automatischen Großkopierer auf den Markt. „Wir assoziierten frei aus der Situation heraus, nach dem, was wir durch die Scheiben sahen, nach Stichwörtern, die wir uns zuspielten. Da war nie ein Zwang, uns oder Lesern eine bedeutende Mitteilung zu machen. Das lustvolle Erstellen eines Textes stand im Vordergrund.“ (Ralf-Rainer Rygulla) Viele der in dieser Art entstandenen Texte erschienen verstreut in Zeitschriften wie Merkur, Akzente und insbesondere dem von Brinkmann und seinem Kölner Kreis konzipierten Gummibaum. Geplant wurde eine Veröffentlichung dieser und und neuer Texte in Buchform für den MÄRZ Verlag von Jörg Schröder. Dort hatten Brinkmann und Rygulla zuvor bereits die Übersetzungsanthologie ACID. Neue amerikanische Szene (1969) herausgebracht. Von der literarischen Aufbruchsstimmung dieses Readers mit Prosa, Lyrik und Essays der zweiten Generation der Beatautor:innen und der US-amerikanischen Neoavantgarde-Szene wird auch das eigene Buchprojekt bestimmt.

„Sind das überhaupt noch Gedichte?“ (Dieter Wellershoff)

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Doch nach dem Erscheinen von ACID entfremden sich die beiden langjährigen Freunde zusehends (→ Rygulla im Interview). Erst Brinkmann, alsbald auch Rygulla ziehen sich aus dem Literaturbetrieb zurück und so kommt die weitere Arbeit am Manuskript ins Stocken. Als der MÄRZ Verlag 1973 Insolvenz anmelden muss und Brinkmann 1975 stirbt, wandert das Konvolut endgültig in die Schublade. Das von Rygulla jahrzehntelang aufbewahrte Typoskript liegt jetzt nach über 50 Jahre endlich als Veröffentlichung bei Axel Dielmann in Frankfurt/Main, dessen unabhängiger Verlag insbesondere zeitgenössische Prosa und Lyrik herausbringt. Und das passt auch zu diesen Texten, von denen sehr viele weiterhin frisch und provokant wirken, als hätte ihnen die lange Lagerungszeit nichts anhaben können.  In der von Rygulla besorgten Ausgabe wird das ursprüngliche Konvolut erweitert und gerahmt durch Briefe, Redaktionsnotizen und weitere Dokumente zur Ästhetik der Texte. Die  zunächst aus Zeitnot und Mittelknappheit geborene Idee, die meisten der Gedichte im Faksimile zu drucken, erweist sich nun als Glücksfall. Das Ergebnis ist ein historisches Fragment und ästhetisches Abenteuer zugleich.

Man kann an den Texten, die teilweise mit Anmerkungen versehen sind bzw. unvollständig blieben, die „Lust am Schreiben“ (Barthes) wie auch den damaligen „work in progress“ somit auch visuell nachvollziehen. Dies gilt bereits für die originelle Hülle des Buches. Sie zeigt jenen Leitz-Schnellhefter, in die Brinkmann das Material abgeheftet hatte. Nachdem er jedoch das Interesse am Projekt verlor, schickt er alles seinem (nunmehr ehemaligen) Freund Rygulla zu treuen Händen. Doch auch der ursprüngliche Umschlagentwurf mit einem Pin-up-Girl als Motiv wurde in die Edition aufgenommen. Mit seiner Herkunft aus einem Hollywood-Filmkalender verweist er auf jenen ästhetischen Zeitgeist einer „new sensibility“, die in den 60er Jahren auch Sontag, Fiedler, McLuhan mit ihren teils drastischen Verweisen auf Massenmedien, Warenwelt, Science Fiction oder Pornografie aufrufen. Man denke nur auch an das legendäre, von Brinkmann selbst collagierte Cover, welches zeitgleich seine Lyrik in Die Piloten (1969) programmatisch verpackt. Künstlerisch abgerundet wird diese Publikation durch verschiedene Illustrationen von Berndt Höppner (*1942). Die Arbeiten des Schweizer Malers und Grafikers waren bereits in der Anfangskonzeption von 1970 vorgesehen und weisen Frank Xerox’ wüster Traum als intermediales Gemeinschaftsprojekt aus, welches hierbei das Medium Buch experimentell überfordern und insgesamt die Grenzen der Literatur erweitern will.

Rolf Dieter Brinkmann / Ralf-Rainer Rygulla: Frank Xerox’ wüster Traum und andere Kollaborationen. Nachwort von R. R. Rygulla, Anm. von Michael Töteberg. Frankfurt a. M. 2025; 112 Seiten, kartoniert, 26 EUR → zur Verlagsseite

Besprechungen (in Auswahl)
Es handelt sich in den meisten Fällen um Sammelkritiken zu zwei oder mehr der vorstehenden Titel. Wo möglich, verlinke ich auf eine frei zugängliche Online-Version (Stand 02/2026).

  • Bernd Berke: „Diese ungeheure, schöpferische Wut“. In: Revierpassagen (21. März 2025).
  • Helmut Böttiger: „Ich gehe in ein anderes Blau und Westwärts 1&2. In: DLF (16. Februar 202519:49 Min.
  • Theo Breuer: „Bücher · Brinkmann · Bei:spiele“. In: Büro für Text & Literatur (23. April 2025).
  • Rüdiger Dittrich: „Stoßseufzer der Kunst“. In: Gießener Anzeiger (15. Mai 2025).
  • Wolf Ebersberger: „Der Kotzbrocken konnte auch zart“. In: Nürnberger Nachrichten (23. April 2025).
  • Jonas Engelmann: „Rolf Dieter Brinkmann: Die Augen gehen auf“. In: nd. Journalismus von links (22. April 2025).
  • Gisa Funck: „<Mit Zweifel an allem, und Wut auf fast alles>. Eine <Lange Nacht> über den Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann“. In: DLF (19. April 2025) | 159:30 Min.
  • Richard Kämmerlings: „Der Dichter zeigt herausforderndes Verhalten“. In: Die Welt (23. April 2025).
  • Ulrich Klappstein: „Leben und Wirken des armen B.“. In: literaturkritik.de (Nr. 4, April 2025)
  • Peter Meisenberg: „Westwärts 1&2“. In: Westart, WDR (19. April 2025).
  • Michael Niehaus: „50 Jahre nach dem Tod des Dichters aus Vechta“. In: NDR Kulturspiegel (6. Mai 2025) | ab Min. 29:56.
  • Martin Oehlen: „Rolf Dieter Brinkmann – Ein Ich, das querliegt zur Welt“. In: Kölner Stadt-Anzeiger (5. April 2025).
  • Werner Olles: „Haß auf eine erstarrte Kultur“. In: Junge Freiheit (18. April 2025).
  • Manfred Orlick: „Aufmüpfiger Dichterrebell und literarischer Erneuerer“. In: literaturkritik.de (Nr. 4, April 2025).
  • Jan Röhnert: „Der große Anreger: Rolf Dieter Brinkmanns Westwärts 1&2 zum dritten“. In: faustkultur.de (21. März 2025).
  • Eckhard Schumacher: „Rolf Dieter BrinkmannDer erste Popliterat der deutschen Sprache“. In: FAZ (22. April 2025).
  • Hubert Spiegel: Die Stadt und ihr toter Dichter. Von Liebe keine Spur? In: FAZ (23. April 2025).
  • Willi Winkler: „Rolf Dieter Brinkmann. So viel Genie muss sein“. In: SZ (22. April 2025).

Siehe außerdem auf Perlentaucher.de die Rezensionsnotizen zur Rowohlt-Biografie sowie der Neuausgabe von Westwärts 1&2. Für weitere Belege und präzisere Nachweise vgl. den Online-Katalog der UB Vechta.

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Und was gab es sonst noch im Brinkmann-Jahr 2025?

Rolf Dieter Brinkmann: „Ein kleiner frostiger Atem geht spazieren“. Auszüge aus Rolf Dieter Brinkmanns Tonbandaufnahmen Wörter Sex Schnitt (posthume CD-Edition von 2005). In der Reihe BR Hörspiel Pool (11. April 2025) | 49 Min.

Ulrich von Bülow: „Alles Schutt, alles Spuk. Bilder aus dem Nachlass von Rolf Dieter Brinkmann“. Der Leiter der Handschriftenabteilung im Deutschen Literaturarchiv (Marbach/Neckar) gibt exklusive Einblicke in den kürzlich neuerworbenen Nachlass des Schriftstellers. Vortrag bei der Karl Jaspers-Gesellschaft Oldenburg, 19. November 2025. weitere Informationen 

Markus Fauser: Let’s talk about Rolf. Podcast-Reihe mit Zeitzeug*innen-Gesprächen zu Rolf Dieter Brinkmann. Alle Folgen auf kulturstiftung-brinkmann.de/zeitzeugen

Herbert Kapfer: Der Planet diskreter Liebe. Roman. München 2025. → weitere Informationen | Der deutsche Autor und Publizist ist bestens mit Brinkmanns Werk vertraut. Als langjähriger Leiter der Abteilung Hörspiel und Medienkunst im BR betreute er zwei wichtige CD-Editionen mit Aufnahmen aus dem akustischen Nachlass Brinkmanns. In seinem zweiten Roman lässt er die intellektuelle Atmosphäre der 70er Jahre lebendig werden, mit zahlreichen Anklängen an Brinkmanns Werk.

Jamal Tuschik: „Poesie als sinnliches Ereignis – Rolf Dieter Brinkmanns Widerstand gegen die kanonisierten Lyrikbegriffe im Nachkriegskontext“. In: jamaltuschick.de (22. Juli 2025).

Siehe außerdem auf diesem Blog
Zeittafel zu Rolf Dieter Brinkmann
Audio- und Videodokumente zu Rolf Dieter Brinkmann
Hinweise zur aktuellen Forschungsliteratur

 

Über Roberto Di Bella

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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