„Die Hauptstraße, auch der Gedanken, ist aus 6spurigem Asphalt“, heißt es einmal in Rom, Blicke. Brinkmanns Schreiben war stets auf der Spur der Gegenwart. Dabei bleibt er auch nach seinem frühen Tod 1975 für viele ‚anstößig‘, im doppelten Wortsinn: provokativ und anregend.

Der Literaturkritiker Michael Braun liest in Rolf Dieter Brinkmanns Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand (Rowohlt 1987). Foto: Michael Braun
So sind mir im Laufe der Jahre meiner eigenen (nicht nur wissenschaftlichen) Beschäftigung mit Rolf Dieter Brinkmann zahlreiche Menschen begegnet, die ihm auf der einen oder anderen seiner Gedanken-Spuren gefolgt sind, in Kunst, Kultur, Wissenschaft und natürlich vor allem in der Gegenwartsliteratur.
Gerade im Bereich der Lyrik gilt: wer seit den 1970er Jahren im deutschsprachigen Raum hier aktiv war und ist, hat sich auf die eine oder andere Weise mit seinen Gedichten, Texten und poetologischen Positionen auseinandergesetzt, sich davon (zeitweilig oder dauerhaft) inspirieren lassen oder in eine produktiv-kritische Distanz dazu gesetzt. Für viele Schreibende war oder ist er weiterhin ein fester Bezugspunkt.
Zudem ist Rolf Dieter Brinkmann nicht zuletzt auch durch zahlreiche Publikationen aus dem Nachlass (insbesondere mit Büchern, aber auch Audio- und Videoarbeiten), auf bisweilen irritierende Weise gegenwärtig geblieben: ein Heutiger, der aber auch nie zur Ruhe zu kommen scheint, „als finge er immer von neuem an“, wie der Literaturkritiker Ulrich Greiner bereits 1981 schrieb. Doch rührt ein solcher Eindruck vermutlich nicht zuletzt auch von der inkonsequenten Publikationsstrategie der Witwe. Zwar hat Maleen Brinkmann nach dem Tod ihres Mannes, gemeinsam mit dem Rowohlt-Verlag, zunächst einen Editionsplan für Brinkmanns literarischen Nachlass entworfen. Doch folgen die posthumen Buchveröffentlichungen zwischen 1979 und 2010 keinen einheitlichen Kriterien und orientieren sich auch nicht an der Chronologie der Werkstücke.
Denk-Anstöße für eine Ästhetik der Gegenwart
Gleichwohl haben auch all diese Veröffentlichungen, die ja nicht mehr durch den Autor selbst autorisiert waren, bei allen editorischen Mängeln und Widersprüchen seitdem ihre ganz eigene Wirkungsgeschichte entfaltet, gerade bei Autorinnen und Autoren der Gegenwartsliteratur. Dabei geht die kreative Auseinandersetzung mit Brinkmanns Werk weit über diesen Bereich hinaus. Auch Persönlichkeiten aus den Bereichen Theater, Kunst, Musik und Film haben in seinen Texten, Gedichten und multimedialen Experimenten immer wieder Denk-Anstöße für die eigene Arbeit gefunden oder sich auch nur an dieser Figur und ihren Widersprüchen gerieben.
Gerade diese breite Rezeption in allen Kunstformen ist das Besondere an Brinkmanns Nachleben und trifft zugleich den Kern seiner eigenen multimedialen Poetik. Die Kehrseite davon ist, dass dieser Autor bzw. sein ‚Image‘ auch gerne herbeizitiert werden, wenn das Feuilleton Leser*innen eine besondere Intensität oder auch anarchische Destruktivität des Ausdrucks bildhaft machen möchte. Er ist dann mal „der Ginsberg aus Vechta“, mal der Prototyp eines Punk: hier wird der Autor zur Metapher.
Doch in der näheren Auseinandersetzung wurden Brinkmanns Texte zum Hörspiel bei Ulrich Gerhardt oder inspirierten die Hamburger Underground-Musiker Kristof Schreuf und Knarf Rellöm. Der Lyriker und Leadsänger der Einstürzenden Neubauten Blixa Bargeld oder Theatermacher*innen wie Thirza Bruncken, Elettra de Salvo, Stefan Nagel u.a. ließen sich von Person und Material ebenso für ihre Arbeit anregen wie bildende Künstler (siehe Bertram Rutz oder Henning John von Freyend) oder auch Schauspieler wie Robert Stadlober und Klaus Maria Brandauer, die ihm bei Lesungen ihre Stimme liehen.1Siehe zur vielfältigen künstlerischen Rezeption des Autors bei Enno Stahl: „Zeitgenössische Rezeption“. In: Brinkmann-Handbuch. Leben – Werk … Continue reading
Die Sektion „Brinkmanns Leser*innen“ auf diesem Blog ist mehrfach unterteilt. Zum einen gibt es die umfangreiche Kategorie „VIER FRAGEN ZU RDB“: mit einem Fragebogen bestehend aus vier stets identischen Fragen trete ich an zeitgenössische Autor*innen oder Künstler*innen heran, die sich auf besondere Weise mit dem Autor auseinandergesetzt haben, wie u.a. Theo Breuer, Lütfiye Güzel, Michael Krüger, Jan Volker Röhnert oder Julia Trompeter.
Dies gilt auch für Zeitgenoss*innen und literarische Weggefährten*innen, so z.B. Henning John von Freyend, Linda Pfeiffer oder Klaus Willbrand. Auch die Arbeit der Übersetzer*innen Brinkmanns in andere Sprachen möchte ich auf diese Weise dokumentieren. Diese Rubrik umfasst mittlerweile rund 50 Einzelbeiträge. Weitere Fragebögen veröffentliche ich hier in loser Folge.
Eine „wild gefleckte“ Rezipient*innen-Anthologie
Unter „OH, TÖNE!“ habe ich eine Auswahl an aktuell online zugänglichen Audio- bzw. Videodokumenten zu Rolf Dieter Brinkmann zusammengestellt: Radiofeatures und wissenschaftliche Vorträge, aber auch Lesungen von Texten des Autors. Ergänzend hierzu gibt es eine externe Playlist mit weiteren Fundstücken auf meinem Youtube-Kanal. Mit der Rubrik „SPUREN“ wiederum möchte ich – in Form von eigenen oder Gastbeiträgen – auf frühere künstlerische, publizistische oder wissenschaftliche Projekte zum Autor verweisen.
Schließlich habe ich im Frühjahr 2020, aus Anlass des 80. Geburtstags des Autors am 16. April, einen besonderen Aufruf gestartet, nämlich mir hierfür „posthume Grüße“ zu senden, als Kommentar, persönliche Erinnerung oder literarisch-künstlerischer Beitrag. Erreicht haben mich zahlreiche Texte, Bilder und Töne (darunter viele Originalbeiträge), die ich nun auf diesem Blog präsentiere, als kleine digitale und „wild gefleckte“ REZIPIENT*INNEN-ANTHOLOGIE (in vier Teilen).
„Brinkmann bleibt berührbar.“ (Hermann Peter Piwitt)
Mein Blog – online seit November 2013 – will mit dieser Fülle an zusammengetragenen Stimmen, Spuren und Materialien nicht zuletzt die Vielfalt der Zugänge zu Werk und Person dokumentieren. Dies schließt kritische Bewertungen natürlich mit ein. „Brinkmann bleibt berührbar“, wie es der Schriftsteller und Weggefährte des Autors Hermann Peter Piwitt (*1935) in einem sehr persönlichen Essay bereits 1970 anlässlich der posthumen Veröffentlichung des Material- und Briefbandes Rom, Blicke formulierte. Und der Berliner Lyriker Dieter M. Gräf (*1960) brachte es für diesen Blog auf folgende dialektische Formel: „Rolf Dieter Brinkmann ist ein unvollkommener Dichter, der vollkommenere überleben wird.“
Roberto Di Bella
Feedback und Hinweise zu den Themen des Blogs sowie Vorschläge für Gastbeiträge gerne an:
Roberto Di Bella <roberto[dot]dibella[at]gmx.net>
● Veröffentlicht: 27. Dezember 2013, aktualisiert: 04.11.2025
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