Michael Braun

Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann

Michael Braun (2017). // Foto: privat

1. Wie sind Sie auf Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam geworden?
1977 entdeckte ich als Student in Heidelberg eine aufregende Broschüre über „Neue deutsche Lyrik“; als kollektiver Verfasser firmierte hier ein „Arbeitskreis Linker Germanisten“. Fasziniert las ich den Aufsatz des angehenden Schriftstellers Martin Grzimek über „den Verlust der Verantwortlichkeit“, eine kleine Brinkmann-Studie.1Vgl. Martin Grzimek: “Über den Verlust der Verantwortlichkeit. Zu Rolf Dieter Brinkmanns poetischen Texten”. In: Arbeitskreis Linker ...weiter lesen Danach war Brinkmann für mich zehn Jahre lang das Maß aller poetischen Dinge.

2. Welcher seiner Texte hat Ihnen am besten gefallen?
Als ich mich 1987 durch den Tagebuchband mit den Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand wühlte, geriet ich sofort in den Sog dieser Prosa – und in die typografische Gestalt dieses radikalen Sudelhefts, worin alle Seiten über und über mit Schreibmaschinenschrift bedeckt waren. Hier musste ein Graphomane am Werk sein.2Anm. R. Di Bella: Die von Michael Braun im Beitragsbild unterstrichene Passage aus Erkundungen ist höchst aufschlussreich zum Verständnis von ...weiter lesen
Ende 1971 saß Brinkmann in einer Mühle im Hunsrück unweit von Bernkastel-Kues, kilometerweit entfernt von jeder menschlichen Behausung, und schrieb ununterbrochen vor sich hin, weit entfernt von allen Außenreizen.  „Das Schreiben selber ist eine Intensität, ich kann nicht sagen, warum ich schreibe, ich habe dafür kein Alibi.“3Vgl. Brinkmann, Erkundungen, S. 312. So ist es.

3. Was hätten Sie Brinkmann gerne noch persönlich gesagt?
Kannst Du Dich auch mal zurücknehmen in Deinem andauernden Wüterich-Posing?

4. Ergänzen Sie bitte folgenden Satz: Rolf Dieter Brinkmann …
…hat sich vor schlechten Wörtern nicht gefürchtet.

 

Ausschnitt aus R. D. Brinkmann: Erkundungen… (Aufzeichnungen aus den Jahren 1971-1973, posthum veröff. Rowohlt 1987), siehe hierzu auch in den Anmerkungen. Foto: Michael Braun.


Zur Person

Michael Braun, geboren 1958 in Hauenstein/Pfalz, studierte Germanistik, Philosophie und Politische Wissenschaft, lebt als Literaturkritiker, Herausgeber und Moderator in Heidelberg. Mitarbeiter des Deutschlandfunks, des SWR, der Neuen Zürcher Zeitung und des Tagesspiegels. Seit 1994 Moderator und Berater des Erlanger Poetenfests. 2016 Gastprofessur am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichte zuletzt: Der gelbe Akrobat 3. 60 deutsche Gedichte, kommentiert. Hrsg. und kommentiert zusammen mit Michael Buselmeier. Poetenladen Verlag 2019. Michael Braun wurde ausgezeichnet mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 2018.


Mehr Informationen

■ “‘Wunderbarer Eigensinn’. Bernd Leukert im Gespräch mit Michael Braun”. In: Faust-Kultur. wwweltbühne für Autoren und Künstler (März 2018) → zum Interview
■ “Die große Chance: Wie ich lebe und warum. Rolf Dieter Brinkmann und Dieter M. Gräf als Fotokünstler”. In: Signaturen. Forum für autonome Poesie (2017) → zur Rezension
■ Weitere Texte von Michael Braun auf Poetenladen.de: Kritiken, Berichte, Interviews sowie die monatliche Zeitschriftenlese (im Wechsel mit Michael Buselmeier) → zur Website

Anmerkungen   [ + ]

1. Vgl. Martin Grzimek: “Über den Verlust der Verantwortlichkeit. Zu Rolf Dieter Brinkmanns poetischen Texten”. In: Arbeitskreis Linker Germanisten (Hrsg.): Neue Deutsche Lyrik. Beiträge zu Born, Brinkmann, Krechel, Theobaldy, Zahl u.a. Heidelberg 1977, S. 98-128.
2. Anm. R. Di Bella: Die von Michael Braun im Beitragsbild unterstrichene Passage aus Erkundungen ist höchst aufschlussreich zum Verständnis von Brinkmanns ‘später’ Poetik, weshalb sie hier tw. zitiert sei: “Gegenwart: Sammeln und Daten Jagen: Womit ich jage? (Literaturangabe: Bilz, von Hentig, Hans, Walter Grey, Burroughs, Korzybski, Reich, Grundlagen der Psychologie Bd. 1&2, Ardrey, African Genesis, Nietzsche, Russel[l], Bayley, The Star Virus, Delgado, Sturgeon, Moritz, Kuttner, A. Schmidt, Patchen, Celine <sic>, Canetti, Krakauer, früher Robbe-Grillet, nicht alle positiv: sondern wandle. ab!))//:: Gegenwart: ((dränge danach, jeden Gedanken, jede Erfahrung, jeden körperlichen Zustand in den vergangenen drei Jahren aufzuschreiben. Das nenne ich meinen Roman!/Sammle aber erst noch in Heften: Fiktionen der Gegenwart))//::”. In: Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand. Hrsg. von Maleen Brinkmann. Rowohlt 1987, S. 230. Sie war im Übrigen auch ein Anfangspunkt meiner eigenen Überlegungen zum nicht ausgeführten zweiten Romanprojekt des Autors.
3. Vgl. Brinkmann, Erkundungen, S. 312.

Über RoDiBe

Dr. Roberto Di Bella: Literaturwissenschaftler & Kulturvermittler
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